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»Kaschemmen sind immer zwielichtig«, sagte ich und unterdrückte den unpassenden Drang, über die böse, aber zutreffende Art zu lachen, wie Frank zwei von Leonard Abernathys unkonventionelleren Freunden beschrieb. »Wusstest du, dass sich Lenny jetzt Muhammad Ishmael Shabazz nennt?«

»Ja, das hat er mir erzählt«, sagte er knapp, »und ich gehe kein Risiko ein, dass meine Tochter Mrs. Shabazz wird.«

»Ich glaube nicht, dass Brianna so für Lenny empfindet«, versicherte ich ihm und versuchte mit aller Kraft, meine Gereiztheit im Zaum zu halten.

»Und es wird auch nicht so weit kommen. Sie geht mit mir nach England.«

»Nicht, wenn sie das nicht möchte«, sagte ich mit großer Endgültigkeit.

Da er wohl das Gefühl hatte, durch seine Lage im Nachteil zu sein, stieg Frank aus dem Bett und begann, nach seinen Pantoffeln zu tasten.

»Ich brauche keine Erlaubnis von dir, um meine Tochter mit nach England zu nehmen«, sagte er. »Und Brianna ist noch minderjährig; sie wird gehen, wohin ich es sage. Ich wäre dir dankbar, wenn du ihre ärztlichen Unterlagen zusammensuchen würdest; die neue Schule wird sie brauchen.«

»Deine Tochter?«, sagte ich noch einmal. Ich spürte zwar vage, wie kalt es im Zimmer war, doch mir war heiß vor Wut. »Brianna ist meine Tochter, und du wirst sie nirgendwohin mitnehmen, verdammt!«

»Du kannst mich nicht daran hindern«, sagte er mit einer Ruhe, die mich zur Weißglut brachte, während er seinen Morgenmantel vom Fußende des Bettes nahm.

»Und ob ich das kann«, sagte ich. »Du willst dich von mir scheiden lassen? Schön. Such dir irgendeinen Grund aus – mit Ausnahme von Ehebruch, den du mir nicht beweisen kannst, weil es ihn nie gegeben hat. Aber wenn du versuchst, Brianna mitzunehmen, werde ich das eine oder andere über Ehebruch zu erzählen haben. Möchtest du wissen, wie viele deiner Verflossenen mich besucht haben, um mich zu bitten, dich aufzugeben?«

Ihm klappte vor Schreck der Mund auf.

»Ich habe ihnen allen gesagt, dass ich dich auf der Stelle aufgeben würde«, sagte ich, »wenn du darum bätest.« Ich verschränkte meine Arme und schob mir die Hände in die Achselhöhlen. Allmählich spürte ich die Kälte wieder. »Ich habe mich gefragt, warum du nie gefragt hast – aber ich bin davon ausgegangen, dass es Briannas wegen war.«

Inzwischen war ihm alles Blut aus dem Gesicht gewichen, und es schimmerte bleich wie ein Totenschädel im Zwielicht auf der anderen Seite des Bettes auf.

»Nun ja«, sagte er mit einem erbärmlichen Versuch, seine übliche Selbstkontrolle an den Tag zu legen. »Ich hätte nicht gedacht, dass es dich stört. Es ist ja nicht so, als hättest du jemals auch nur einen Finger gerührt, um mich davon abzubringen.«

Völlig verblüfft starrte ich ihn an.

»Dich davon abbringen?«, sagte ich. »Was hätte ich denn tun sollen? Deine Post mit Wasserdampf öffnen und sie dir unter die Nase halten? Dir auf der Weihnachtsfeier der Fakultät eine Szene machen? Mich beim Dekan beschweren?«

Im ersten Moment pressten sich seine Lippen noch fester aufeinander, dann entspannten sie sich.

»Du hättest mir den Eindruck vermitteln können, als ob es dir etwas bedeutet«, sagte er leise.

»Es hat mir etwas bedeutet.« Meine Stimme klang erstickt.

Er schüttelte den Kopf, ohne den Blick von mir abzuwenden, seine Augen dunkel im Lampenschein.

»Nicht genug.« Er hielt inne, und sein Gesicht schwebte bleich über seinem dunklen Morgenrock, dann ging er um das Bett herum und trat zu mir.

»Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich dir überhaupt Vorwürfe machen kann«, sagte er beinahe nachdenklich. »Er hat ausgesehen wie Brianna, oder? Er war wie sie?«

»Ja.«

Er atmete schwer, beinahe schnaubend.

»Ich konnte es in deinem Gesicht sehen – wenn du sie angesehen hast, konnte ich sehen, wie du an ihn gedacht hast. Zum Teufel mit dir, Claire Beauchamp«, sagte er ganz leise. »Zum Teufel mit dir und deinem Gesicht, das nicht die Spur von dem verbergen kann, was du denkst oder fühlst.«

Danach herrschte jene Art von Schweigen, das all die winzigen unhörbaren Geräusche knarzender Holzdielen und atmender Häuser hörbar werden lässt – weil man am liebsten so tun möchte, als hätte man das gerade Gesagte nicht gehört.

