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»Befristete Leibeigenschaft ist keine Sklaverei«, hatte ihm Grey versichert, doch der Major wusste genauso gut wie er, dass der Unterschied nur auf dem Papier existierte und dass es nur insofern die Wahrheit war, als die Leibeigenen – falls sie überlebten – an einem festgesetzten Datum ihre Freiheit zurückerlangen würden. Ein Leibeigener war so gut wie in jeder anderen Hinsicht der Sklave seines – oder ihres – Herrn, den man beliebig misshandeln, auspeitschen oder brandmarken konnte und dem es per Gesetz verboten war, den Besitz seines Herrn ohne Erlaubnis zu verlassen.

So wie man es jetzt auch James Fraser verbieten würde.

»Ihr sollt nicht mit den anderen fortgeschickt werden.« Grey hatte ihn nicht angesehen, während er das sagte. »Ihr seid nicht nur Kriegsgefangener, Ihr seid ein verurteilter Verräter. Als solcher bleibt Ihr Strafgefangener, solange es Seiner Majestät beliebt; Eure Strafe kann nicht ohne die königliche Zustimmung in eine Deportation umgewandelt werden. Und es beliebt Seiner Majestät zu diesem Zeitpunkt nicht, diese Zustimmung zu gewähren.«

Jamie war sich einer bemerkenswerten Vielzahl von Gefühlen bewusst; unter seiner unmittelbaren Rage empfand er Angst und Trauer um das Schicksal seiner Männer, vermischt mit einem flackernden Hauch von schmählicher Erleichterung, dass sein eigenes Schicksal, wie auch immer es aussehen würde, nicht damit verbunden sein würde, sich der See anzuvertrauen. Von dieser Erkenntnis beschämt, richtete er seinen kalten Blick auf Grey.

»Das Gold«, sagte er geradeheraus. »Das ist es, aye?« Solange auch nur die geringste Chance bestand, dass er offenbarte, was er über diesen halb mythischen Schatz wusste, würde es die englische Krone nicht riskieren, ihn an die Seeungeheuer oder die Wilden der Kolonien zu verlieren.

Der Major sah ihn immer noch nicht an, zuckte aber sacht mit den Schultern, so gut wie ein »Ja«.

»Und wohin gehe ich?« Seine Stimme hatte rostig geklungen, ein wenig heiser, während er sich vom Schreck der Neuigkeit zu erholen begann.

Grey hatte geschäftig seine Aufzeichnungen verstaut. Es war Anfang September, und ein warmer Windhauch wehte durch das halb geöffnete Fenster herein und ließ die Papiere flattern.

»Es heißt Helwater. Im Lake District in England. Ihr werdet bei Lord Dunsany einquartiert, wo Ihr den Dienst eines Knechts versehen werdet.« Grey blickte auf, doch der Ausdruck seiner hellblauen Augen war unergründlich. »Ich werde Euch dort einmal im Quartal besuchen – um mich Eures Wohlergehens zu versichern.«

Jetzt betrachtete er den rotberockten Rücken des Majors, während sie hintereinander über die schmalen Alleen ritten, und flüchtete sich aus seinem Elend in die Genugtuung, sich vorzustellen, wie diese großen blauen Augen blutunterlaufen und voll Erstaunen vorquollen, während sich Jamie Frasers Hände fest um den schlanken Hals des Mannes legten und sich seine Daumen in die sonnengerötete Haut bohrten, bis der schlanke, muskulöse Körper des Majors in seinem Griff erschlaffte wie ein erlegtes Kaninchen.

Wie es Seiner Majestät beliebte, wie? Er ließ sich nicht täuschen. Hinter alldem steckte Grey; das Gold war nur eine Ausrede. Man würde ihn als Bediensteten verkaufen und an einem Ort halten, wo Grey es sehen und sich an seinem Elend weiden konnte. Dies war die Rache des Majors.

Jede Nacht hatte er vor dem Kamin gelegen und am ganzen Körper gelitten, während er sich gnadenlos jedes Zuckens, jedes Raschelns und jedes Atemzugs des Mannes in dem Bett hinter ihm bewusst war, ein Bewusstsein, für das er sich selber hasste. Mit dem Morgengrauen hatte er sich wieder in seine Wut hineingesteigert und sich nichts sehnlicher gewünscht, als dass der Mann erwachte und ihm gegenüber eine anzügliche Geste machte, so dass sich seine Wut in der Leidenschaft eines Mordes entladen konnte. Doch Grey hatte nur geschnarcht.

Über die Brücke von Helvellyn, vorbei an einem dieser merkwürdigen, grasbewachsenen Gewässer, und das rote und gelbe Laub von Ahorn und Birke wirbelte ihm in Schauern von der schweißfeuchten Vorhand seines Pferdes in das Gesicht und glitt wie eine flüsternde Liebkosung über ihn hinweg.

