»Möchtet Ihr ein Glas Wein?« Um Haltung bemüht, ging sie zum Tisch, wo eine Karaffe mit zwei Gläsern stand. Wie hatte sie das hinbekommen?, fragte er sich. Dennoch, ein Gläschen konnte unter den gegenwärtigen Umständen nicht schaden. Er nickte und nahm ihr das volle Glas aus der Hand.
Verstohlen betrachtete er sie, während er daran nippte. Das Nachthemd trug kaum dazu bei, ihren Körper zu verhüllen, und als sich sein Herzschlag nach der Panik der Kletterpartie nun allmählich verlangsamte, stellte er fest, dass sich auch seine anfängliche Angst – dass er nicht in der Lage sein würde, seinen Teil der Abmachung einzuhalten – wie von selbst zerstreute. Sie war schlank mit schmalen Hüften und kleinen Brüsten, aber definitiv eine Frau.
Als er fertig war, stellte er das Glas hin. Sinnlos, es hinauszuzögern, dachte er.
»Der Brief?«, sagte er abrupt.
»Hinterher«, sagte sie und presste die Lippen aufeinander.
»Sofort, sonst gehe ich.« Und er wandte sich dem Fenster zu, als wollte er die Drohung wahr machen.
»Halt!« Er drehte sich wieder um, betrachtete sie aber mit unverhohlener Ungeduld.
»Vertraut Ihr mir nicht?«, fragte sie und versuchte, es gewinnend und bezaubernd klingen zu lassen.
»Nein«, sagte er unverblümt.
Sie sah verärgert aus und schob gereizt die Unterlippe vor, doch er sah sich nur mit versteinerter Miene zu ihr um, ohne sich vom Fenster abzuwenden.
»Oh, also gut«, sagte sie schließlich schulterzuckend. Sie wühlte unter den Stickereien in ihrer Handarbeitsschatulle, brachte den Brief zum Vorschein und warf das Päckchen neben ihm auf den Waschtisch.
Er griff danach und faltete die Blätter auseinander, um ganz sicher zu sein. Eine Mischung aus Wut und Erleichterung erfüllte ihn beim Anblick des verletzten Siegels und der Handschrift seiner Schwester, klar und kraftvoll.
»Nun?«, unterbrach ihn Genevas Stimme ungeduldig bei seiner Lektüre. »Legt das hin und kommt her, Jamie. Ich bin so weit.« Sie setzte sich auf das Bett und schlang die Arme um die Knie.
Er erstarrte und warf ihr über die Blätter in seiner Hand hinweg einen kalten blauen Blick zu.
»Nennt mich nicht bei diesem Namen«, sagte er. Sie schob ihr spitzes Kinn noch etwas höher und zog die gezupften Augenbrauen hoch.
»Warum denn nicht? Es ist doch Euer Name. Eure Schwester nennt Euch so.«
Er zögerte einen Moment, dann legte er den Brief mit Bedacht beiseite und beugte den Kopf über die Schnüre seiner Kniehose.
»Ich werde anständig zu Euch sein«, sagte er, ohne den Blick von seinen geschäftigen Fingern zu heben, »um meiner Ehre als Mann willen und der Euren als Frau. Aber«, er hob den Kopf, und der Blick seiner zusammengekniffenen blauen Augen bohrte sich in die ihren, »wenn Ihr mich schon in Euer Bett zwingt, indem Ihr meine Familie bedroht, werdet Ihr mich nicht auch noch bei dem Namen nennen, mit dem man mich zu Hause ruft.« Er stand reglos da, den Blick auf ihre Augen geheftet. Schließlich nickte sie kaum merklich, und ihr Blick sank auf die Bettdecke.
Mit einem Finger zeichnete sie das Muster nach.
»Wie soll ich Euch denn nennen?«, fragte sie schließlich kleinlaut. »Ich kann doch nicht MacKenzie sagen!«
Seine Mundwinkel hoben sich sacht, als er sie ansah. Sie sah sehr klein aus, auf dem Bett zusammengekauert, die Arme um die Knie gelegt und den Kopf gesenkt. Er seufzte.
»Dann nennt mich Alex. So heiße ich auch.«
Sie nickte wortlos. Ihre Haare fielen ihr wie Flügel vor das Gesicht, doch er konnte das kurze Aufglänzen ihrer Augen sehen, als sie aus dieser Deckung hervorblinzelte.
»Schon gut«, sagte er schroff. »Ihr könnt mir zusehen.« Er schob die lose Kniehose herunter und rollte dabei seine Strümpfe auf. Er schüttelte sie aus und legte sie ordentlich zusammengefaltet über einen Stuhl, ehe er sein Hemd zu öffnen begann. Er war sich ihres Blickes bewusst, der zwar immer noch schüchtern war, jetzt aber direkt. Weil er sich rücksichtsvoll verhalten wollte, wandte er sich ihr zu, ehe er das Hemd auszog, um ihr den Anblick seines Rückens zu ersparen.
