Nachdem er sich einen Überblick über die Situation verschafft hatte, nutzte er die nächstbeste Gelegenheit, in das Gewühl zu greifen und seinen Brotherrn zum Stehen hochzuziehen.
»Still, Mylord«, murmelte er Dunsany ins Ohr und zog ihn außer Reichweite des keuchenden Ellesmere. Dann zischte er: »Gebt doch nach, alter Narr!«, weil Dunsany blindlings weiter versuchte, seinen Gegner zu fassen zu bekommen. Ellesmere war zwar beinahe genauso alt wie Dunsany, doch kräftiger gebaut und trotz seiner Trunkenheit eindeutig gesünder.
Der Graf rappelte sich auf. Die verbliebenen Haare auf seiner Halbglatze standen zu Berge, und seine blutunterlaufenen Augen waren starr auf Dunsany gerichtet. Er wischte sich mit dem Handrücken die Speichelflecken vom Mund, und seine breiten Schultern hoben und senkten sich.
»Abschaum«, sagte er beinahe im Konversationston. »Etwas antun wollt Ihr mir, wie?« Immer noch keuchend, sprang er auf die Kordel seiner Glocke zu.
Es war zwar nicht unbedingt gesagt, dass Dunsany allein stehen konnte, doch Jamie hatte keine Zeit, sich darum zu sorgen. Er ließ seinen Brotherrn los und hielt auf Ellesmeres ausgestreckte Hand zu.
»Nein, Mylord«, sagte er so respektvoll wie möglich. Er nahm Ellesmere unsanft in den Schwitzkasten und schob den kräftigen Grafen auf die andere Seite des Zimmers. »Ich glaube, es wäre … unklug … Eure Dienstboten … mit hineinzuziehen.« Ächzend schubste er Ellesmere auf einen Sessel.
»Bleibt lieber, wo Ihr seid, Mylord.« Jeffries wagte sich argwöhnisch ins Zimmer vor, in jeder Hand eine Pistole, und sein Blick huschte von Ellesmere, der sich alle Mühe gab, sich aus den Tiefen des Armsessels hochzukämpfen, zu Lord Dunsany, der sich vorsichtig an der Tischkante festhielt, das betagte Gesicht so weiß wie Papier.
Jeffries warf einen fragenden Blick auf Dunsany, und da dieser keinerlei Anweisungen äußerte, hielt er sich instinktiv an Jamie. Jamie stellte fest, dass er fürchterlich gereizt war; warum erwartete man von ihm, dass er sich um diesen Schlamassel kümmerte? Dennoch, es war wichtig, dass sich die Gäste aus Helwater umgehend auf den Heimweg begaben. Er trat vor und nahm Dunsany beim Arm.
»Lasst uns gehen«, sagte er. Er löste Dunsany, dem jetzt die Kräfte schwanden, vom Tisch und versuchte, den hochgewachsenen alten Adelsherrn zur Tür zu schieben. Just in diesem möglichen Moment der Flucht jedoch wurde ihnen die Tür verstellt.
»William?« Lady Dunsanys rundes Gesicht, das von ihrem frischen Schmerz gezeichnet war, drückte eine Art dumpfer Verwirrung über die Szene im Studierzimmer aus. In ihren Armen trug sie etwas, das aussah wie ein großes, unordentliches Bündel Wäsche und das sie jetzt mit einer vage fragenden Bewegung hob. »Das Dienstmädchen sagte, du möchtest, dass ich mit dem Baby komme. Was …« Sie wurde durch einen brüllenden Aufschrei Ellesmeres unterbrochen. Ohne die auf ihn gerichteten Pistolen zu beachten, sprang der Graf aus seinem Sessel und schob Jeffries, der mit offenem Mund dastand, aus dem Weg.
»Er gehört mir!« Ellesmere stieß Lady Dunsany unsanft gegen die Wandvertäfelung und riss ihr das Bündel aus den Armen. Er klammerte es an seine Brust und zog sich ans Fenster zurück, wo er Dunsany anfunkelte und keuchte wie ein in die Enge getriebenes Tier.
»Mir, hört Ihr?«
Das Bündel stieß einen lauten Schrei aus, und Dunsany, der durch den Anblick seines Enkelsohns in Ellesmeres Armen aus seiner Schockstarre gerissen wurde, bewegte sich mit wutverzerrtem Gesicht auf ihn zu.
»Gebt ihn her!«
»Fahr zur Hölle, du Memme!« Mit ungeahnter Geschicklichkeit wich Ellesmere Dunsany aus. Er riss die Vorhänge zurück und öffnete mit einer Hand das Fenster, während er das jammernde Kind in der anderen hielt.