Grey hatte vor ihm angehalten und drehte sich im Sattel um, während er wartete. Sie waren also angekommen. Die Landschaft senkte sich steil in ein Tal hinunter, wo das Herrenhaus halb verdeckt in einem Meer aus herbstbunten Bäumen stand.

Vor ihm lag Helwater und damit die Aussicht auf das schändliche Dasein eines Knechts. Er richtete sich auf und trat sein Pferd, fester als beabsichtigt.

Grey wurde im großen Salon empfangen, wo Lord Dunsany seine zerzauste Kleidung und seine schmutzigen Stiefel herzlich übersah und ihm Lady Dunsany, eine kleine rundliche Frau mit verblichenem blondem Haar, ihre ganze Gastfreundschaft angedeihen ließ.

»Etwas zu trinken, Johnny, Ihr müsst etwas trinken! Und Louisa, Liebe, vielleicht solltest du die Mädchen holen, damit sie unseren Gast begrüßen.«

Während sich Lady Dunsany abwandte, um einem Bediensteten ihre Anweisungen zu erteilen, beugte sich Seine Lordschaft dicht über sein Glas, um ihm zuzumurmeln: »Dieser schottische Gefangene – Ihr habt ihn mitgebracht?«

»Ja«, sagte Grey. Es war zwar kaum wahrscheinlich, dass ihn Lady Dunsany hörte, die sich jetzt lebhaft mit dem Butler über die geänderten Pläne für das Abendessen unterhielt, doch er hielt es für besser, leise zu sprechen. »Ich habe ihn in der Eingangshalle gelassen – ich war mir nicht ganz sicher, was Ihr mit ihm vorhabt.«

»Ihr habt gesagt, er kann gut mit Pferden umgehen, nicht wahr? Dann soll er doch am besten als Stallknecht arbeiten, wie Ihr es vorgeschlagen habt.« Lord Dunsany warf einen Blick auf seine Frau und drehte sich dann mit Bedacht so, dass er ihr seinen hageren Rücken zukehrte und ihr Gespräch noch besser abgeschirmt war. »Ich habe Louisa nicht gesagt, wer er ist«, murmelte der Baron. »Dieser Schreck, den uns die Highlander während des Aufstands eingejagt haben – das ganze Land war ja wie gelähmt vor Angst. Und sie hat Gordons Tod nie verwunden.«

»Ich verstehe.« Grey tätschelte dem alten Mann beruhigend die Hand. Er hatte den Eindruck, dass auch Dunsany den Tod seines Sohnes nicht verwunden hatte, obwohl er um seiner Frau und seiner Töchter willen den Tapferen spielte.

»Ich sage ihr einfach, der Mann ist jemand, den Ihr mir als Dienstboten empfohlen habt. Er … er ist doch natürlich nicht gefährlich? Ich meine … nun ja, die Mädchen …« Lord Dunsany warf einen beklommenen Blick auf seine Frau.

»Absolut nicht«, versicherte Grey seinem Gastgeber. »Er ist ein Ehrenmann, und er hat sein Wort gegeben. Er wird weder das Haus betreten noch das Anwesen verlassen, es sei denn mit Eurer ausdrücklichen Erlaubnis.« Er wusste, dass Helwater weit mehr als zweihundert Hektar umfasste. Es war zwar alles andere als Freiheit, und es war weit von Schottland entfernt, doch vielleicht war es immerhin besser als die steinerne Enge von Ardsmuir oder die fernen Strapazen der Kolonien.

Ein Geräusch an der Tür ließ Dunsany herumfahren, und das Erscheinen seiner beiden Töchter gab ihm die strahlende Herzlichkeit zurück.

»Ihr erinnert Euch doch an Geneva, Johnny?«, fragte er und schob seinen Gast auf sie zu. »Isobel war noch ein kleines Mädchen, als Ihr das letzte Mal hier wart – wie doch die Zeit vergeht!« Und er schüttelte ein wenig bestürzt den Kopf.

Isobel war vierzehn, klein, rund und fröhlich und blond wie ihre Mutter. An Geneva erinnerte sich Grey tatsächlich nicht – oder vielmehr erinnerte er sich zwar an sie, doch das dünne Schulmädchen der Vergangenheit hatte wenig Ähnlichkeit mit der anmutigen Siebzehnjährigen, die ihm jetzt die Hand entgegenhielt. So wie Isobel ihrer Mutter ähnelte, kam Geneva nach ihrem Vater, zumindest, was ihre Größe und ihren schlanken Körperbau betraf. Möglich, dass auch Lord Dunsanys ergrautes Haar einst diesen schimmernden Kastanienton besessen hatte, und das Mädchen hatte Dunsanys klare graue Augen.

Die Mädchen begrüßten den Besucher zwar höflich, doch eigentlich interessierten sie sich viel mehr für etwas anderes.