»Wir sind Euch dankbar, MacKenzie«, sagte sie leise.
»Danke, Mylady.«
»Sehr dankbar«, wiederholte sie und sah ihn dabei weiter unverwandt an. »MacKenzie ist doch nicht Euer richtiger Name, oder?«, sagte sie plötzlich.
»Nein, Mylady.« Ein Eissplitter glitt ihm über den Rücken, trotz der warmen Nachmittagssonne auf seinen Schultern. Wie viel hatte Lady Geneva ihrer Mutter vor ihrem Tod erzählt?
Sie schien sein Erstarren zu spüren, denn ihr Mundwinkel hob sich zu etwas, was vermutlich ein beruhigendes Lächeln sein sollte.
»Ich glaube, ich brauche Euch im Moment nicht zu fragen, wie er lautet«, sagte sie. »Aber ich habe eine Frage an Euch, MacKenzie – möchtet Ihr nach Hause?«
»Nach Hause?«, wiederholte er verständnislos.
»Nach Schottland.« Sie beobachtete ihn aufmerksam. »Ich weiß, wer Ihr seid«, sagte sie. »Nicht, wie Ihr heißt, aber dass Ihr einer von Johns jakobitischen Sträflingen seid. Mein Mann hat es mir erzählt.«
Jamie beobachtete sie argwöhnisch, aber sie schien nicht bestürzt zu sein; zumindest nicht mehr, als ihm normal erschien für eine Frau, die gerade eine Tochter verloren und einen Enkelsohn bekommen hat.
»Ich hoffe, Ihr verzeiht die Täuschung, Mylady«, sagte er. »Seine Lordschaft …«
»Wollte meine Nerven schonen«, beendete Lady Dunsany den Satz für ihn. »Ja, ich weiß. William macht sich viel zu viele Sorgen.« Dennoch, die tiefe Falte zwischen ihren Augenbrauen verlor ein wenig von ihrer Anspannung, als sie an die Fürsorglichkeit ihres Mannes dachte. Der Anblick, der von ihrer ehelichen Hingabe zeugte, versetzte ihm einen leisen, unerwarteten Stich.
»Wir sind nicht reich – das habt Ihr Ellesmeres Bemerkungen vermutlich entnommen«, fuhr Lady Dunsany fort. »Helwater ist hochverschuldet. Mein Enkel jedoch besitzt nun eines der größten Vermögen im Lande.«
Darauf schien es nichts zu sagen zu geben als »Aye, Mylady?«, auch wenn er sich dabei wie der Papagei vorkam, der im großen Salon lebte. Er hatte den Vogel gesehen, als er sich tags zuvor bei Sonnenuntergang verstohlen durch die Blumenbeete geschlichen hatte. Er hatte die Gelegenheit genutzt, sich dem Haus zu nähern, während sich die Familie zum Abendessen umzog, um vielleicht durch ein Fenster einen Blick auf den neugeborenen Grafen von Ellesmere werfen zu können.
»Wir leben hier sehr zurückgezogen«, fuhr sie fort. »Wir fahren nur selten nach London, und mein Mann besitzt nur wenig Einfluss in hohen Kreisen. Aber …«
»Aye, Mylady?« Inzwischen schwante ihm, worauf die Gräfin mit diesem kryptischen Gespräch hinauswollte, und ihm wurde plötzlich mulmig vor Erregung.
»John – also Lord John Grey – stammt aus einer Familie mit beträchtlichem Einfluss. Sein Stiefvater ist – nun ja, das tut nichts zur Sache.« Sie zuckte mit den schmalen, in schwarzes Leinen gehüllten Schultern, um dies als Detail abzutun.
»Was zählt, ist, dass es möglich sein könnte, uns für Euch zu verwenden, um Euch von Eurem Ehrenwort entbinden zu lassen, damit Ihr nach Schottland zurückkehren könntet. Also bin ich hier, um Euch zu fragen – möchtet Ihr nach Hause, MacKenzie?«
Ihm blieb die Luft weg, als hätte man ihm mit voller Wucht in den Magen geboxt.
Schottland. Diese feuchte, schwammige Atmosphäre hinter sich zu lassen, die verbotene Straße zu betreten und sie freien Schrittes entlangzuwandern, hinauf in die Hügel, über die Wildwechsel, zu spüren, wie die Luft klarer wurde und den scharfen Duft von Ginster und Heide annahm. Heimzukehren!
Nicht länger ein Fremder zu sein. Feindseligkeit und Einsamkeit hinter sich zu lassen, nach Lallybroch hinunterzukommen und das freudige Leuchten im Gesicht seiner Schwester zu sehen, wenn sie ihn erblickte, ihre Arme zu spüren, die sich um seine Taille legten, Ians Arme, die seine Schultern umfassten, und die ungestümen Hände der Kinder, die an seinen Kleidern zerrten.