»Verschwindet-aus-meinem-Haus!«, keuchte er dabei. »Verschwindet! Auf der Stelle, sonst lasse ich den kleinen Bastard fallen, das schwöre ich!« Um seine Drohung zu unterstreichen, schwang er das brüllende Bündel auf die Fensterbank zu – auf die finstere Leere, wo in zehn Metern Tiefe die nassen Steine des Innenhofes warteten.
Jenseits jedes bewussten Gedankens und jeder Angst vor Konsequenzen folgte Jamie Fraser dem Instinkt, der ihn durch ein ganzes Dutzend Schlachten getragen hatte. Er entriss dem erstarrten Jeffries seine Pistole, machte auf dem Absatz kehrt und feuerte in ein und derselben Bewegung.
Das Getöse des Schusses ließ alle verstummen. Selbst das Kind hörte auf zu schreien. Ellesmeres Gesicht verlor jeden Ausdruck, nur seine buschigen Augenbrauen hoben sich fragend. Dann wankte er, und Jamie sprang auf ihn zu. Mit einer Art geistesabwesender Klarheit nahm er Notiz von dem kleinen runden Loch in der zu Boden hängenden Decke des Babys, dort, wo die Pistolenkugel hindurchgedrungen war.
Dann stand er wie angewurzelt auf dem Kaminläufer, ohne auf das Feuer zu achten, das ihm die Rückseiten der Beine versengte, auf Ellesmere, der zu seinen Füßen in den letzten Zuckungen lag, oder auf Lady Dunsanys rhythmisches, hysterisches Kreischen, durchdringend wie Pfauenrufe. Mit geschlossenen Augen stand er da und zitterte wie Espenlaub, zu keiner Bewegung und keinem Gedanken fähig, die Arme fest um das formlose, zappelnde, quäkende Bündel geschlungen, das seinen Sohn enthielt.
»Ich wünsche MacKenzie zu sprechen. Allein.«
Lady Dunsany wirkte völlig deplaziert im Stall. Klein und rundlich in makellos schwarzem Leinen sah sie aus wie eine Porzellanfigur, die man von ihrem sicheren Aufbewahrungsort auf dem Kaminsims entfernt hatte und die hier in dieser Welt voller ungestümer Tiere und unrasierter Männer ständig zu zerbrechen drohte.
Hughes warf seiner Herrin einen grenzenlos erstaunten Blick zu, dann verneigte er sich und zupfte an seiner Stirnlocke, ehe er sich in seinen Unterschlupf hinter der Sattelkammer zurückzog, so dass MacKenzie mit ihr allein blieb.
Aus der Nähe wurde der Eindruck der Zerbrechlichkeit noch durch die Blässe ihres Gesichtes verstärkt, das um die Nase und die Augen schwach gerötet war. Sie sah aus wie ein sehr kleines, würdevolles Kaninchen, das Trauerkleidung trug. Jamie hatte das Gefühl, dass er sie zum Sitzen einladen sollte, doch außer einem Heuballen oder einer umgedrehten Schubkarre gab es keine Sitzgelegenheit.
»Das Untersuchungsgericht ist heute Morgen zusammengetreten, MacKenzie«, sagte sie.
»Aye, Mylady.« Er hatte das gewusst – alle hatten es gewusst, und die anderen Stallknechte hatten den ganzen Morgen einen Bogen um ihn gemacht. Nicht aus Respekt; aus dem Grauen heraus, das man vor jemandem empfindet, der an einer tödlichen Krankheit leidet. Jeffries wusste, was sich in Ellesmeres Studierzimmer abgespielt hatte, und das bedeutete, dass es auch alle anderen Dienstboten wussten. Doch niemand sprach davon.
»Das Gericht ist zu dem Urteil gekommen, dass der Graf von Ellesmere den Tod durch ein Missgeschick gefunden hat. Es war die Theorie des Untersuchungsrichters, dass Seine Lordschaft … verstört war …«, sie zog eine kleine, angewiderte Grimasse, »über den Tod meiner Tochter.« Ihre Stimme bebte zwar sacht, doch sie überschlug sich nicht. Die zerbrechliche Lady Dunsany hatte die Tragödie deutlich standhafter ertragen als ihr Gemahl; die Dienstboten erzählten sich, dass Seine Lordschaft das Bett seit seiner Rückkehr aus Ellesmere nicht mehr verlassen hatte.
»Aye, Mylady?« Jeffries war als Zeuge vorgeladen worden, MacKenzie nicht. Für das Untersuchungsgericht hatte MacKenzie Ellesmere nie betreten.
Lady Dunsanys Augen blickten geradewegs in die seinen. Sie waren von einem blassen Bläulichgrün, wie die ihrer Tochter Isobel, doch das blonde Haar, das auf Isobels Kopf schimmerte, war bei ihrer Mutter verblasst und mit weißen Strähnen durchzogen, die silbern in der Sonne der offenen Stalltür schimmerten.