Es kostete ihn zwar einige Mühe, doch er tat es. Als Grey das nächste Mal bei einem Quartalsbesuch in den Stallungen erschien, hatte Jamie gewartet, bis der Major allein war und das Exterieur eines kräftigen braunen Wallachs bewunderte. Er hatte sich neben Grey gestellt, der am Zaun lehnte. Einige Minuten lang hatten sie wortlos das Pferd beobachtet.
»Königsbauer auf E-vier«, sagte Jamie schließlich leise, ohne den Mann an seiner Seite anzusehen.
Er spürte, wie der andere überrascht zusammenfuhr, spürte Greys Augen auf sich, wandte jedoch nicht den Kopf. Dann spürte er, wie das Holz unter seinem Arm ächzte, als sich Grey zurückwandte und sich wieder auf den Zaun stützte.
»Königspferd auf F-drei«, erwiderte Grey, und seine Stimme war ein wenig rauher als normal.
Seitdem war Grey bei jedem Besuch in die Stallungen gekommen, um einen Abend auf Jamies grob gezimmertem Hocker zu verbringen und zu reden. Sie hatten kein Schachbrett und spielten nur selten aus dem Gedächtnis, doch sie setzten ihre abendlichen Unterhaltungen fort – Jamies einzige Verbindung mit der Welt jenseits von Helwater und ein kleiner Luxus, auf den sie sich beide einmal im Quartal freuten.
Und vor allem anderen hatte er Willie. Helwater war für Pferde gebaut; noch ehe der Junge fest auf zwei Beinen stehen konnte, hatte ihn sein Großvater auf ein Pony gesetzt, auf dem er über die Koppel geführt wurde. Mit drei Jahren ritt Willie selbständig – unter dem wachsamen Auge des Stallknechts MacKenzie.
Willie war ein kräftiger, mutiger, gesunder kleiner Junge. Er besaß ein blendendes Lächeln und konnte die Vögel auf den Bäumen verzaubern, wenn er wollte. Außerdem war er bemerkenswert verwöhnt. Als neunter Graf von Ellesmere und alleiniger Erbe von Ellesmere und Helwater, dem weder Vater noch Mutter Einhalt geboten, trat er seine hingebungsvollen Großeltern, seine junge Tante und sämtliche Dienstboten mit Füßen – alle außer MacKenzie.
Noch ging es gut. Bis jetzt hatten Drohungen, den Jungen nicht mehr bei den Pferden helfen zu lassen, ausgereicht, um Willies schlimmsten Exzessen im Stall Einhalt zu gebieten, doch früher oder später würde es mit Drohungen nicht mehr getan sein, und der Stallknecht MacKenzie ertappte sich bei der Frage, was genau wohl geschehen würde, wenn er irgendwann seinerseits die Beherrschung verlor und dem kleinen Unhold eine Ohrfeige verpasste.
Als er klein war, hätte ihn der nächste männliche Verwandte in Hörweite besinnungslos geprügelt, wenn er es je gewagt hätte, so mit einer Frau zu sprechen, wie er Willie schon mit seiner Tante und den Dienstmädchen hatte sprechen hören, und der Impuls, Willie in eine leere Box zu zerren und zu versuchen, ihm Manieren beizubringen, stellte sich immer häufiger ein.
Dennoch bereitete ihm Willie im Großen und Ganzen nichts als Freude. Der Junge betete MacKenzie an, und je älter er wurde, desto mehr Zeit verbrachte er in seiner Gesellschaft, ritt auf dem Rücken der gewaltigen Zugpferde, während sie die schwere Walze über die Felder zogen, und hockte schwankend auf den Heuwagen, die im Sommer von den Wiesen ins Tal hinunterkamen.
Doch eine Bedrohung gab es für diese friedvolle Existenz, und sie wurde mit jedem Monat größer. Ironischerweise kam diese Bedrohung von Willie selbst, und es war etwas, woran er nichts ändern konnte.
»Was für ein hübscher Junge er ist, wirklich. Und so ein guter Reiter!« Es war Lady Grozier, die das sagte. Sie stand mit Lady Dunsany auf der Veranda, um William zu beobachten, während er auf seinem Pony um den Rasen ritt.
Willies Großmutter lachte und betrachtete den Jungen voll Zuneigung. »Oh ja. Er liebt sein Pony. Wir bekommen ihn sogar zum Essen kaum ins Haus. Und seinen Stallknecht liebt er sogar noch mehr. Wir scherzen manchmal, dass er so viel Zeit mit MacKenzie verbringt, dass er allmählich sogar aussieht wie MacKenzie!«
Lady Grozier, die natürlich keinen Blick für einen Stallknecht übriggehabt hatte, schaute jetzt in MacKenzies Richtung.
