Er rang um Worte, doch zunächst entwichen ihm nur unzusammenhängende Laute. Schließlich holte er tief Luft und sagte mit aller Entschlossenheit, die er aufbringen konnte: »Betty hat keinerlei Grundlage, aus der sie irgendwelche Schlüsse auf mein Vermögen ziehen könnte. Ich habe die Kleine nicht angerührt.«
Geneva lachte entzückt. »Dann seid Ihr also nicht mit ihr ins Bett gegangen? Sie hat gesagt, Ihr hättet Euch geweigert, aber ich dachte, sie wollte vielleicht nur verhindern, dass sie Schläge bekommt. Das ist gut, ich könnte mir unmöglich einen Mann mit meiner Zofe teilen.«
Er atmete schwer. Ihr die Schaufel auf den Kopf sausen zu lassen oder sie zu erwürgen, kam unglücklicherweise nicht in Frage. Sein aufgebrachtes Temperament beruhigte sich allmählich. Ihr Verhalten mochte ja empörend sein, doch im Grunde war sie machtlos. Sie konnte ihn wohl kaum zwingen, mit ihr ins Bett zu gehen.
»Guten Tag, Mylady«, sagte er so höflich wie möglich. Er drehte ihr den Rücken zu und begann, Mist in den Hohlraum der Walze zu schaufeln.
»Wenn Ihr es nicht tut«, sagte sie liebenswürdig, »sage ich meinem Vater, dass Ihr Euch mir angenähert habt. Er lässt Euch die Haut vom Rücken peitschen.«
Er zog unwillkürlich den Kopf ein. Sie konnte unmöglich davon wissen. Seit er hier war, achtete er stets darauf, sich nie das Hemd auszuziehen, wenn jemand dabei war.
Er drehte sich vorsichtig um und starrte sie an. In ihren Augen leuchtete der Triumph.
»Euer Vater mag mich nicht besonders gut kennen«, sagte er, »aber er kennt Euch seit Eurer Geburt. Erzählt es ihm ruhig und geht zum Teufel!«
Sie plusterte sich auf wie ein Kampfhahn, und ihr Gesicht wurde knallrot vor Wut. »Ach ja?«, rief sie aus. »Nun, dann seht Euch das an und geht selber zum Teufel!« Sie griff in die Brust ihres Kostüms und zog einen dicken Brief hervor, mit dem sie vor seiner Nase wedelte. Die klare schwarze Handschrift seiner Schwester war ihm so vertraut, dass ein kurzer Blick reichte.
»Gebt das her!« Blitzschnell war er vom Wagen gesprungen und hinter ihr her, doch sie war zu schnell. Sie saß im Sattel, ehe er sie fassen konnte. Mit einer Hand lenkte sie das Pferd rückwärts, mit der anderen schwenkte sie spottend den Brief.
»Wollt Ihr ihn haben?«
»Ja, ich will ihn haben! Gebt ihn her!« Er war so wütend, dass er imstande gewesen wäre, ihr etwas anzutun, wenn er sie in die Finger bekommen hätte. Unglücklicherweise spürte ihre braune Stute, wie ihm zumute war, und wich beklommen schnaubend und scharrend zurück.
»Lieber nicht.« Sie betrachtete ihn kokett, und allmählich wich ihr die Zornesröte aus dem Gesicht. »Im Grunde ist es doch meine Pflicht, ihn meinem Vater zu geben, nicht wahr? Er sollte es wissen, wenn seine Dienstboten geheime Korrespondenzen führen, meint Ihr nicht? Ist Jenny Eure Liebste?«
»Ihr habt meinen Brief gelesen? Kleines Miststück!«
»Was für eine Ausdrucksweise«, sagte sie und schwenkte tadelnd den Brief. »Es ist doch meine Pflicht, meinen Eltern zu helfen, indem ich sie wissen lasse, was für schlimme Dinge die Bediensteten im Schilde führen, oder? Und ich bin schließlich eine pflichtbewusste Tochter, nicht wahr, indem ich mich ohne einen Laut in diese Ehe füge?« Mit einem spöttischen Lächeln stützte sie sich auf den Sattelknauf, und wieder stieg die Wut in ihm auf, denn er begriff, wie sehr sie sich an seiner Lage weidete.
»Papa wird die Lektüre vermutlich sehr interessant finden«, sagte sie. »Vor allem die Stelle mit dem Gold, das an Lochiel in Frankreich geschickt werden soll. Gilt es nicht nach wie vor als Hochverrat, die Feinde des Königs zu unterstützen? Tsk«, sagte sie und schnalzte verwegen mit der Zunge. »Wie böse.«
Er hatte das Gefühl, er müsste sich vor lauter Grauen auf der Stelle übergeben. Ob sie die geringste Ahnung hatte, wie viele Menschenleben in ihrer gepflegten weißen Hand lagen? Seine Schwester, Ian, ihre sechs Kinder, sämtliche Pächter und Familien auf Lallybroch … vielleicht sogar das Leben der Agenten, die Nachrichten und Geld von Schottland nach Frankreich brachten und die prekäre Existenz der Jakobiten im Exil sicherten.
