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»Würdest du gehen?« Die Bernsteinaugen waren gebannt auf sein Gesicht gerichtet, reglos wie die eines Falken.

Er leckte sich die Lippen, die vom Wind rauh und trocken waren, und warf einen hastigen Blick hinter sich, wo Brianna schlief. Dann wandte er sich wieder Claire zu.

»Ja. Ich glaube, das würde ich.«

Sie warf ihm einen langen Blick zu, dann nickte sie, ohne zu lächeln.

»Ich auch.«

Fünfter Teil

Es führt kein Weg zurück

Kapitel 18

Wurzeln

September 1968

Meine Sitznachbarin wog vermutlich hundertfünfzig Kilo. Sie keuchte im Schlaf, weil ihre Lungen die Last ihres massigen Busens nur mit Mühe zum zweihunderttausendsten Mal gehoben bekamen. Ihre Hüfte, ihr Oberschenkel und ihr schwammiger Arm berührten mich unangenehm warm und feucht.

Es gab kein Entrinnen; auf der anderen Seite war ich durch die stählerne Rundung der Flugzeugkarosse eingeklemmt. Ich hob den Arm und schaltete die Deckenlampe ein, um auf meine Armbanduhr zu schauen. Halb elf Londoner Zeit, noch mindestens sechs Stunden, ehe die Landung in New York Erlösung verhieß.

Das Flugzeug war von den gesammelten Seufzern und Schmatzern von Passagieren erfüllt, die vor sich hindösten, so gut es ging. Für mich kam Schlafen nicht in Frage. Mit einem Seufzer der Resignation grub ich in der Tasche meines Vordersitzes nach dem halb gelesenen Liebesroman, den ich dort verstaut hatte. Er stammte von einem meiner Lieblingsschriftsteller, aber ich ertappte mich immer wieder dabei, dass meine Konzentration von dem Buch abdriftete – entweder zurück zu Roger und Brianna, die ich Edinburgh zurückgelassen hatte, wo sie die Spurensuche fortsetzen würden, oder vorwärts zu dem, was mich in Boston erwartete.

Ich war mir gar nicht sicher, was mich erwartete, was Teil des Problems war. Ich hatte zurückfliegen müssen, wenn auch nur vorübergehend; mein Urlaub war längst aufgebraucht und mehrmals verlängert worden. Ich musste im Krankenhaus einiges regeln, zu Hause Rechnungen durchsehen und bezahlen, mich um die Pflege von Haus und Garten kümmern – mich schauderte bei der Vorstellung, wie lang der Rasen inzwischen sein musste –, Freunde besuchen …

Ganz besonders einen Freund. Joe Abernathy war schon seit Beginn meiner medizinischen Ausbildung mein engster Freund. Ehe ich irgendwelche endgültigen – und unwiderruflichen – Entscheidungen traf, wollte ich mit ihm sprechen. Ich schloss das Buch und zeichnete mit dem Finger die extravaganten Schnörkel auf dem Titel nach. Dabei lächelte ich ein wenig. Unter anderem verdankte ich Joe meine Vorliebe für Liebesromane.

Ich kannte Joe seit den Anfängen meiner Ausbildung zur Ärztin. Genau wie ich fiel auch er unter den Assistenzärzten am Boston General besonders auf. Ich war die einzige Frau unter den Doktoren in spe; Joe war der einzige Schwarze.

Unsere jeweilige Besonderheit führte dazu, dass wir auch ein besonderes Bewusstsein füreinander entwickelten; wir spürten es beide deutlich, obwohl wir es nicht aussprachen. Wir konnten sehr gut zusammenarbeiten, achteten aber beide – aus gutem Grund – darauf, nicht aufzufallen, und so blieb es zum Ende unserer Assistenzzeit dabei, dass wir diese prekäre Gemeinsamkeit – viel zu nebulös, um sie als Freundschaft zu bezeichnen – nicht erwähnten oder zeigten.

Ich hatte an diesem Tag zum ersten Mal selbständig operiert – eine unkomplizierte Blinddarmoperation an einem Teenager in gutem Gesundheitszustand. Sie war gut verlaufen, und es gab keinen Grund zu der Annahme, dass sich postoperative Komplikationen einstellen würden. Dennoch empfand ich etwas seltsam Besitzergreifendes in Bezug auf den Jungen und wollte auch nach dem Ende meiner Schicht nicht nach Hause fahren, ehe er das Aufwachzimmer verlassen hatte. Ich zog mich um und ging in den Aufenthaltsraum der Ärzte im dritten Stock hinauf, um zu warten.

