»Papa«, sagte Isobel und zupfte ihren Vater am Ärmel. »Im Treppenhaus steht ein riesiger Mann! Er hat uns auf dem Weg nach unten die ganze Zeit beobachtet! Er sieht gefährlich aus!«
»Wer ist das, Papa?«, fragte Geneva, zwar zurückhaltender als ihre Schwester, aber eindeutig ebenfalls neugierig.
»Äh … das muss der neue Stallknecht sein, den John uns mitgebracht hat«, sagte Lord Dunsany sichtlich nervös. »Einer der Hausdiener soll ihn in den …« Der Baron wurde unterbrochen, weil plötzlich ein Bediensteter in der Tür erschien.
»Sir«, sagte er mit schockierter Miene angesichts der Nachricht, die er überbrachte, »da steht ein Schotte im Flur!« Für den Fall, dass man ihm diese empörende Behauptung nicht glaubte, wandte er sich um und wies mit einer ausladenden Geste auf die hochgewachsene Gestalt, die in ihren Umhang gehüllt wortlos hinter ihm stand.
Auf dieses Stichwort hin trat der Fremde einen Schritt vor, und als er Lord Dunsany erspähte, neigte er höflich den Kopf.
»Mein Name ist Alex MacKenzie«, sagte er mit sanftem Highlandakzent. Er verneigte sich vor Lord Dunsany, und nichts an seinem Verhalten deutete darauf hin, dass er es spöttisch meinte. »Euer Diener, Mylord.«
Für einen Mann, der das entbehrungsreiche Leben auf einer Highlandfarm oder die Zwangsarbeit im Gefängnis gewohnt war, war die Arbeit eines Stallknechts auf einem Gestüt im Lake District keine große Strapaze. Für einen Mann, der zwei Monate in einer Zelle zugebracht hatte – seit die anderen in die Kolonien aufgebrochen waren –, war es höllisch anstrengend. In der ersten Woche, während sich seine Muskeln wieder an die plötzlichen Anforderungen ständiger Bewegung gewöhnten, fiel Jamie Fraser jeden Abend selbst zum Träumen zu müde in sein Strohlager auf dem Heuboden.
Er war in einem solchen Zustand der Erschöpfung und des seelischen Aufruhrs in Helwater angekommen, dass er es zunächst nur als ein weiteres Gefängnis betrachtet hatte – noch dazu unter Fremden, weit entfernt von den Highlands. Nun, da er sich hier eingerichtet hatte, von seinem Wort an Ort und Stelle gehalten wie von Gittern, stellte er fest, dass es mit jedem Tag für Körper und Seele leichter wurde. Sein Körper härtete sich ab, seine Gefühle beruhigten sich in der leisen Gesellschaft der Pferde, und allmählich sah er sich wieder imstande, rational zu denken.
Er hatte zwar keine echte Freiheit, doch zumindest hatte er hier Luft und Licht, Platz, seine Glieder auszustrecken, und den Anblick der Berge und der herrlichen Pferde, die Dunsany züchtete. Die anderen Stallknechte und Dienstboten begegneten ihm verständlicherweise argwöhnisch, doch im Großen und Ganzen ließen sie ihn in Ruhe, schon aus Respekt vor seiner Körpergröße und seiner unnahbaren Miene. Es war ein einsames Leben – doch er hatte schon lange akzeptiert, dass das Leben für ihn vermutlich nie anders sein würde.
Schnee legte sich sanft über Helwater, und selbst Major Greys offizieller Besuch zu Weihnachten – ein angespannter, peinlicher Anlass – verstrich, ohne seine wachsende Zufriedenheit zu stören.
In aller Stille richtete er es ein, mit Jenny und Ian in den Highlands zu kommunizieren. Abgesehen von ihren gelegentlichen Briefen, die ihn auf indirekten Wegen erreichten und die er las und dann um der Sicherheit willen vernichtete, war das Einzige, was ihn an die Heimat erinnerte, der Rosenkranz aus Buchenholz, den er unter seinem Hemd verborgen um den Hals trug.
Ein Dutzend Mal am Tag berührte er das kleine Kreuz, das über seinem Herzen lag, und jedes Mal beschwor er dabei das Gesicht eines geliebten Menschen herauf und sprach ein kurzes Wort des Gebets – für seine Schwester Jenny, für seinen Namensvetter Jamie, für Maggie und Katherine Mary, für die Zwillinge Michael und Janet und für den kleinen Ian. Für die Pächter von Lallybroch, die Männer aus Ardsmuir. Und stets das erste Gebet am Morgen, das letzte am Abend – und oftmals auch dazwischen – für Claire. Herr, lass sie gerettet sein. Sie und das Kind.
Als dann der Schnee schmolz und der Frühling heraufdämmerte, wurde sich Jamie Fraser eines einzigen Haars in der Suppe seines Alltags bewusst – der Allgegenwart Lady Geneva Dunsanys.
