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Ich seufzte und zog mit den Zehen den Stöpsel heraus. Es brachte nichts, über Unpersönliches wie Badewannen, Bomben und Vergewaltiger zu spekulieren. Das eigentlich Wichtige waren die Menschen, um die es hier ging. Brianna, Jamie und ich.

Der letzte Rest des Wassers lief gurgelnd aus der Wanne, und ich stand auf. Mir war etwas schwindelig, und ich wischte mir den Schaum ab. Der große Spiegel war zwar beschlagen, aber noch so klar, dass ich mich von den Knien aufwärts sehen konnte, rosa wie eine gekochte Krabbe.

Ich ließ das Handtuch fallen und betrachtete mich von oben bis unten. Beugte die Arme, hob die hoch, um nach schlaffen Stellen zu suchen. Nichts; Bizeps und Trizeps klar definiert, Schultermuskeln schön gerundet bis hin zu ihrem Übergang in den Pektoralis Major. Ich drehte mich zur Seite, um die Bauchmuskeln anzuspannen und wieder zu entspannen – guter Tonus der schrägen Muskeln, der gerade Bauchmuskel so flach, dass er beinahe konkav war.

»Gut, dass es in unserer Familie keinen Hang zur Fettleibigkeit gibt«, murmelte ich. Onkel Lamb war bis zum Tag seines Todes mit fünfundsiebzig sportlich und straff gewesen. Ich vermutete, dass mein Vater – Onkel Lambs Bruder – ähnlich gebaut gewesen war, und fragte mich plötzlich, wie wohl der Hintern meiner Mutter ausgesehen hatte. Frauen mussten sich schließlich mit einem gewissen Überschuss an Fettgewebe abfinden.

Ich drehte mich ganz um und blickte über meine Schulter hinweg in den Spiegel. Meine langen Rückenmuskeln glänzten feucht, als ich mich bewegte; ich hatte noch eine Taille, und sie war anständig schmal.

Was meinen eigenen Hintern betraf …

»Jedenfalls keine Dellen«, sagte ich laut. Ich drehte mich wieder um und heftete den Blick auf mein Spiegelbild.

»Es könnte viel schlimmer sein«, sagte ich.

Etwas ermutigt zog ich mein Nachthemd an und machte mich daran, das Haus zu Bett zu bringen. Keine Katzen, die in den Garten wollten, keine Hunde, die gefüttert werden mussten – Bozo, unser letzter Hund, war im vorigen Jahr an Altersschwäche gestorben, und ich hatte keinen neuen Hund gewollt, da Brianna jetzt studierte und meine Arbeitszeiten im Krankenhaus lang und unregelmäßig waren.

Den Thermostat einstellen, nachsehen, ob Fenster und Türen verschlossen und die Herdflammen ausgeschaltet waren. Das war alles. Achtzehn Jahre lang hatte ein Zwischenhalt in Briannas Zimmer zu meiner abendlichen Route gehört, jedoch nicht mehr, seit sie an der Uni war.

Getrieben von einer Mischung aus Gewohnheit und Zwang, drückte ich die Tür zu ihrem Zimmer auf und schaltete das Licht ein. Manche Menschen haben einen Sinn für Gegenstände, andere nicht. Brianna hatte ihn; vor lauter Postern, Fotos, getrockneten Blumen, Batiktüchlein, gerahmten Zeugnissen und anderen Staubfängern an den Wänden war kaum ein Zentimeter Tapete zu sehen.

Manche Menschen besitzen das Talent, alles in ihrer Umgebung so zu arrangieren, dass die Gegenstände nicht nur ihre eigene Bedeutung haben und in Beziehung zu den Dingen in ihrer Nähe stehen, sondern ihnen noch etwas anhaftet – eine undefinierbare Aura, die genauso zu ihrem unsichtbaren Besitzer gehört wie zu den Gegenständen selbst. Ich bin hier, weil mich Brianna hier plaziert hat, schienen die Dinge im Zimmer zu sagen. Ich bin hier, weil sie die ist, die sie ist.

Eigentlich war es seltsam, dass sie diese Gabe besaß, dachte ich. Frank hatte sie gehabt; als ich nach seinem Tod sein Büro an der Universität leer geräumt hatte, hatte es mich an den versteinerten Abdruck eines ausgestorbenen Tiers erinnert; Bücher, Papiere und Krimskrams waren ein exaktes Abbild der Form, der Struktur und der verschwundenen Masse des Verstandes, der diesem Ort innegewohnt hatte.

Bei manchen von Briannas Gegenständen war der Bezug zu ihr offensichtlich – Fotos von mir, von Frank, von Bozo, von Freunden. Die Stofftüchlein hatte sie selbst gemacht, die Muster und Farben selbst gewählt – leuchtendes Türkis, dunkles Indigo, Magenta und klares Gelb. Anderes dagegen – warum sollten die getrockneten Süßwasserschneckenhäuser auf der Kommode »Brianna« zu mir sagen? Warum dieser eine runde Bimsstein vom Strand in Truro, der sich durch nichts von hunderttausend anderen unterschied – außer durch die Tatsache, dass sie ihn mitgenommen hatte?

