Roger grunzte belustigt. »Oh, aye? Nun ja, das ist aber bei mir ein wenig anders. Ich habe die verdammten Steine schließlich selbst gehört.« Er erschauerte seinerseits unwillkürlich. Die Erinnerung an jene Nacht vor drei Monaten, in der Gillian Edgars durch die Steine verschwunden war, war nichts, was er sich freiwillig ins Gedächtnis rief; auch wenn sie ihn immer wieder in seinen Alpträumen heimsuchte. Er zog kräftig an den Rudern, um sie auszulöschen.
»Als würde man zerrissen, nicht wahr?«, sagte er, ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden. »Da ist etwas, was an einem zerrt, reißt, zieht, und nicht nur von außen – es ist auch in einem, und man hat das Gefühl, als würde einem jeden Moment der Schädel in Stücke fliegen. Und dieses grauenvolle Geräusch.« Wieder erschauerte er. Claire war ein wenig blass geworden.
»Ich wusste nicht, dass du sie hören kannst«, sagte sie. »Du hast mir nichts davon erzählt.«
»Es schien mir nicht wichtig zu sein.« Er betrachtete sie einen Moment und ruderte, dann fügte er leise hinzu: »Brianna hat sie auch gehört.«
»Ich verstehe.« Sie wandte den Kopf, um hinter sich auf den See zu blicken, wo das kleine Boot seine V-förmigen Flügel ausbreitete. Ein Stück weiter wurden die Wellen eines größeren Boots von den Felsen zurückgeworfen und trafen sich auf dem Wasser wieder, so dass eine lange Walze aus glänzendem Wasser entstand – eine stehende Welle, ein Phänomen dieses Sees, das schon oft für das Ungeheuer gehalten worden war.
»Es ist da, weißt du?«, sagte sie plötzlich und wies kopfnickend auf das schwarze, torfgeschwängerte Wasser.
Er öffnete den Mund, um zu fragen, was sie meinte, doch dann begriff er, dass er es wusste. Er hatte den Großteil seines Lebens in der Nähe von Loch Ness verbracht, darin Aale und Lachse geangelt und jede Geschichte gehört – und darüber gelacht –, die jemals in den Kneipen von Drumnadrochit und Fort Augustus über die »grauenvolle Bestie« erzählt worden war.
Vielleicht war es die irreale Situation – hier zu sitzen und in aller Ruhe zu besprechen, ob die Frau in seiner Begleitung das unvorstellbare Risiko eingehen sollte, sich in eine unbekannte Vergangenheit zu katapultieren, oder nicht. Was auch immer der Grund für seine Gewissheit war, es erschien ihm plötzlich nicht nur möglich, sondern sicher, dass das dunkle Wasser des Sees ein unbekanntes, aber lebendes Rätsel verbarg.
»Was glaubst du, was es ist?«, fragte er, genauso sehr, um seinen konfusen Gefühlen Zeit zur Beruhigung zu geben, wie aus Neugier.
Claire beugte sich über die Bordkante und sah gebannt zu, wie ein Stück Holz in ihr Blickfeld trieb.
»Das, was ich gesehen habe, war vermutlich ein Plesiosaurus«, sagte sie schließlich. Sie sah Roger nicht an, sondern hielt den Blick nach achtern gewandt. »Obwohl ich mir damals keine Notizen gemacht habe.« Ihr Mund verzog sich, doch eigentlich war es kein Lächeln.
»Wie viele Steinkreise gibt es?«, fragte sie abrupt. »In Großbritannien, in Europa. Weißt du das?«
»Nicht genau. Aber auf jeden Fall mehrere hundert«, erwiderte er vorsichtig. »Meinst du, sie sind alle …«
»Woher soll ich das wissen?«, unterbrach sie ihn ungeduldig. »Aber sie könnten es sein. Sie wurden errichtet, um etwas zu markieren, und das bedeutet, dass es eine verdammte Menge Orte geben könnte, an denen dieses Etwas passiert ist.« Sie legte den Kopf schief, strich sich das windzerzauste Haar aus dem Gesicht und sah ihn mit einem schiefen Lächeln an.
»Das würde es jedenfalls erklären.«
»Was erklären?« Roger fühlte sich benommen von ihren rapiden Gedankensprüngen.
»Das Ungeheuer.« Sie wies auf das Wasser hinaus. »Was, wenn unter dem See auch einer dieser … Orte ist.«
»Ein Zeitkorridor … Passage … was auch immer?« Roger blickte auf die plätschernde Welle hinaus. Die Idee verschlug ihm den Atem.
