»Wir sind nah dran«, hatte Roger gesagt, während er sich an der Fotokopie der Begnadigungsurkunde ergötzte. »Verdammt nah dran!«
»Nah dran?«, hatte Brianna gesagt, doch dann hatte der eintreffende Bus sie abgelenkt, und sie war der Sache nicht weiter nachgegangen. Doch Roger hatte Claires Blick auf sich gespürt; sie wusste sehr wohl, was er meinte.
Sie hatte mit Sicherheit darüber nachgedacht; er fragte sich, ob Brianna es auch getan hatte. Claire war 1946 durch den Steinkreis auf dem Craigh na Dun in der Vergangenheit verschwunden und 1743 ausgekommen. Sie hatte knapp drei Jahre mit Jamie Fraser zusammengelebt und war dann durch die Steine zurückgekehrt. Und im April 1948 ausgekommen.
Was bedeutete – zumindest möglicherweise –, dass sie, falls sie bereit war, die Reise in die Vergangenheit erneut zu wagen, vermutlich zwanzig Jahre nach dem Zeitpunkt auskommen würde, an dem sie gegangen war – also 1766. Und 1766 war nur zwei Jahre nach dem letzten bekannten Datum, an dem sie Fraser lebend und gesund ausfindig gemacht hatten. Wenn er noch zwei weitere Jahre überlebt hatte und Roger ihn finden konnte …
»Da ist es ja!«, sagte Brianna plötzlich. »›Bootsverleih‹.« Sie zeigte auf das Schild im Fenster der Kneipe am Landesteg, und Roger bugsierte den Wagen in eine Parklücke, ohne weiter an Jamie Fraser zu denken.
»Ich frage mich, warum sich kleine Männer wohl so oft in hochgewachsene Frauen verlieben?« Claires Stimme in seinem Rücken war ein gespenstisch akkurates Echo dessen, was Roger gerade dachte – und das nicht zum ersten Mal.
»Motte-und-Licht-Syndrom vielleicht?«, meinte Roger und beobachtete die unübersehbare Faszination, die der Barmann für Brianna empfand, mit gerunzelter Stirn. Er stand mit Claire an der Theke des Bootsverleihs und wartete auf seine Quittung, während Brianna Coca-Cola und Ale in Flaschen kaufte, um das Mittagessen zu komplettieren.
Der junge Barmann, der Brianna ungefähr bis zur Achselhöhle reichte, hüpfte auf und ab und bot ihr Soleier und Räucherzunge an, den Blick anbetungsvoll zu der Göttin im gelben Sonnentop erhoben, die er vor sich erblickte. Ihrem Lachen nach schien Brianna den Mann »süß« zu finden.
»Ich habe Brianna immer gesagt, sie soll nichts mit kleinen Männern anfangen«, merkte Claire an, während sie die Szene beobachtete.
»Ach ja?«, sagte Roger trocken. »Irgendwie hatte ich dich nicht für die Sorte Mensch gehalten, die mütterliche Ratschläge erteilt.«
Sie lachte, ohne seine mürrische Anwandlung zu beachten. »Nun ja, das bin ich ja auch eigentlich nicht. Aber wenn man ein wichtiges Prinzip wie dieses entdeckt, scheint es mir doch Mutterpflicht zu sein, es weiterzusagen.«
»Stimmt denn mit kleinen Männern etwas nicht?«, erkundigte sich Roger.
»Sie werden oft böse, wenn sie ihren Willen nicht bekommen«, antwortete Claire. »Wie kleine Kläffer. Süß und wuschelig, aber wehe, man macht etwas falsch, dann ist man schnell ganz übel in den Knöchel gebissen.«
Roger lachte. »Diese Beobachtung ist das Resultat jahrelanger Erfahrung, nehme ich an?«
»Oh ja.« Sie nickte und blickte zu ihm auf. »Ich bin noch nie einem Dirigenten begegnet, der größer war als eins fünfzig. Wütende kleine Kerle, einer schlimmer als der andere. Aber hochgewachsene Männer«, ihre Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln, als ihr Blick an seinen eins neunzig entlangfuhr, »hochgewachsene Männer sind fast immer sehr liebenswürdig und sanft.«
»Liebenswürdig, ja?«, sagte Roger mit einem zynischen Blick auf den Barmann, der jetzt ein Stück Aal in Aspik für Brianna abschnitt. Ihr Gesicht drückte zwar einen Hauch von argwöhnischem Ekel aus, aber sie beugte sich vor und zog die Nase kraus, um den Bissen zu nehmen, der ihr auf einer Gabel angeboten wurde.