»Oh!« Der Ausruf war zwar leise, doch Jamie hielt inne.
»Stimmt etwas nicht?«, fragte er.
»Oh nein … ich meine, ich hatte nur nicht gedacht …« Wieder schwang ihr Haar nach vorn, doch er hatte die verräterische Röte auf ihren Wangen schon gesehen.
»Ihr habt noch nie einen nackten Mann gesehen?«, riet er. Der glänzende braune Schopf bewegte sich hin und her.
»Doch«, sagte sie skeptisch. »Das habe ich, nur … es war nicht …«
»Das ist es normalerweise ja auch nicht«, sagte er beiläufig und setzte sich neben ihr auf das Bett. »Aber wenn man eine Frau lieben will, muss es so sein, versteht Ihr?«
»Verstehe«, sagte sie, doch es klang nach wie vor skeptisch. Er versuchte zu lächeln, sie zu beruhigen.
»Keine Sorge. Größer wird er nicht. Und er wird nichts Seltsames tun, wenn ihr ihn berühren möchtet.« Zumindest hoffte er das. Nackt so dicht neben einer halbbekleideten jungen Frau zu sitzen, stellte seine Selbstbeherrschung auf eine furchtbare Probe. Seine treulose, unter der Entbehrung leidende Anatomie kümmerte sich keinen Deut darum, dass sie eine selbstsüchtige kleine Erpresserin war. Vielleicht war es sein Glück, dass sie sein Angebot ablehnte und ein wenig auf die Wand zurutschte, obwohl ihr Blick nicht von ihm wich. Er rieb sich skeptisch das Kinn.
»Was wisst Ihr denn … ich meine, habt Ihr irgendeine Vorstellung davon, wie es geht?«
Ihr Blick war klar und arglos, obwohl ihre Wangen brannten.
»Nun, wie bei Pferden, nehme ich an?« Er nickte, empfand aber einen Stich, weil er an seine Hochzeitsnacht denken musste, in der auch er erwartet hatte, dass es wie bei Pferden sein würde.
»So ähnlich«, sagte er und räusperte sich. »Nur langsamer. Und sanfter«, fügte er hinzu, als er ihren nervösen Blick sah.
»Oh. Das ist gut. Die Gouvernante und die Zofen haben uns Geschichten erzählt von … Männern und, äh, der Hochzeitsnacht und … es klang immer sehr beängstigend.« Sie schluckte krampfhaft. »W-Wird es sehr weh tun?« Sie hob plötzlich den Kopf und sah ihm ins Auge.
»Es macht mir nichts aus, wenn es weh tut«, sagte sie tapfer, »ich möchte nur einfach gern wissen, was auf mich zukommt.« Völlig unerwartet wurde sie ihm ein bisschen sympathisch. Sie mochte ja verwöhnt, selbstsüchtig und rücksichtslos sein, aber immerhin hatte sie Charakter. Für ihn war Courage keine Kleinigkeit.
»Ich glaube nicht«, sagte er. »Wenn ich mir Zeit lasse, Euch bereitzumachen, glaube ich nicht, dass es schlimmer ist, als wenn man Euch kneift.« Wenn ich mir Zeit lassen kann, verbesserte sein Kopf, während er die Hand ausstreckte und sie in den Oberarm kniff. Sie fuhr zwar zusammen und rieb sich die Stelle, doch sie lächelte.
»Das kann ich aushalten.«
»Es ist nur beim ersten Mal so«, versicherte er ihr. »Beim nächsten Mal ist es besser.«
Sie nickte, dann rückte sie nach kurzem Zögern auf ihn zu und streckte zögernd den Finger aus.
»Darf ich Euch berühren?« Diesmal lachte er tatsächlich, obwohl er es schnell erstickte.
»Ich denke, es wird gar nicht anders gehen, Mylady, wenn ich tun soll, worum Ihr mich gebeten habt.«
Langsam fuhr sie mit der Hand an seinem Arm hinunter, so sacht, dass es kitzelte und seine Haut erschauerte. Mit wachsendem Selbstbewusstsein ließ sie die Hand um seinen Unterarm wandern, als wollte sie seinen Umfang messen.
»Ihr seid ziemlich … groß.« Er lächelte, doch er bewegte sich nicht und ließ sie seinen Körper erkunden, so ausführlich sie mochte. Er spürte, wie sich seine Bauchmuskeln anspannten, als sie ihm der Länge nach über den Oberschenkel strich und dann zögernd sein Gesäß nachzeichnete. Ihre Finger näherten sich der gewundenen, knotigen Linie der Narbe, die über seinen linken Oberschenkel lief, doch sie machten vorher halt.
»Schon gut«, beruhigte er sie. »Sie tut mir nicht mehr weh.« Sie gab keine Antwort, sondern zog zwei Finger langsam über die Narbe, ohne Druck auszuüben.