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Sein Puls schlug langsam und rhythmisch in seinen Ohren; das Seufzen seines Atmens war losgelöst von der atmenden Bewegung seiner Brust. Er existierte nur als Ansammlung von Fragmenten, von denen ein jedes seine eigenen Empfindungen hatte und keines von Bedeutung für das Zentrum seines Denkens war.

»Hier, Mac Dubh«, sagte Morrisons Stimme an seinem Ohr. »Heb den Kopf und trink das.«

Der scharfe Geruch des Whiskys traf ihn, und er versuchte, den Kopf abzuwenden.

»Das brauche ich nicht«, sagte er.

»Doch, das tust du«, sagte Morrison mit jener entschlossenen Sachlichkeit, die allen Heilern gemeinsam zu sein schien, als wüssten sie stets besser als man selbst, wie man sich fühlte oder was man brauchte. Da er weder die Kraft noch den Willen besaß zu widersprechen, öffnete er den Mund und nippte an dem Whisky. Er spürte, wie seine Halsmuskeln zitterten, so anstrengend war es, den Kopf hochzuhalten.

Der Whisky trug das Seine zu der Fülle der Empfindungen in seinem Inneren bei. Ein Brennen in Kehle und Bauch, ein scharfes Kribbeln in der Nase und eine Art Strudel in seinem Kopf, der ihm sagte, dass er zu viel zu schnell getrunken hatte.

»Ein bisschen noch, aye, so ist es gut«, sagte Morrison beschwörend. »Braver Junge. Aye, jetzt wird es besser, nicht wahr?« Morrisons kräftiger Körper bewegte sich, so dass ihm der Blick auf den verdunkelten Raum verstellt wurde. Hoch oben wehte zwar ein Luftzug zum Fenster herein, doch rings um ihn schien mehr Bewegung zu herrschen, als allein dem Wind zuzuschreiben war.

»Und, wie geht es deinem Rücken? Du wirst morgen früh so steif sein wie ein Brett, aber ich glaube, es könnte schlimmer sein. Hier, Mann, trink noch einen Schluck.« Der Rand des Hornbechers presste sich beharrlich an seinen Mund.

Morrison redete immer noch über alles und nichts. Irgendetwas stimmte daran nicht. Morrison war kein redseliger Mensch. Irgendetwas ging hier vor, doch er konnte es nicht sehen. Er hob den Kopf und versuchte zu sehen, was es war, das nicht stimmte, doch Morrison presste ihn wieder nieder.

»Mach dir keine Gedanken, Mac Dubh«, sagte er leise. »Du kannst es doch nicht verhindern.«

Aus der entlegensten Ecke der Zelle kamen verstohlene Geräusche, die Geräusche, die Morrison zu übertönen versucht hatte, damit er sie nicht hörte. Schaben und Scharren, Gemurmel, ein Schlag. Dann das unterdrückte Geräusch von Fausthieben, langsam und rhythmisch, heftiges Keuchen voll Angst und Schmerz, unterbrochen durch leises jammerndes Einatmen.

Sie verprügelten den jungen Angus MacKenzie. Er stützte die Hände unter seiner Brust auf, doch die Anstrengung setzte seinen Rücken in Brand, und ihm wurde schwindelig. Morrisons Hand war wieder da und zwang ihn nieder.

»Sei still, Mac Dubh«, sagte er. In seinem Ton vermischten sich Autorität und Resignation.

Eine Woge des Schwindels überspülte ihn, und seine Hände rutschten von der Bank. Morrison hatte ohnehin recht. Er konnte sie nicht daran hindern.

Dann lag er still unter Morrisons Hand, die Augen geschlossen, und wartete darauf, dass die Geräusche endeten. Unwillkürlich fragte er sich, wer es wohl war, der hier im Dunklen blinde Gerechtigkeit ausübte. Sinclair. Sein Kopf lieferte ihm ohne Zögern die Antwort. Und Hayes und Lindsay halfen ihm, kein Zweifel.

Sie konnten es genauso wenig ändern wie er oder Morrison. Menschen taten das, wozu sie geboren waren. Der eine ein Heiler, der andere ein Tyrann.

Die Geräusche waren verstummt, bis auf ein unterdrücktes, schluchzendes Keuchen. Seine Schultern entspannten sich, und er bewegte sich nicht, als Morrison das letzte feuchte Tuch entfernte und ihn sanft trocken tupfte, so dass ihn der kühle Luftzug des Fensters plötzlich erschauern ließ. Er presste die Lippen zusammen, um kein Geräusch zu machen. Sie hatten ihn heute Nachmittag geknebelt, und er war froh darüber; als man ihn vor Jahren das erste Mal ausgepeitscht hatte, hatte er sich beinahe die Unterlippe entzweigebissen.