»Es würde eine Menge erklären.« Hinter dem Schleier aus wehendem Haar lauerte ein Lächeln in ihrem Mundwinkel. Er konnte nicht sagen, ob sie es ernst meinte oder nicht. »Die besten Kandidaten für das Ungeheuer sind Tiere, die seit Hunderttausenden von Jahren ausgestorben sind. Wenn sich unter dem See eine Zeitpassage befindet, wäre dieses kleine Problem gelöst.«
»Es würde auch erklären, warum die Beschreibungen sich manchmal unterscheiden«, sagte Roger, den die Idee zunehmend faszinierte. »Es sind unterschiedliche Kreaturen, die hindurchschlüpfen.«
»Und es würde erklären, warum man die Kreatur – oder die Kreaturen – nicht fängt, und warum man sie nicht oft zu Gesicht bekommt. Vielleicht kehren sie auch in die andere Richtung zurück, so dass sie sich gar nicht immer hier im See befinden.«
»Was für eine fantastische Idee!«, sagte Roger, und sie grinsten einander an.
»Weißt du was?«, sagte sie. »Ich wette, das schafft es nicht auf die Liste der gängigen Theorien.«
Roger lachte. Er fing einen Krebs, und die Wassertropfen trafen Brianna. Sie prustete, setzte sich abrupt auf und blinzelte, dann legte sie sich schlaftrunken wieder hin, und innerhalb von Sekunden atmete sie rhythmisch und tief.
»Sie war gestern lange auf, weil sie mir geholfen hat, die letzten Dokumente einzupacken, die wir an die Universität in Leeds zurückschicken müssen«, sagte Roger zu ihrer Verteidigung.
Claire nickte zerstreut und beobachtete ihre Tochter.
»Jamie konnte das auch«, sagte sie leise. »Sich irgendwo hinlegen und schlafen.«
Sie verstummte. Roger ruderte weiter bis zu der kleinen Landzunge, auf der die Ruinen der Burg Urquhart zwischen den Kiefern standen.
»Die Sache ist die«, sagte Claire schließlich, »es wird schlimmer. Beim ersten Mal war die Passage das Schlimmste, was ich je erlebt hatte. Die Rückkehr war tausendmal schlimmer.« Ihr Blick war fest auf die Burg geheftet, die vor ihnen aufragte.
»Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich nicht am richtigen Tag zurückgekehrt bin – es war Beltane, als ich gegangen bin, und zwei Wochen vorher, als ich zurückgekommen bin.«
»Geillis – Gillian, meine ich – sie ist auch am Beltanetag gegangen.« Trotz des heißen Wetters fröstelte Roger, als er die Gestalt der Frau wieder vor sich sah, die sowohl seine Vorfahrin als auch seine Zeitgenossin gewesen war, hoch aufgerichtet im Schein eines tosenden Scheiterhaufens, einen Moment reglos im Licht, bevor sie für immer in der steinernen Spalte verschwand.
»Das ist es, was in ihrem Notizbuch stand – dass das Tor an den Sonnenfesten und den Feuerfesten offen steht. Vielleicht steht es ja kurz vorher nur teilweise offen. Oder vielleicht hatte sie auch völlig unrecht; schließlich dachte sie ja auch, man bräuchte ein Menschenopfer, damit es funktioniert.«
Claire schluckte krampfhaft. Am Maifeiertag hatte die Polizei die benzingetränkten Überreste von Gillians Ehemann Greg Edgars in dem Steinkreis geborgen. Über seine Frau wusste das Protokoll nur zu sagen: »Flüchtig, Aufenthaltsort unbekannt.«
Claire beugte sich über die Bordkante und ließ ihre Hand im Wasser treiben. Eine kleine Wolke zog vor die Sonne und tauchte den See in Grau. Der leise Wind nahm plötzlich zu, und Dutzende kleiner Wellen erhoben sich auf der Oberfläche. Direkt unter ihnen, im Kielwasser des Bootes, war das Wasser finster und undurchdringlich. Über zweihundert Meter tief ist Loch Ness und bitterkalt. Was kann an einem solchen Ort leben?
»Würdest du dort hinuntertauchen, Roger?«, fragte sie leise. »Über Bord springen und durch diese Dunkelheit hinunterschwimmen, bis es dir die Lungen zerreißt, ohne zu wissen, ob dort unten vielleicht gigantische Kreaturen mit scharfen Zähnen lauern?«
Roger spürte, wie sich die Haare auf seinen Armen sträubten, und das nicht nur, weil der plötzliche Wind so kühl war.
»Aber das ist nicht die ganze Frage«, fuhr sie fort, ohne den Blick von der leeren, rätselhaften Wasseroberfläche abzuwenden. »Würdest du es tun, wenn Brianna da unten wäre?« Sie richtete sich auf und wandte sich zu ihm um.