Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich die Luft angehalten hatte, doch jetzt atmete ich tief aus. »Das ist gut«, sagte ich. »Sehr gut.« Der Pfleger sah mich mit einem warmen Lächeln an, und ich musste den Impuls unterdrücken, mich an ihn zu lehnen und mich einfach gehenzulassen. Die Umgebung des Krankenhauses schien mir plötzlich meine einzige Zuflucht zu sein.
Es war sinnlos, nach Hause zu fahren. Ich warf kurz einen Blick auf meine anderen Patienten und ging hinunter in die Cafeteria. Auch jetzt roch sie wie ein Internat, doch ich ließ mich mit einer Tasse Kaffee nieder und trank ihn langsam, während ich mich fragte, was ich Brianna sagen würde.
Es war vielleicht eine halbe Stunde später, als eine der Schwestern aus der Notaufnahme im Laufschritt durch die Schwingtür kam und bei meinem Anblick erstarrte. Dann kam sie ganz langsam auf mich zu.
Ich wusste sofort Bescheid; ich hatte schon zu oft gesehen, wie Ärzte oder Schwestern eine Todesnachricht überbrachten, um die Zeichen nicht zu erkennen. Ich empfand nicht das Geringste, als ich mit großer Ruhe die fast volle Tasse abstellte und dabei begriff, dass ich mein Leben lang nicht vergessen würde, dass ihr Rand einen Sprung hatte und das aufgedruckte goldene »B« fast vollständig verschwunden war.
»… sagte, Sie wären hier. Ausweis in seinem Portemonnaie … Auskunft der Polizei … Schnee auf Glatteis, ins Schleudern geraten … sofort tot …« Die Schwester redete ohne Unterlass, während ich durch die hell erleuchteten weißen Flure schritt, ohne sie anzublicken. Ich sah, wie sich die Köpfe der Stationsschwestern in Zeitlupe in meine Richtung wandten und ein einziger Blick in mein Gesicht sie erkennen ließ, dass etwas Endgültiges geschehen war, auch wenn sie nicht wussten, was.
Er lag auf einer Trage in einer der Kabinen in der Notaufnahme; ein kleiner, anonymer Raum. Draußen parkte ein Rettungswagen – vielleicht war es der, der ihn hergebracht hatte. Die Flügeltür am Ende des Korridors stand offen und ließ das eisige Morgengrauen ein. Das rote Licht der Ambulanz pulsierte wie eine Arterie und tauchte den Korridor in Blut.
Ich berührte ihn flüchtig. Seine Haut hatte die schlaffe Plastik-Konsistenz der kürzlich Verstorbenen, die so gar nicht zu seinem lebensechten Aussehen passen wollte. Es gab keine sichtbaren Verletzungen; die Zerstörung musste unter der Decke verborgen sein, die man über ihn gelegt hatte. Sein Hals war glatt und gebräunt; kein Puls schlug in der Mulde.
Mit der Hand auf der reglosen Wölbung seiner Brust stand ich da und sah ihn an, wie ich ihn schon lange nicht mehr angesehen hatte. Ein kräftiges, klares Profil, sinnliche Lippen, Nase und Kinn fein gemeißelt. Ein gutaussehender Mann, trotz der Falten, die sich rechts und links seines Mundes tief eingegraben hatten, Falten der Enttäuschung und der unausgesprochenen Wut, Falten, die selbst die Erschlaffung im Tod nicht auslöschen konnte.
Völlig still stand ich da und lauschte. Ich konnte das Heulen des nächsten Rettungswagens näher kommen hören, Stimmen im Flur. Quietschende Räder einer Bahre, das Knacken des Polizeifunks und irgendwo das leise Summen einer Neonröhre. Erschrocken begriff ich, dass ich auf Frank lauschte, weil ich … was erwartete? Dass sein Geist noch in der Nähe war, weil er unser abgebrochenes Gespräch zu einem Ergebnis bringen wollte?
Ich schloss die Augen vor dem verstörenden Anblick dieses reglosen Profils, das abwechselnd rot, weiß und rot wurde, im Rhythmus des pulsierenden Lichts, das zur offenen Tür hereinfiel.
»Frank«, sagte ich leise an die unruhige, eisige Luft gewandt, »wenn du noch so nah bist, dass du mich hören kannst – ich habe dich geliebt. Anfangs. Wirklich.«
Dann war Joe da. Noch in grüner OP-Kleidung schob er sich durch den belebten Flur, das Gesicht besorgt. Er kam direkt aus dem Operationssaal; seine Brille war mit einem feinen Blutfilm besprüht, und er hatte einen Spritzer auf der Brust.