Fortzugehen und nie wieder etwas von seinem eigenen Kind zu sehen oder zu hören. Er blickte Lady Dunsany an, ohne jeden Ausdruck, um ihr ja nicht die geringste Ahnung von dem Aufruhr zu vermitteln, den ihr Angebot in ihm ausgelöst hatte.
Am Ende hatte er gestern das Baby gefunden, das in einem Körbchen am Kinderzimmerfenster im ersten Stockwerk schlief. Vom wackeligen Ausguck eines Fichtenastes aus hatte er angestrengt durch den Nadelvorhang gespäht, der ihn verborgen hielt.
Das Gesicht des Kindes war nur im Profil zu sehen gewesen; es ruhte mit seiner runden Wange auf der in Spitze gehüllten Schulter. Sein Mützchen war verrutscht, so dass er die glatte Wölbung des winzigen Schädels sehen konnte, die mit einem Hauch von blassgoldenem Flaum überzogen war.
»Gott sei Dank ist es nicht rot«, war sein erster Gedanke gewesen, und er hatte sich instinktiv bekreuzigt.
»Gott, er ist so klein!«, war der zweite gewesen, gepaart mit einem überwältigenden Bedürfnis, durch das Fenster zu steigen und den Jungen in den Arm zu nehmen. Der glatte, wohlgeformte Kopf würde genau in seine Handfläche passen, und in seiner Erinnerung konnte er den kleinen, zappelnden Körper spüren, den er so kurz an seinem Herzen gehalten hatte.
»Du bist ein kräftiger Junge«, hatte er geflüstert. »Ein richtiger kleiner Prachtkerl. Aber mein Gott, du bist so klein!«
Lady Dunsany wartete geduldig. Er verneigte respektvoll den Kopf vor ihr – er wusste nicht, ob er gerade einen furchtbaren Fehler beging, doch anders handeln konnte er nicht.
»Ich danke Euch, Mylady, aber ich glaube, ich gehe … noch nicht.«
Ihre helle Augenbraue zuckte sacht, doch sie neigte den Kopf mit derselben Großmut in seine Richtung.
»Wie Ihr wünscht, MacKenzie. Ihr braucht nur zu fragen.«
Sie wandte sich um wie eine Figur auf einer Spieluhr und ging davon, um in die Welt von Helwater zurückzukehren, das jetzt tausendmal mehr sein Gefängnis war als je zuvor.
Kapitel 16
Willie
Zu seiner extremen Überraschung zählten die nächsten paar Jahre in vielerlei Hinsicht zu den glücklichsten in Jamie Frasers Leben, von den Jahren seiner Ehe einmal abgesehen.
Ohne die Verantwortung für Pächter, Gefolgsleute oder irgendjemanden sonst außer ihm selbst und den Pferden in seiner Obhut war das Leben relativ einfach. Zwar hatte das Untersuchungsgericht keine Notiz von ihm genommen, doch Jeffries hatte genug über Ellesmeres Tod durchscheinen lassen, dass ihn die anderen Dienstboten zwar mit Respekt behandelten, aber den Abstand zu ihm wahrten.
Er hatte genug zu essen, warme, anständige Kleider, und hin und wieder teilte ihm ein diskreter Brief aus den Highlands mit, dass die Dinge dort ähnlich standen.
Ein unerwarteter Segen des stillen Daseins auf Helwater war, dass er irgendwie seine seltsame Halb-Freundschaft mit Lord John Grey wieder aufgenommen hatte. Der Major war wie versprochen einmal im Vierteljahr erschienen und jedes Mal ein paar Tage geblieben, um die Dunsanys zu besuchen. Nie jedoch hatte er Anstalten gemacht, Jamie mit Häme zu begegnen oder ihn auch nur anzusprechen, zumindest nicht über die simpelsten formellen Fragen hinaus.
Ganz langsam hatte Jamie begriffen, was genau Lady Dunsany angedeutet hatte, als sie ihm anbot, sich für seine Freilassung zu verwenden. »John – also Lord John Grey – stammt aus einer Familie mit beträchtlichem Einfluss. Sein Stiefvater ist – nun ja, das tut nichts zur Sache«, hatte sie gesagt. Doch es tat etwas zur Sache. Es war nicht das Belieben Seiner Majestät gewesen, das ihn hierhergeführt hatte, statt ihn zu der gefahrvollen Ozeanüberquerung und zur Beinahe-Sklaverei in Amerika zu verdammen; es war John Greys Einfluss gewesen.
Und er hatte es nicht aus Rache getan oder aus unsittlichen Beweggründen, denn er äußerte sich niemals herablassend, machte keine Avancen, sagte niemals etwas außer den üblichen Höflichkeiten. Nein, er hatte Jamie hierhergebracht, weil es das Beste war, was er tun konnte; da es ihm nicht möglich gewesen war, ihn einfach zu entlassen, hatte Grey getan, was er konnte, um ihm die Gefangenschaft so weit wie möglich zu erleichtern – indem er ihm Luft, Licht und Pferde schenkte.