»Ich will sie aber reiten!«
Jamie seufzte, antwortete aber nicht. Stattdessen umrundete er Milles Fleurs und hob ihren linken Huf auf.
»Ich habe gesagt, ich will Milly reiten!«
»Ich habe es gehört.«
»Dann sattelt sie für mich! Sofort!«
Der neunte Graf von Ellesmere hatte das Kinn vorgeschoben, so weit es ging, doch in den trotzigen Ausdruck seiner Augen mischte sich eine Spur von Zweifel, als ihn Jamies kalter blauer Blick traf. Langsam stellte Jamie den Huf des Pferdes ab, genauso langsam stand er auf, richtete sich zu seiner vollen Größe von einem Meter neunzig auf, stemmte die Hände in die Hüften, blickte auf den Grafen hinunter, der es auf einen Meter fünf brachte, und sagte ganz leise: »Nein.«
»Doch!« Willie stampfte mit dem Fuß auf dem mit Heu übersäten Boden auf. »Ihr habt zu tun, was ich Euch sage!«
»Nein, das habe ich nicht.«
»Doch, das habt Ihr!«
»Nein, ich …« Jamie schüttelte so heftig den Kopf, dass ihm das rote Haar um die Ohren flog, dann hockte er sich vor den Jungen hin.
»Hör mir zu«, sagte er, »ich brauche nicht zu tun, was du mir sagst, weil ich hier nicht länger Knecht bin. Ich habe dir doch gesagt, ich gehe morgen fort.«
Willies Gesicht verlor vor Schreck jeden Ausdruck, und die Sommersprossen malten sich dunkel auf der hellen Haut seiner Nase ab.
»Das könnt Ihr nicht tun!«, sagte er. »Ihr könnt nicht gehen.«
»Ich muss.«
»Nein.« Der kleine Graf biss die Zähne aufeinander, was ihm eine wahrhaft verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Großvater väterlicherseits verlieh. Jamie dankte seinen Sternen, dass vermutlich niemand auf Helwater je einen Blick auf Simon Fraser, Lord Lovat, geworfen hatte. »Ich lasse Euch nicht gehen!«
»Dieses eine Mal, Lordschaft, hast du dabei nichts zu sagen«, erwiderte Jamie entschlossen, und seine Traurigkeit über den bevorstehenden Aufbruch wurde dadurch gedämpft, dass er dem Jungen endlich die Meinung sagen konnte.
»Wenn Ihr geht …« Willie sah sich hilflos nach einer brauchbaren Drohung um und erspähte sie sogleich. »Wenn Ihr geht«, wiederholte er diesmal selbstbewusster, »schreie ich und brülle und mache allen Pferden Angst, so!«
»Einen Pieps, du kleiner Frechdachs, und du bekommst eine Ohrfeige!« Von seiner üblichen Zurückhaltung entbunden und alarmiert bei dem Gedanken, dass dieses verwöhnte Kind die kostbaren, sensiblen Pferde in Angst versetzen könnte, funkelte Jamie den Jungen an.
Dem Grafen quollen vor Rage die Augen aus dem Kopf, und sein Gesicht lief rot an. Er holte tief Luft, dann fuhr er herum und rannte mit wedelnden Armen kreischend durch die Stallgasse.
Milles Fleurs, die ohnehin angespannt war, weil jemand an ihren Hufen zugange war, bäumte sich auf und wieherte laut. Ihre Angst löste ein Echo von Tritten und schrillem Gewieher aus den Boxen aus, während Willie sämtliche Schimpfwörter brüllte, die er kannte – kein kleiner Vorrat –, und wütend gegen die Stalltüren trat.
Es gelang Jamie, Millies Führstrick zu fassen zu bekommen, und mit beträchtlicher Mühe schaffte er es, die Stute ins Freie zu bringen, ohne dass ihm oder dem Pferd etwas zustieß. Er band sie an den Koppelzaun, dann schritt er in den Stall zurück, um sich Willie vorzunehmen.
»Verdammt, verdammt, verdammt!«, kreischte der Graf gerade. »Mist! Fotze! Scheiße! Schwanz!«
Ohne ein Wort packte Jamie den Jungen am Kragen, hob ihn hoch und trug ihn strampelnd und zappelnd zu dem Hocker, den er für die Hufpflege benutzt hatte. Er setzte sich darauf, legte sich den Grafen über das Knie und schlug ihm fünf- oder sechsmal fest auf den Hintern. Dann riss er den Jungen hoch und stellte ihn auf den Boden.
»Ich hasse Euch!« Das tränenüberströmte Gesicht des Grafen war leuchtend rot, und seine Fäuste zitterten vor Rage.