»Ihr habt ja recht!«, rief sie belustigt aus. »Seht nur; Willie trägt den Kopf und die Schultern ganz genauso! Wie lustig!«
Jamie verbeugte sich respektvoll vor den Damen, doch er spürte, wie ihm der kalte Schweiß im Gesicht ausbrach.
Genau das hatte er zwar kommen gesehen, doch er hatte nicht wahrhaben wollen, dass die Ähnlichkeit so groß war, dass sie irgendjemandem außer ihm selber auffiel. Als Baby hatte William ein Puddinggesicht gehabt und überhaupt niemandem ähnlich gesehen. Doch je mehr er wuchs, desto mehr hatten Wangen und Kinn das Rundliche verloren, und seine Nase war zwar noch das kindliche Stupsnäschen, doch allmählich zeichneten sich die hohen, breiten Wangenknochen ab, und die graublauen Babyaugen waren jetzt dunkelblau und klar mit dichten schwarzen Wimpern, und sie standen ein kleines bisschen schräg.
Sobald die Damen ins Haus gegangen waren und er sich sicher sein konnte, dass ihn niemand beobachtete, fuhr sich Jamie flüchtig mit der Hand über das Gesicht. War die Ähnlichkeit tatsächlich so groß? Willies Haarfarbe war ein sanftes Braun mit einem Hauch des Kastanienglanzes seiner Mutter. Und diese großen, durchscheinenden Ohren – gewiss standen seine eigenen Ohren nicht so ab?
Das Problem war, dass Jamie Fraser sich seit mehreren Jahren nicht mehr genau gesehen hatte. Stallknechte besaßen keine Spiegel, und er war jedem Dienstmädchen, das ihm einen hätte geben können, gewissenhaft aus dem Weg gegangen.
Er trat vor die Pferdetränke und beugte sich beiläufig darüber, als betrachtete er einen der Wasserläufer, die darauf umherhuschten. Unter der sacht gewellten Oberfläche, auf der die Heuhalme dahintrieben und die Wasserläufer kreuzten, blickte sein Gesicht zu ihm auf.
Er schluckte, und er sah, wie sich die Kehle des Spiegelbilds bewegte. Die Ähnlichkeit war zwar alles andere als vollkommen, aber sie ließ sich auch nicht verleugnen. Mehr in der Haltung und Form von Kopf und Schultern, wie Lady Grozier festgestellt hatte – doch ganz besonders auch in den Augen. Fraseraugen; sein Vater Brian hatte sie gehabt, und seine Schwester Jenny hatte sie auch. Man brauchte nur abzuwarten, bis sich die Knochen des Jungen noch dichter unter seine Haut schoben, bis seine Stupsnase lang und gerade wurde und die Wangenknochen noch breiter – dann würde es jeder sehen können.
Das Spiegelbild im Trog verschwand, als er sich aufrichtete und blicklos auf den Stall starrte, in dem er die letzten Jahre zu Hause gewesen war. Es war Juli, und die Sonne schien heiß, doch sie konnte nichts gegen die Kälte ausrichten, die ihm die Finger betäubte und ihm einen Schauder über den Rücken jagte.
Es war Zeit, mit Lady Dunsany zu sprechen.
Mitte September war schließlich alles arrangiert. Die Begnadigung war erwirkt worden; John Grey hatte sie gestern gebracht. Jamie hatte eine kleine Summe Geld gespart, genug für die Reisekosten, und Lady Dunsany hatte ihm ein ordentliches Pferd geschenkt. Das Einzige, was jetzt noch zu tun blieb, war, sich von den Menschen zu verabschieden, die er in Helwater kannte – und von Willie.
»Ich werde morgen fortgehen«, sagte Jamie beiläufig, ohne den Blick vom Fesselgelenk der braunen Stute abzuwenden. Das überschüssige Hufhorn, das er mit der Raspel bearbeitete, fiel als Schicht aus schwarzen Spänen auf den Stallboden.
»Wohin geht Ihr denn? Nach Derwentwater? Kann ich mitkommen?« William Dunsany, der neunte Graf von Ellesmere, hüpfte von der Kante der Box herunter und landete mit einem Geräusch, das die Stute schnaubend zusammenzucken ließ.
»Lass das«, sagte Jamie automatisch. »Habe ich dir nicht gesagt, du sollst dich in Millies Nähe vorsichtig bewegen? Sie ist nervös.«
»Warum?«
»Du wärst auch nervös, wenn ich dir das Knie zusammendrücken würde.« Seine große Hand schoss hervor und kniff den Jungen direkt über dem Knie in den Muskel. Willie quietschte und fuhr kichernd zurück.
»Kann ich Millyflower reiten, wenn Ihr fertig seid, Mac?«
»Nein«, antwortete Jamie geduldig zum Dutzendsten Mal an diesem Tag. »Ich habe dir doch schon tausendmal gesagt, dass sie noch zu groß für dich ist.«