Er grinste ironisch und tätschelte mir die Hand. »Keine Sorge, früher oder später geben sie es auf. Mich fragen sie auch kaum noch, warum ich nicht die Toiletten putze, so wie Gott es gewollt hat.«
Dann war die Schwester mit der Nachricht gekommen, dass mein Blinddarm aufgewacht war, und ich war gegangen, aber die Freundschaft, die auf Seite 42 begonnen hatte, war weitergewachsen, und Joe Abernathy war einer meiner besten Freunde geworden; vielleicht der einzige Mensch in meiner Nähe, der wirklich verstand, was ich tat und warum.
Ich lächelte ein wenig, während meine Finger über den Prägedruck auf dem Umschlag fuhren. Dann beugte ich mich vor und steckte das Buch wieder in die Tasche an der Rückenlehne. Vielleicht brauchte ich ja gerade keine Ablenkung.
Draußen schnitt uns eine monderhellte Wolkenfläche von der Erde ab. Hier oben war alles still, wunderschön und friedvoll, ganz anders als der Tumult des Lebens unter uns.
Ich hatte das merkwürdige Gefühl zu schweben, bewegungslos, in Einsamkeit gehüllt, und selbst der schwere Atem meiner Sitznachbarin war nur ein Teil des Hintergrundrauschens, aus dem die Stille besteht, zusammen mit dem lauen Summen der Klimaanlage und den schlurfenden Schuhen der Stewardessen auf dem Teppich. Gleichzeitig jedoch wusste ich, dass wir unausweichlich durch die Luft rasten, mit Hunderten von Meilen pro Stunde auf ein Ziel zugetrieben, das wir hoffentlich heil erreichen würden.
Ich schloss die Augen – Atempause. Hinter mir in Schottland waren Roger und Brianna auf der Jagd nach Jamie. Vor mir in Boston warteten mein Beruf – und Joe. Und Jamie selbst? Ich versuchte, den Gedanken von mir zu schieben, fest entschlossen, nicht an ihn zu denken, bis mein Entschluss gefallen war.
Ich spürte etwas durch meine Haare gleiten, und eine Strähne streifte meine Wange, sacht wie die Berührung eines Geliebten. Gewiss jedoch war es nicht mehr als der Luftzug aus der Düse über meinem Kopf, und es war nur Einbildung, dass sich unter die abgestandenen Gerüche nach Parfum und Zigaretten plötzlich der Duft von Wolle und Heide mischte.
Kapitel 19
Ich lege einen Geist zur Ruhe
Endlich zu Hause an der Furey Street, wo ich fast zwanzig Jahre lang mit Frank und Brianna gelebt hatte. Die Azaleen vor der Tür waren zwar noch nicht eingegangen, doch ihr Laub hing in schlaffen, unansehnlichen Büscheln an den Zweigen, und auf dem ausgetrockneten Boden des Blumenbeets ringelte sich eine dicke Schicht abgefallener Blätter. Es war ein heißer Sommer – die einzige Art, die es in Boston gab –, und der Augustregen war ausgeblieben, obwohl es inzwischen Mitte September war.
Ich stellte mein Gepäck an der Haustür ab und ging zum Wasserhahn, um den Gartenschlauch anzustellen. Er hatte in der Sonne gelegen; die grüne Gummischlange war so heiß, dass ich mir die Hand verbrannte, und ich nahm ihn unbehaglich von einer Hand in die andere, bis ihn das Wasser plötzlich zischend zum Leben erweckte und aus der Düse spritzte, so dass er sich abkühlte.
Eigentlich mochte ich Azaleen ohnehin nicht besonders. Ich hätte sie längst herausgerissen, aber es hatte mir um Briannas willen widerstrebt, nach Franks Tod irgendetwas im Haus zu verändern. Der Schock, innerhalb eines Jahres mit dem Studium anzufangen und ihren Vater zu verlieren, war auch ohne weitere Veränderungen groß genug. Ich hatte das Haus schon so lange vernachlässigt, dass ich jetzt auch damit fortfahren konnte.
»Bitte schön!«, sagte ich gereizt zu den Azaleen, als ich den Schlauch wieder abdrehte. »Ich hoffe, ihr seid zufrieden, denn das ist alles, was ihr bekommt. Ich möchte selbst etwas trinken. Und baden«, fügte ich angesichts der schlammbespritzten Blätter hinzu.
Ich saß im Morgenmantel auf der Kante der großen, versenkten Badewanne und sah zu, wie das Wasser hineindonnerte und das Schaumbad in Wolken aus parfümierter Gischt verwandelte. Von der brodelnden Oberfläche stieg Dampf auf; das Wasser würde schon fast zu heiß sein.