»Im Umgang mit Frauen«, erläuterte Claire. »Ich habe immer gedacht, es liegt daran, dass sie niemandem etwas beweisen müssen; da es ja offensichtlich ist, dass sie tun können, was sie wollen, ob man das möchte oder nicht, brauchen sie nicht zu versuchen, es zu beweisen.«
»Wohingegen ein kleiner Mann …«, sagte Roger einladend.
»Wohingegen ein kleiner Mann weiß, dass er nicht das Geringste tun kann, es sei denn, man lässt ihn, und dieses Wissen treibt ihn zum Wahnsinn, also versucht er ständig irgendetwas, nur um zu beweisen, dass er es kann.«
»Mmpfm.« Roger stieß einen schottischen Kehllaut aus, der sowohl seinen Beifall für Claires Scharfsinn ausdrückte als auch allgemeinen Argwohn hinsichtlich der Frage, was der Barmann Brianna wohl beweisen wollte.
»Danke«, sagte er zu dem Kassierer, der ihm die Quittung über die Theke schob. »Bist du so weit, Brianna?«, fragte er.
Der See war still, und es biss kaum etwas an, aber es war angenehm auf dem Wasser; die Augustsonne wärmte ihnen den Rücken, und vom Ufer wehte der Duft der Brombeersträucher und der Kiefern zu ihnen herüber. Nach dem Essen wurden sie alle schläfrig, und es dauerte nicht lange, bis Brianna zusammengerollt am Bug lag und mit dem Kopf auf Rogers Jacke schlief. Claire saß am Heck; ihr fielen zwar die Augen zu, doch sie war noch wach.
»Was ist denn mit kleinen und großen Frauen?«, nahm Roger ihr Gespräch von vorhin wieder auf, während er langsam über den See ruderte. Er sah sich nach Briannas erstaunlich langen Beinen um, die sie etwas umständlich unter sich gezogen hatte. »Genauso? Klein gleich böse?«
Claire schüttelte nachdenklich den Kopf, und allmählich lösten sich die Locken aus ihrer Haarklammer. »Nein, ich glaube nicht. Bei Frauen scheint es nichts mit der Größe zu tun zu haben. Ich glaube, es kommt eher darauf an, ob sie Männer als den großen Feind betrachten oder sie einfach nur als Männer sehen und sie im Großen und Ganzen dafür mögen.«
»Oh, es hat also mit Emanzipation zu tun, ja?«
»Nein, überhaupt nicht«, sagte Claire. »Ich habe 1743 genau dieselben Verhaltensmuster zwischen Männern und Frauen beobachtet, wie man sie heute sieht. Natürlich gibt es Unterschiede im Verhalten Einzelner, im Umgang miteinander aber kaum.«
Sie blickte über das dunkle Wasser des Sees hinaus und hielt sich die Hand über die Augen. Sie hätte auch Ausschau nach Ottern und Treibholz halten können, aber Roger hatte das Gefühl, dass ihr entrückter Blick ein wenig weiter reichte als bis zu den Klippen des gegenüberliegenden Ufers.
»Du hast Männer gern, oder?«, sagte er leise. »Hochgewachsene Männer.«
Sie lächelte kurz, ohne ihn anzusehen.
»Einen«, sagte sie leise.
»Und wirst du gehen – wenn ich ihn finden kann?« Er ließ einen Moment die Ruder ruhen, um sie zu beobachten.
Sie holte tief Luft, ehe sie antwortete. Der Wind färbte ihre Wangen rot und presste ihr den Stoff ihrer weißen Bluse an den Körper, so dass man ihren festen Busen und ihre schlanke Taille sah. Zu jung, um Witwe zu sein, dachte er, zu schön, um ihr Leben zu vergeuden.
»Ich weiß es nicht«, sagte sie etwas zittrig. »Was für ein Gedanke – oder vielmehr, was für Gedanken! Einerseits, Jamie zu finden – und dann andererseits … wieder da hindurchzugehen.« Ein Schauder durchlief sie, und sie schloss die Augen.
»Es ist wirklich unbeschreiblich«, sagte sie, die Augen nach wie vor geschlossen, als sähe sie in ihrem Inneren den Ring aus Steinen auf dem Craigh na Dun. »Furchtbar, aber auf eine Weise, die anders ist als andere furchtbare Dinge, so dass man es nicht ausdrücken kann.« Sie öffnete die Augen und lächelte ihn ironisch an.
»Ein bisschen, als wollte man einem Mann erzählen, wie es ist, ein Kind zu bekommen; er kann zwar mehr oder weniger begreifen, dass es schmerzhaft ist, aber er ist nicht dafür gebaut, tatsächlich zu verstehen, wie es sich anfühlt.«