»Nun ja, ich mag dich auch nicht besonders, du kleiner Bastard!«, fuhr ihn Jamie an.
Willie richtete sich auf, die Fäuste geballt, puterrot im Gesicht.
»Ich bin kein Bastard!«, kreischte er. »Das stimmt nicht, das stimmt nicht! Nehmt es zurück! Das darf niemand zu mir sagen! Nehmt es zurück, sage ich!«
Erschrocken starrte Jamie den Jungen an. Also gab es schon Gerede, und Willie hatte es gehört. Er hatte den Abschied zu lange hinausgezögert.
Er holte tief Luft, dann noch einmal, und hoffte, dass seine Stimme nicht zittern würde.
»Ich nehme es zurück«, sagte er leise. »Ich hätte das Wort nicht benutzen dürfen.«
Gern hätte er sich hingekniet und den Jungen in die Arme genommen oder ihn hochgehoben und an seiner Schulter getröstet – doch für einen Stallknecht kam eine solche Geste gegenüber einem Grafen nicht in Frage, auch wenn er noch so klein war. Seine linke Handfläche brannte, und er schloss die Finger fest um die einzige väterliche Zuwendung, die sein Sohn vermutlich je durch ihn erfahren würde.
Willie wusste, was sich für einen Grafen geziemte; er gab sich alle Mühe, sich die Tränen zu verkneifen, zog kräftig die Nase hoch und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht.
»Lass mich das machen.« Jetzt kniete Jamie sich doch hin und wischte dem Jungen vorsichtig mit seinem groben Taschentuch über das Gesicht. Mit rotgeränderten, traurigen Augen sah ihn Willie über die Baumwollzipfel hinweg an.
»Müsst Ihr wirklich gehen, Mac?«, fragte er mit kleinlauter Stimme.
»Aye, das muss ich.« Er blickte in die dunkelblauen Augen, die den seinen so herzerweichend ähnlich waren, und plötzlich war es ihm egal, was richtig war oder wer ihn sah. Ungestüm zog er den Jungen an sich und drückte ihn fest an sein Herz. Er hielt das Gesicht des Jungen dicht an seine Schulter, damit Willie die plötzlichen Tränen nicht sah, die ihm in das dichte, weiche Haar fielen.
Willies Arme legten sich um seinen Hals und klammerten sich fest an ihn. Er konnte spüren, wie der kleine, kräftige Körper bebte, weil er sich so sehr anstrengte, das Schluchzen zu unterdrücken. Er tätschelte Willie den flachen kleinen Rücken, strich ihm das Haar glatt und murmelte gälische Worte, von denen er hoffte, dass der Junge sie nicht verstand.
Schließlich löste er die Arme des Jungen von seinem Hals und schob ihn sacht von sich.
»Komm mit mir in mein Zimmer, Willie; ich gebe dir etwas, das du behalten kannst.«
Er lebte schon lange nicht mehr auf dem Heuboden, sondern hatte Hughes’ Kämmerchen neben der Sattelkammer übernommen, als sich der alte Stallknecht zur Ruhe setzte. Das Zimmer war klein und nur sehr schlicht ausgestattet, aber es bot den doppelten Vorteil von Wärme und Zurückgezogenheit.
Außer dem Bett, dem Hocker und einem Nachttopf gab es einen kleinen Tisch, auf dem er die wenigen Bücher aufgereiht hatte, die er besaß, eine lange Kerze in einem Halter aus Ton und eine kürzere, dicke Kerze, die neben einer kleinen Statue der Heiligen Jungfrau stand. Es war eine billige Schnitzerei, die ihm Jenny geschickt hatte, doch sie war in Frankreich gefertigt worden und entbehrte nicht einer gewissen Kunstfertigkeit.
»Wozu ist denn diese kleine Kerze da?«, fragte Willie. »Großmutter sagt, nur stinkende Papisten zünden Kerzen vor Götzenbildern an.«
»Nun, ich bin ein stinkender Papist«, sagte Jamie und verzog ironisch den Mund. »Es ist aber kein Götzenbild; es ist eine Statue der Mutter Gottes.«
»Wirklich?« Diese Enthüllung vergrößerte die Faszination des Jungen sichtlich nur. »Warum zünden Papisten denn Kerzen vor Statuen an?«
Jamie fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Aye, nun ja. Es ist … vielleicht eine Art zu beten – und zu gedenken. Du zündest die Kerze an, sprichst ein Gebet und denkst an die Menschen, die dir am Herzen liegen. Und während sie brennt, denkt die Flamme für dich an sie.«
»An wen denkt Ihr denn?« Willie blickte zu ihm auf. Die Haare standen ihm zu Berge, zerwühlt von seinem Gefühlsausbruch, aber seine blauen Augen waren klar und neugierig.