Ich hatte nichts für Gegenstände übrig. Ich kannte weder den Impuls zu kaufen noch zu dekorieren – Frank hatte sich oft über unsere spartanische Einrichtung beklagt, bis Brianna alt genug war, um die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ob es die Schuld meiner nomadischen Kinderstube war oder einfach nur meine Eigenart, ich lebte eigentlich nur in meiner Haut und hatte keinerlei Bedürfnis, meine Umgebung so zu ändern, dass sie mich widerspiegelte.

Jamie war genauso. Abgesehen von den wenigen kleinen Gegenständen, die er stets in seinem Sporran bei sich trug, weil sie nützlich waren oder Glück bringen sollten, hatte er weder etwas besessen noch sich dafür interessiert. Selbst während der kurzen Zeitspanne, als wir in Paris im Luxus gelebt hatten, und während unseres etwas längeren, beschaulichen Aufenthalts in Lallybroch hatte er niemals dazu geneigt, Besitz um sich zu scharen.

Möglich, dass es auch bei ihm an seinen Lebensumständen als junger Mann lag, als er wie ein gejagtes Tier gelebt hatte und nie mehr besessen hatte als die Waffen, von denen sein Überleben abhing. Doch vielleicht war sie auch für ihn schlicht natürlich, diese Isolation von der Welt der Dinge, diese Selbstgenügsamkeit – die mit dazu beigetragen hatte, dass wir einander brauchten, um vollständig zu sein.

Dennoch seltsam, dass Brianna ihren beiden Vätern auf so unterschiedliche Weise so ähnlich war. Ich wünschte dem Geist meiner abwesenden Tochter eine gute Nacht und löschte das Licht.

Der Gedanke an Frank begleitete mich in das Schlafzimmer. Der Anblick des großen Doppelbetts, glatt und unangetastet unter der dunkelblauen Satin-Tagesdecke, rief ihn mir plötzlich so lebhaft vor mein inneres Auge wie seit Monaten nicht mehr.

Ich vermutete, dass es die Möglichkeit des bevorstehenden Aufbruchs war, die mich jetzt an ihn denken ließ. Es war hier in diesem Zimmer – eigentlich sogar in diesem Bett – gewesen, wo ich mich zum letzten Mal von ihm verabschiedet hatte.

»Kannst du nicht ins Bett kommen, Claire? Es ist doch schon nach Mitternacht.« Frank blickte über den Rand seines Buches zu mir auf. Er selbst lag schon im Bett und las, das Buch an seine Knie gelehnt. Im weichen Lichtkegel der Lampe sah er aus, als schwebte er in einer warmen Blase, friedlich losgelöst von der dunklen Kühle im Rest des Zimmers. Es war Anfang Januar, und obwohl die Heizung ihr Bestes gab, war nachts der einzig warme Ort unter schweren Decken im Bett.

Ich lächelte ihn an, erhob mich aus meinem Sessel und ließ mir den Morgenrock aus dicker Wolle von den Schultern gleiten.

»Halte ich dich wach? Entschuldige. Bin nur die Operation von heute Morgen noch einmal durchgegangen.«

»Ja, ich weiß«, sagte er trocken. »Ich kann es dir ansehen. Deine Augen werden glasig, und dir steht der Mund offen.«

»Entschuldige«, sagte ich im selben Ton. »Mach mich nicht für das verantwortlich, was mein Gesicht macht, wenn ich nachdenke.«

»Aber was nützt dir dieses Nachdenken?«, fragte er und steckte ein Lesezeichen in sein Buch. »Du hast doch getan, was du konntest – dir jetzt noch Sorgen zu machen, ändert nicht das … ach, nun ja.« Er zuckte gereizt mit den Schultern und schloss das Buch. »Ich sage das ja nicht zum ersten Mal.«

»Nein«, sagte ich knapp.

Ich stieg zitternd ins Bett und zog mir das Nachthemd um die Beine. Frank kam automatisch auf mich zugerutscht, und ich glitt neben ihm unter die Laken, so dass wir der Kälte mit vereinter Wärme trotzen konnten.

»Oh, warte; ich muss das Telefon noch anders hinstellen.« Ich warf die Decken zurück und kletterte wieder hinaus, um das Telefon von Franks Seite auf die meine zu holen. Er saß gern am frühen Abend im Bett und plauderte mit Studenten oder Kollegen, während ich neben ihm las oder mir Fallnotizen machte, aber er hasste es, von den späten Anrufen geweckt zu werden, die für mich aus dem Krankenhaus kamen. Hasste es so sehr, dass ich mit dem Krankenhaus abgesprochen hatte, dass man mich nur im absoluten Notfall anrief oder wenn ich die Anweisung gegeben hatte, mich über den Zustand eines ganz bestimmten Patienten auf dem Laufenden zu halten. Heute Abend hatte ich diese Anweisung gegeben; es war eine komplizierte Darmresektion gewesen. Wenn etwas schiefging, würde ich möglicherweise schnell zurückmüssen.