Der Whiskybecher drückte sich an seinen Mund, doch er wandte den Kopf ab, und der Becher verschwand kommentarlos an einen Ort, wo man ihn freudiger aufnehmen würde. Milligan vermutlich, der Ire.

Ein Mann mit einer Schwäche für Alkohol, ein anderer, der Alkohol hasste. Ein Mann, der die Frauen liebte, und ein anderer …

Er seufzte und rückte ein wenig auf dem harten Bett aus Planken umher. Morrison hatte ihn zugedeckt und war gegangen. Er fühlte sich erschöpft und leer, immer noch in Fragmente zerteilt, doch sein Verstand war vollkommen klar und hatte sich irgendwo in einigem Abstand von ihm niedergelassen.

Morrison hatte auch die Kerze mitgenommen; sie brannte am anderen Ende der Zelle, wo die Männer kameradschaftlich beieinandersaßen, durch das Licht in schwarze Umrisse verwandelt, der eine nicht vom anderen zu unterscheiden, mit Gold umrandet wie die Bilder gesichtsloser Heiliger in alten Messbüchern.

Er fragte sich, woher sie kamen, diese Gaben, die die Natur eines Mannes formten. Von Gott?

War es wie der Heilige Geist und die Feuerzungen, die sich auf die Apostel gesenkt hatten? Er musste an das Bild in der Bibel in der Wohnstube seiner Mutter denken, auf dem die Apostel Feuerkronen trugen und vor Schreck wie vom Donner gerührt aussahen, während sie dastanden wie eine Schar von Bienenwachskerzen, die man für ein Fest angezündet hatte.

Er lächelte bei der Erinnerung und schloss die Augen. Die Schatten der Kerze flackerten rot auf seinen Lidern.

Claire, seine Claire – wer wusste, welche Macht sie zu ihm geschickt hatte, sie in ein Leben katapultiert hatte, für das sie mit Sicherheit nicht geboren worden war. Und doch hatte sie gewusst, was zu tun war, was ihr bestimmt war, trotz allem. Nicht jeder hatte das Glück, seine Gabe zu kennen.

Neben ihm in der Dunkelheit raschelte es zögernd. Er öffnete die Augen und sah nicht mehr als einen Umriss, doch er wusste auch so, wer es war.

»Wie geht es dir, Angus?«, sagte er leise auf Gälisch.

Der junge Mann kniete sich umständlich neben ihn und nahm seine Hand.

»Ich … es geht. Aber Ihr … Sir, ich meine … ich – es tut mir leid …«

War es Erfahrung oder Instinkt, der seine eigene Hand beruhigend zudrücken ließ?

»Mir geht es auch gut«, sagte er. »Leg dich hin, Angus, und ruh dich aus.«

Der Umriss neigte den Kopf zu einer seltsam förmlichen Geste und drückte ihm einen Kuss auf den Handrücken.

»Ich … darf ich bei Euch bleiben, Sir?«

Seine Hand war tonnenschwer, doch er hob sie dennoch und legte sie dem jungen Mann auf den Kopf. Dann glitt sie ab, doch er spürte, wie die Anspannung des Jungen nachließ, weil er Trost aus der Berührung zog.

Er war als Anführer geboren worden und dann weiter mit dem Ziel geformt worden, ein solches Schicksal zu erfüllen. Was aber war mit einem Menschen, der nicht für die Rolle geboren war, die zu erfüllen von ihm verlangt wurde? John Grey zum Beispiel. Oder Charles Stuart.

Zum ersten Mal seit zehn Jahren brachte er es aus dieser seltsamen Distanz über sich, dem wankelmütigen Mann zu vergeben, der einmal sein Freund gewesen war. So oft schon hatte er den Preis gezahlt, den seine eigene Gabe ihm auferlegte, dass er nun endlich sehen konnte, wie viel schrecklicher es war, als König zur Welt zu kommen, ohne die Gabe des Königtums zu besitzen.

Angus MacKenzie saß zusammengesunken neben ihm an der Wand, den Kopf auf die Knie gesenkt, seine Decke auf den Schultern. Die vornübergebeugte Gestalt stieß leise, gurgelnde Schnarchgeräusche aus. Er konnte spüren, wie auch ihn der Schlaf übermannte und dabei die verstreuten Bruchstücke wieder zusammenfügte, und er wusste, dass er am Morgen zwar nicht ohne Schmerzen, aber doch als Ganzes erwachen würde.

Er fühlte sich von vielen Dingen zugleich erlöst. Vom Gewicht der unmittelbaren Verantwortung, von der Notwendigkeit, sich zu entscheiden. Die Versuchung war vorüber, jede Möglichkeit dahin. Wichtiger noch, die Last der Wut war von ihm gewichen; vielleicht war sie für immer dahin.

Und so, dachte er inmitten des zunehmenden Nebels, hatte ihm John Grey sein Schicksal zurückgegeben.