Hübsch, verwöhnt und selbstherrlich – Lady Geneva war es gewohnt zu bekommen, was sie wollte, wenn sie es wollte, und wen sie damit behinderte, war ihr völlig egal. Sie war eine gute Reiterin – das musste Jamie zugeben –, aber so scharfzüngig und launisch, dass die Stallknechte Strohhalme zogen, um zu entscheiden, wer das Pech hatte, sie auf ihrem täglichen Ausritt begleiten zu müssen.
In letzter Zeit jedoch hatte sich Lady Geneva ihren Begleiter selbst ausgesucht – Alex MacKenzie.
»Unsinn«, sagte sie, als er erst an die Vorsicht appellierte und dann behauptete, er fühle sich nicht gut, um sie nicht in den dichten Nebel der Hügel über Helwater begleiten zu müssen; eine Gegend, in der man ihr das Reiten verboten hatte, weil der Untergrund trügerisch und der Nebel gefährlich war. »Seid doch nicht albern. Es wird uns schon niemand sehen. Kommt mit!« Und mit einem brutalen Tritt in die Flanken ihrer Stute war sie auf und davon, ehe er sie aufhalten konnte, und sah sich lachend nach ihm um.
Dass sie in ihn verschossen war, war so offensichtlich, dass die anderen Stallknechte heimlich grinsten und miteinander tuschelten, wenn sie den Stall betrat. Er verspürte in ihrer Gesellschaft stets das ausgeprägte Bedürfnis, sie dorthin zu treten, wo es den meisten Eindruck hinterlassen würde, doch bis jetzt hatte er sich damit begnügt, striktes Schweigen zu wahren, wenn sie in der Nähe war, und mit einem mürrischen Grunzen auf ihre Avancen zu reagieren.
Er baute darauf, dass sie seiner Wortkargheit früher oder später überdrüssig werden und ihre lästige Aufmerksamkeit auf einen anderen Stallknecht richten würde. Oder – bitte, Herr – dass sie bald heiraten und Helwater – und ihn – ganz verlassen würde.
Es war einer dieser seltenen Sonnentage im Lake District, wo der Unterschied zwischen den Wolken und dem Boden oft kaum wahrnehmbar ist, denn alles ist nass. Doch an diesem Mainachmittag war es warm, so warm, dass es Jamie angenehm war, sich das Hemd auszuziehen. Hier oben auf dem Feld am Hang war das nicht gefährlich, denn es war unwahrscheinlich, dass er Gesellschaft bekommen würde, abgesehen von Bess und Blossom, den beiden behäbigen Zugpferden, die die Walze zogen.
Es war ein großes Feld, und die Pferde waren alt und an diese Arbeit gewöhnt, die sie willig ausführten; alles, was er tun musste, war hin und wieder an den Leinen zu zupfen, damit sie weiter geradeaus liefen. Die Walze war aus Holz, anders als die älteren Exemplare aus Stein oder Eisen, und sie hatte jeweils einen schmalen Schlitz zwischen den Brettern, so dass man das Innere mit verrottetem Dung füllen konnte. Dieser rieselte unablässig heraus, während sich die Walze drehte, und das schwere Konstrukt wurde immer leichter, je weiter es sich leerte.
Jamie war begeistert von dieser neuen Erfindung. Er musste Ian davon erzählen; ihm eine Zeichnung anfertigen. Nicht mehr lange, bis die Zigeuner kamen; die Küchenmägde und Stallknechte redeten schon davon. Vielleicht würde er noch Zeit haben, seinem fortlaufenden Brief etwas hinzuzufügen – jedes Mal, wenn wandernde Kesselflicker oder Zigeuner auf den Hof kamen, gab er ihnen mit, was er an Seiten hatte. Es konnte einen Monat dauern oder drei oder sechs, bis sie ihr Ziel erreichten, doch irgendwann fand das Paket, das von Hand zu Hand weitergereicht wurde, den Weg in die Highlands und schließlich nach Lallybroch zu seiner Schwester, die eine großzügige Summe für seinen Erhalt bezahlen würde.
Antworten aus Lallybroch kamen auf derselben anonymen Route – da er Gefangener der Krone war, musste alles, was er offiziell mit der Post schickte oder erhielt, von Lord Dunsany inspiziert werden. Einen Moment lang erfüllte ihn der Gedanke an einen möglichen Brief mit Erregung, doch er versuchte, sie zu dämpfen; vielleicht kam ja gar nichts.
»Achtung!«, rief er, mehr der Form halber als aus Notwendigkeit. Bess und Blossom konnten die nahende Steinmauer genauso gut sehen wie er, und sie wussten genau, dass dies die Stelle war, an der sie mit dem mühseligen Wendemanöver beginnen mussten. Bess zuckte mit dem Ohr und schnaubte, und er grinste.