Der Aufenthaltsraum war nicht leer. Auf einem der durchgesessenen Polstersessel saß Joseph Abernathy, anscheinend in eine Ausgabe des U. S. News & World Report vertieft. Bei meinem Eintreten blickte er auf und nickte mir kurz zu, ehe er sich wieder seiner Lektüre widmete.

Der Aufenthaltsraum verfügte über mehrere Stapel Zeitschriften – aus den Wartezimmern gerettet – und eine Reihe eselsohriger Taschenbücher, die von heimkehrenden Patienten zurückgelassen worden waren. Auf der Suche nach Ablenkung fuhr ich mit dem Daumen über eine sechs Monate alte Ausgabe der Gastroenterologie-Studien, ein zerfleddertes Time Magazine und einige ordentlich aufeinandergestapelte Wachtturm-Traktakte hinweg. Schließlich ergriff ich eins der Bücher und setzte mich damit hin.

Es hatte keinen Umschlag mehr, aber auf der Titelseite stand Der stürmische Pirat. »Eine sinnliche, packende Liebesgeschichte, grenzenlos wie die karibische See«, versprach die Zeile unter dem Titel. Die karibische See, hm? Wenn ich Ablenkung suchte, ging es wohl kaum besser, dachte ich und schlug das Buch irgendwo auf. Es öffnete sich automatisch auf Seite 42.

Tessa hob verächtlich die Nase und warf sich die dichten blonden Locken in den Nacken, ohne zu bedenken, dass dies ihre üppigen Brüste in dem tiefen Ausschnitt noch deutlicher hervortreten ließ. Valdez bekam bei diesem Anblick große Augen, ließ sich aber äußerlich nicht anmerken, welche Wirkung solch freizügige Schönheit auf ihn ausübte.

»Ich dachte, wir könnten unsere Bekanntschaft vertiefen, Señorita«, schlug er mit leiser, leidenschaftlicher Stimme vor, die Tessa kleine erwartungsvolle Schauder über den Rücken laufen ließ.

»Ich habe kein Interesse an einer Bekanntschaft mit einem … einem … schmutzigen, abscheulichen, hinterhältigen Piraten!«, sagte sie.

Valdez’ Zähne glänzten, als er sie anlächelte, und seine Hand strich über den Griff des Dolches an seinem Gürtel. Er war beeindruckt von ihrer Furchtlosigkeit; so kühn, so heißblütig … und so wunderschön.

Ich zog eine Augenbraue hoch, las aber fasziniert weiter.

Gebieterisch und besitzergreifend schlang Valdez seinen Arm um Tessas Taille.

»Ihr vergesst, Senorita«, murmelte er, so dass seine Worte ihr empfindliches Ohrläppchen kitzelten, »Ihr seid Kriegsbeute, und der Kapitän eines Piratenschiffs hat immer die erste Wahl!«

Tessa wand sich in seinen kraftvollen Armen, als er sie zu der Koje trug und sie mühelos auf die juwelenbesetzte Decke warf. Sie rang nach Luft, während sie angsterfüllt zusah, wie er sich entkleidete und erst den azurblauen Samtrock und dann das feine Rüschenhemd beiseitelegte. Seine bronzen glänzende Brust bot einen prachtvollen Anblick. Ihre Fingerspitzen sehnten sich danach, sie zu berühren, obwohl ihr Herz ohrenbetäubend schlug, als er nach seinem Hosenbund griff.

»Nicht doch«, sagte er und hielt inne. »Es ist unhöflich von mir, Euch zu vernachlässigen, Senorita. Wenn Ihr gestattet.« Mit einem unwiderstehlichen Lächeln beugte er sich über Tessa und nahm ihre Brüste sanft in seine heißen, schwieligen Hände, um sich durch den dünnen Seidenstoff hindurch an ihrer prallen Fülle zu weiden. Mit einem kleinen Aufschrei wich Tessa vor seiner prüfenden Berührung zurück und presste sich mit dem Rücken an das spitzenbestickte Federkissen.

»Ihr leistet Widerstand? Was für eine Schande, solch herrliche Kleidung zu ruinieren, Senorita …« Er nahm ihr jadegrünes Seidenmieder fest in die Hände und riss daran, so dass Tessas hübsche weiße Brüste aus ihrem Versteck hervorsprangen wie zwei aufgeschreckte runde Rebhühner.