Ich drehte es ab – eine schnelle, gezielte Bewegung des Wasserhahns – und saß einen Moment einfach da. Das Haus rings um mich war still bis auf das Geräusch der platzenden Schaumblasen, schwach wie ferner Schlachtenlärm. Mir war absolut klar, was ich hier tat. Genau das tat ich schon, seit ich in Inverness in den Flying Scotsman gestiegen war und gespürt hatte, wie die Schienen unter meinen Füßen zu vibrieren begannen. Ich stellte mich auf die Probe.
Ich hatte sorgsam Notiz von allen Maschinen genommen – sämtlichen Erfindungen des modernen Alltags – und wichtiger noch, von meinen Reaktionen darauf. Der Zug nach Edinburgh, das Flugzeug nach Boston, das Taxi am Flughafen und all die dazugehörigen kleinen mechanischen Ausschmückungen – Getränkeautomaten, Straßenlaternen, die fliegende Toilette im Flugzeug mit ihrem Wirbel aus widerlichem blaugrünem Desinfektionsmittel, die auf Knopfdruck Exkremente und Bakterien fortspülte. Restaurants mit ihren Zertifikaten der Gesundheitsbehörde, die zumindest eine mehr als fünfzigprozentige Chance garantierten, dass man keine Lebensmittelvergiftung riskierte, wenn man dort aß. Die allgegenwärtigen Schalter in meinem eigenen Haus, die für Licht, Wärme, Wasser und warmes Essen sorgten.
Die Frage war – war mir das wichtig? Ich hielt eine Hand in das dampfende Badewasser und schwenkte sie hin und her, während ich dem Tanz der Strudel in den Tiefen aus Marmor zusah. Konnte ich ohne all die »Annehmlichkeiten« leben – groß und klein –, an die ich gewöhnt war?
Das war es, was ich mich jedes Mal gefragt hatte, wenn ich einen Knopf drückte, wenn ein Motor startete, und ich war mir vollkommen sicher gewesen, dass die Antwort »ja« lautete. Die Zeiten waren gar nicht so anders; ich konnte ans andere Ende der Stadt gehen und Menschen finden, denen die meisten dieser Annehmlichkeiten fremd waren; weiter fort, und es gab ganze Länder, deren Bevölkerung relativ zufrieden lebte, ohne Elektrizität zu kennen.
Um meinetwillen war mir das alles nie sehr wichtig gewesen. Seit dem Tod meiner Eltern in meinem fünften Lebensjahr hatte ich bei meinem Onkel Lamb gelebt, einem bedeutenden Archäologen. Da ich ihn auf all seinen Grabungen begleitet hatte, war ich unter Bedingungen aufgewachsen, die man, gelinde gesagt, als »primitiv« bezeichnen konnte. Ja, Badewannen und Glühbirnen waren etwas Schönes, aber ich hatte mehrere Abschnitte meines Lebens ohne sie zugebracht – während des Krieges zum Beispiel – und ihr Fehlen nie als schmerzhaft empfunden.
Das Wasser war jetzt so weit abgekühlt, dass es erträglich war. Ich ließ den Bademantel auf den Boden fallen und stieg hinein. Ich erschauerte angenehm, als die Wärme an den Füßen mir eine Gänsehaut über die vergleichsweise kühlen Schultern laufen ließ.
Ich ließ mich in die Wanne sinken und streckte entspannt die Beine aus. Die Sitzbäder des achtzehnten Jahrhunderts waren kaum mehr als übergroße Fässer; normalerweise badete man in Abschnitten, indem man erst den Körper eintauchte und die Beine hinaushängen ließ und man dann aufstand und sich den Oberkörper wusch, während man sich die Füße einweichte. Häufiger jedoch wusch man sich mit Hilfe von Waschlappen, Schüssel und Krug.
Nein, Luxus und Annehmlichkeiten waren genau das – nichts Wesentliches, nichts, worauf ich nicht verzichten konnte.
Natürlich war dies alles andere als das einzige Problem. Die Vergangenheit war ein gefahrvolles Land. Doch selbst die Fortschritte der sogenannten Zivilisation boten keine Garantie für Sicherheit. Ich hatte zwei bedeutende »moderne« Kriege miterlebt – in einem sogar aktiv auf dem Schlachtfeld gedient – und konnte jeden Abend im Fernsehen miterleben, wie sich der nächste abzeichnete.
»Zivilisierte« Kriegsführung war, wenn überhaupt, noch grauenerregender als die älteren Versionen. Unser Alltag mochte gefahrloser sein, aber nur, wenn man seine Wege mit Bedacht wählte. Teile von Roxbury waren heute nicht weniger gefährlich als die Gassen, in denen ich im Paris von vor zweihundert Jahren unterwegs gewesen war.