»Ich habe dich geliebt«, sagte ich schließlich leise. »Anfangs.«

»Anfangs«, wiederholte er. »Soll ich dafür etwa dankbar sein?«

Allmählich kehrte das Empfinden in meine tauben Lippen zurück.

»Ich habe es dir gesagt«, sagte ich. »Und als du dich dann geweigert hast zu gehen … Frank, ich habe es doch versucht.«

Was auch immer er in meiner Stimme hörte, ließ ihn einen Moment innehalten.

»Wirklich«, sagte ich ganz leise.

Er wandte sich ab und ging zu meiner Kommode, wo er ziellos nach Gegenständen griff und sie wieder hinlegte.

»Zuerst konnte ich dich nicht verlassen – schwanger und allein. Das hätte nur ein Schwein getan. Und dann … Brianna.« Er starrte auf den Lippenstift in seiner Hand, ohne ihn zu sehen, dann legte er ihn sanft wieder auf die Glasplatte. »Ich konnte sie nicht aufgeben«, sagte er leise. Er drehte sich um und sah mich an, seine Augen dunkle Höhlen in einem Gesicht voller Schatten.

»Wusstest du, dass ich keine Kinder zeugen kann? Ich habe … mich untersuchen lassen, vor ein paar Jahren. Ich bin unfruchtbar. Wusstest du das?«

Ich schüttelte den Kopf, denn ich traute meiner Stimme nicht.

»Brianna ist mein Kind, meine Tochter«, sagte er wie zu sich selbst. »Das einzige Kind, das ich je haben werde. Ich konnte sie nicht aufgeben.« Er stieß ein kurzes Lachen aus. »Ich konnte sie nicht aufgeben, aber du konntest sie nicht ansehen, ohne an ihn zu denken, nicht wahr? Ich frage mich … wenn diese ständige Erinnerung nicht gewesen wäre – hättest du ihn irgendwann vergessen?«

»Nein.« Das geflüsterte Wort schien durch ihn hindurchzufahren wie ein elektrischer Schlag. Einen Moment stand er erstarrt da, dann fuhr er zum Schrank herum und fing an, sich die Kleider über den Schlafanzug zu zerren. Ich stand da, die Arme um mich selbst geschlungen, und sah zu, wie er seinen Mantel anzog und aus dem Zimmer stapfte, ohne mich anzusehen. Der Kragen seines blauen Seidenpyjamas lugte über die Persianerkante seines Mantels hinweg.

Im nächsten Moment hörte ich, wie sich die Haustür schloss – immerhin besaß er die Selbstbeherrschung, sie nicht zuzuknallen –, dann das Geräusch eines kalten Motors, der widerstrebend ansprang. Die Scheinwerfer strichen über die Schlafzimmerdecke hinweg, als das Auto rückwärts aus der Einfahrt fuhr, dann waren sie fort, und ich blieb zitternd neben dem zerwühlten Bett zurück.

Frank kam nicht zurück. Ich versuchte zwar zu schlafen, lag aber doch nur stocksteif im kalten Bett und durchlebte in Gedanken noch einmal unseren Streit, während ich auf das Knirschen seiner Reifen in der Auffahrt lauschte. Schließlich gab ich es auf und zog mich an. Ich schrieb eine Nachricht für Brianna und verließ ebenfalls das Haus.

Das Krankenhaus hatte zwar nicht angerufen, aber ich konnte genauso gut hinfahren und einen Blick auf meinen Patienten werfen; das war besser, als mich die ganze Nacht im Bett zu wälzen. Und von mir aus konnte Frank bei seiner Rückkehr gern feststellen, dass ich nicht da war.

Die Straßen waren furchtbar rutschig; Glatteis glänzte im Licht der Straßenlaternen. Das gelbe Phosphorleuchten fiel auf wirbelnden Schnee; im Lauf der nächsten Stunde würde das Eis, das die Straßen überzog, unter frischem Pulverschnee verschwunden sein – und doppelt so gefährlich zu befahren sein. Der einzige Trost war, dass um vier Uhr morgens niemand auf der Straße war, der in Gefahr geraten konnte. Jedenfalls niemand außer mir.

Im Inneren des Krankenhauses umhüllte mich der übliche warme, stickige Institutionsgeruch wie eine vertraute Decke und sperrte die verschneite schwarze Nacht aus.

»Es geht ihm gut«, sagte der Pfleger leise zu mir, als könnte eine laute Stimme den Schlafenden stören. »Alle Werte sind stabil, und er hat keine Blutungen.« Ich konnte sehen, dass das stimmte; der Patient war zwar blass, jedoch mit einem schwachen rötlichen Hauch wie die Äderung im Blütenblatt einer weißen Rose, und der Puls in der Mulde an seiner Kehle war kräftig und rhythmisch.