Er schluckte, erst einmal, dann noch einmal, ehe er etwas sagte.
»Also schön«, sagte er. Sie lächelte jetzt weniger gekünstelt, und er begriff, wie furchtbar jung sie war. Aye, und der Biss einer jungen Natter war genauso giftig wie der einer alten.
»Ich verrate nichts«, versicherte sie ihm mit ernster Miene. »Ich gebe Euch hinterher Euren Brief zurück, und ich werde niemals sagen, was darin gestanden hat. Ich verspreche es.«
»Danke.« Er versuchte, sich so weit zu sammeln, dass er einen vernünftigen Plan fassen konnte. Vernünftig? Das Haus seines Herrn zu betreten, um seine Tochter zu entjungfern – auf ihre Bitte hin? Das war das Unvernünftigste, was er je gehört hatte.
»Also schön«, wiederholte er. »Wir müssen vorsichtig sein.« Mit einem Gefühl dumpfen Grauens ließ er sich in die Rolle ihres Mitverschwörers ziehen.
»Ja. Keine Sorge, ich kann meine Zofe fortschicken, und der Hausdiener trinkt; er schläft immer schon vor zehn Uhr.«
»Dann schickt sie fort«, sagte er, und sein Magen verkrampfte sich. »Aber achtet darauf, dass Ihr einen sicheren Tag auswählt.«
»Einen sicheren Tag?«, fragte sie verständnislos.
»Irgendwann in der Woche nach dem Ende Eurer Regel«, sagte er unverblümt. »Dann ist es weniger wahrscheinlich, dass Ihr schwanger werdet.«
»Oh.« Sie errötete, betrachtete ihn jedoch mit frischer Neugier.
Einige Augenblicke betrachteten sie einander schweigend, plötzlich verbunden in Erwartung der Zukunft.
»Ich lasse es Euch wissen«, sagte sie schließlich. Sie wendete ihr Pferd und galoppierte über das Feld davon, so dass der frisch verteilte Mist unter den Hufen ihrer Stute aufflog.
Er fluchte ebenso unablässig wie lautlos, während er unter der Lärchenreihe entlangschlich. Der Mond leuchtete kaum, was ein Segen war. Sechs Meter offene Rasenfläche, die er mit einem Satz überquerte, dann stand er knietief in den Akeleien und Gamanderstauden des Blumenbeets.
Er blickte an der Hauswand empor, die finster und abweisend über ihm aufragte. Ja, da war die Kerze im Fenster, wie sie es gesagt hatte. Dennoch zählte er die Fenster zur Sicherheit sorgsam durch. Mochte ihm der Himmel beistehen, wenn er das falsche Zimmer wählte. Mochte ihm der Himmel nicht minder beistehen, wenn es das richtige war, dachte er grimmig und umfasste den Stamm des ausladenden Efeus, das diese Seite des Hauses bedeckte.
Die Blätter raschelten wie ein Hurrikan, und die Äste, so stabil sie sein mochten, ächzten und bogen sich alarmierend unter seinem Gewicht. Ihm blieb nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich zu klettern und darauf vorbereitet zu sein, sich in die Nacht zu stürzen, falls sich eins der Fenster plötzlich öffnete.
Als er den kleinen Balkon erreichte, keuchte er mit rasendem Herzen und in Schweiß gebadet, trotz der Kühle der Nacht. Einen Moment hielt er inne, allein unter den schwachen Frühlingssternen, um wieder zu Atem zu kommen. Als er wieder Luft bekam, benutzte er sie, um Geneva Dunsany ein letztes Mal zu verfluchen, dann drückte er die Tür auf.
Sie hatte auf ihn gewartet und hatte daher gehört, wie er das Efeu erklomm. Sie erhob sich von der Couch, auf der sie gesessen hatte, und kam auf ihn zu, das Kinn erhoben, das Kastanienhaar lose auf den Schultern.
Sie trug ein weißes Nachtgewand aus einem durchscheinenden Material, das am Hals mit einer Seidenschleife verschlossen war. Es sah nicht wie das Nachthemd einer sittsamen jungen Dame aus, und er begriff erschrocken, dass sie die Kleider ihrer Hochzeitsnacht trug.
»Ihr seid also gekommen.« Er hörte ihren triumphierenden Unterton, aber auch das leise Beben. Also war sie sich seiner nicht sicher gewesen?
»Ich hatte ja kaum eine andere Wahl«, sagte er knapp und wandte sich ab, um die Glastür hinter sich zu schließen.