»Claire«, sagte er, »Gott, Claire!«, und dann begann ich zu zittern. Zehn Jahre lang hatte er mich nie anders genannt als »Jane« oder »L. J.«. Wenn er meinen Vornamen benutzte, musste es die Wirklichkeit sein. Meine Hand erschien verblüffend weiß in Joes dunklem Griff, dann färbte das pulsierende Licht sie rot, und ich wandte mich ihm zu, unerschütterlich wie ein Baum, hatte meinen Kopf an seiner Schulter liegen, und ich weinte – zum ersten Mal – um Frank.
Ich lehnte mein Gesicht an das Schlafzimmerfenster des Hauses an der Furey Street. Es war heiß und schwül an diesem blauen Septemberabend, der von den Geräuschen der Heimchen und Rasensprenger erfüllt war. Doch was ich sah, war das unerbittliche Schwarz und Weiß dieser Winternacht vor zwei Jahren – schwarzes Glatteis und weiße Krankenhauswäsche, bis schließlich jedes Urteilsvermögen im Morgengrauen verschwamm.
Auch jetzt verschwamm es mir vor den Augen, als ich an das Hin und Her der Fremden im Flur dachte und das pulsierende rote Licht des Rettungswagens, das die Stille der Kabine in blutiges Licht tauchte, während ich um Frank weinte.
Jetzt weinte ich zum letzten Mal um ihn, denn noch während mir die Tränen über die Wangen liefen, wusste ich doch, dass wir uns schon vor über zwanzig Jahren auf dem Kamm eines schottischen Hügels ein für alle Mal getrennt hatten.
Als ich meine Tränen vergossen hatte, erhob ich mich und legte meine Hand auf die glatte blaue Decke, die sich auf der linken Seite sanft über dem Kissen rundete – auf Franks Seite.
»Leb wohl, mein Lieber«, flüsterte ich und ging aus dem Zimmer, um unten zu schlafen, weit fort von den Geistern.
Es war die Klingel, die mich am Morgen in meinem improvisierten Bett auf dem Sofa weckte.
»Telegramm, Ma’am«, sagte der Bote, der sich alle Mühe gab, mir nicht auf das Nachthemd zu starren.
Diese kleinen gelben Umschläge sind vermutlich für mehr Herzattacken verantwortlich als irgendetwas sonst, außer fettem Speck zum Frühstück. Mein Herz ballte sich jedenfalls zusammen wie eine Faust, dann schlug es heftig und beklemmend weiter.
Ich gab dem Boten ein Trinkgeld und trug das Telegramm durch den Flur. Es schien wichtig zu sein, es nicht zu öffnen, ehe ich die relative Sicherheit des Badezimmers erreichte, als wäre es ein Sprengkörper, der unter Wasser entschärft werden musste.
Meine Finger zitterten, als ich es ungeschickt öffnete. Ich saß auf dem Rand der Wanne und stützte mich mit dem Rücken hilfesuchend an der gekachelten Wand ab.
Es war eine kurze Nachricht – natürlich, ein Schotte konnte ja nur sparsam mit Worten umgehen, dachte ich absurderweise.
HABEN IHN GEFUNDEN STOP, stand da. KOMMST DU ZURÜCK FRAGEZEICHEN ROGER.
Ich faltete das Telegramm ordentlich zusammen und steckte es wieder in seinen Umschlag. Lange saß ich da und starrte es an. Dann stand ich auf und ging mich anziehen.
Kapitel 20
Diagnose
Joe Abernathy saß an seinem Schreibtisch und betrachtete stirnrunzelnd ein kleines Rechteck aus heller Pappe in seiner Hand.
»Was ist denn das?«, sagte ich und setzte mich zwanglos auf die Schreibtischkante.
»Eine Visitenkarte.« Er reichte mir die Karte, und seine Miene war belustigt und gereizt zugleich.
Es war eine hellgraue Karte; teures geripptes Papier, das ordentlich mit einer eleganten Serifentype bedruckt war. Muhammad Ishmael Shabazz III stand in der Mitte, darunter Adresse und Telefonnummer.
»Lenny?«, fragte ich lachend. »Muhammad Ishmael Shabazz der Dritte?«
»Ah-hah.« Die Belustigung schien jetzt die Oberhand zu gewinnen. Der Goldzahn blitzte flüchtig auf, als er die Karte zurücknahm. »Er sagt, den Namen eines weißen Mannes, einen Sklavennamen, benutzt er nicht. Er nimmt sein afrikanisches Erbe wieder in Besitz«, sagte er sardonisch. »Also schön, sage ich und frage ihn, bohrst du dir demnächst auch einen Knochen durch die Nase? Nicht genug, dass er die Haare bis hier hat«, seine Hände beschrieben einen weiten Bogen rings um seinen eigenen kurz frisierten Kopf, »und in einem Sack herumläuft, der ihm bis zu den Knien geht und aussieht, als hätte ihn seine Schwester im Handarbeitsunterricht genäht. Nein, Lenny – Entschuldigung, Muhammad –, er muss komplett afrikanisch sein.«