Joe wies mit der Hand aus dem Fenster auf seinen privilegierten Ausblick auf den Park. »Ich sage zu ihm, sieh dich doch um, Mann, siehst du hier irgendwo Löwen? Sieht das für dich wie Afrika aus?« Er lehnte sich auf seinem Polsterstuhl zurück und streckte die Beine aus, dann schüttelte er resigniert den Kopf. »Mit Jungen in diesem Alter kann man einfach nicht reden.«
»Das stimmt«, sagte ich. »Aber wofür steht denn nun dieser ›Dritte‹?«
Zurückhaltendes Goldglänzen antwortete mir. »Er redet nur noch von seiner ›verlorenen Tradition‹ und seiner ›verschollenen Geschichte‹ und solchen Dingen. Er sagt: ›Wie soll ich denn in Yale erhobenen Kopfes all diesen Typen gegenübertreten, die Cadwallader IV und Sewell Lodge junior heißen, wenn ich nicht einmal weiß, wie mein Großvater hieß, und ich keine Ahnung habe, wo ich herkomme?‹«
Joe prustete. »Ich habe zu ihm gesagt, wenn du wissen willst, wo du herkommst, Junge, schau in den Spiegel. Die Mayflower ist es jedenfalls nicht gewesen.«
Er griff noch einmal nach der Karte, ein zögerndes Grinsen im Gesicht.
»Also sagt er, wenn er sich sein Erbe zurückholt, warum dann nicht ganz? Wenn ihm schon sein Großvater keinen Namen gegeben hat, gibt er eben seinem Großvater einen. Das einzige Problem dabei ist«, sagte er und sah mich mit hochgezogener Augenbraue an, »dass ich jetzt der Mann in der Mitte bin. Ich muss jetzt Muhammad Ishmael Shabazz junior sein, damit Lenny ein ›stolzer Afro-Amerikaner‹ sein kann.« Er schob sich vom Tisch zurück, das Kinn auf der Brust, und warf einen mürrischen Blick auf die hellgraue Karte.
»Du hast Glück, L. J.«, sagte er. »Wenigstens liegt dir Brianna nicht mit Fragen in den Ohren, wer ihr Großvater war. Das Einzige, worüber du dir Sorgen machen musst, ist, ob sie Drogen nimmt und sich von einem Kriegsdienstverweigerer schwängern lässt, der dann nach Kanada abhaut.«
Ich lachte mit mehr als nur einem Hauch von Ironie. »Das glaubst du«, sagte ich zu ihm.
»Ach ja?« Er zog neugierig die Augenbraue hoch, dann setzte er seine goldgeränderte Brille ab und putzte mit dem Ende seiner Krawatte darüber. »Wie war es denn in Schottland?«, fragte er und sah mich an. »Hat es Brianna gefallen?«
»Sie ist noch da«, sagte ich. »Auf der Suche nach ihrer Geschichte.«
Joe öffnete gerade den Mund, um etwas zu sagen, als er durch ein zurückhaltendes Klopfen an der Tür unterbrochen wurde.
»Dr. Abernathy?« Ein untersetzter junger Mann mit einem Polohemd blinzelte skeptisch in das Büro. Er stand über einen großen Pappkarton gebeugt, den er an seinen umfangreichen Bauch gedrückt hielt.
»Nennt mich Ishmael«, sagte Joe freundlich.
»Was?« Der junge Mann bekam den Mund nicht ganz zu und richtete den Blick halb verwirrt, halb hoffnungsvoll auf mich. »Sind Sie Dr. Abernathy?«
»Nein«, sagte ich, »er ist es, wenn er sich zusammenreißt.« Ich erhob mich vom Schreibtisch und strich mir den Rock glatt. »Ich überlasse dich deinem Termin, Joe, aber wenn du später Zeit hast …«
»Nein, bleib noch eine Minute, L. J.«, unterbrach er und erhob sich. Er nahm dem jungen Mann den Karton ab, dann schüttelte er ihm förmlich die Hand. »Sind Sie Mr. Thompson? John Wicklow hat mich angerufen und gesagt, dass Sie kommen. Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Horace Thompson, ja«, sagte der junge Mann etwas perplex. »Ich habe … äh, einen Ausgrabungsgegenstand dabei.« Er wies mit einer vagen Handbewegung auf den Karton.
»Ja, richtig. Ich werfe gern einen Blick darauf, aber ich glaube, Dr. Randall könnte uns ebenfalls behilflich sein.« Er sah mich an, und in seinen Augen glitzerte der Schabernack. »Ich möchte nur sehen, ob du es auch bei einem Toten kannst, L. J.«
»Ob ich was bei einem Toten kann?«, fragte ich, als er auch schon in den Karton griff und vorsichtig einen Schädel heraushob.
»Oh, hübsch«, sagte er entzückt und wendete das Objekt sanft hin und her.
»Hübsch« war nicht das erste Adjektiv, das mir in den Sinn kam; der Schädel war fleckig und stark verfärbt, der Knochen hatte einen dunklen, streifigen Braunton angenommen. Joe trug ihn zum Fenster und hielt ihn ins Licht, während seine Daumen sacht über die kleinen Knochenvorsprünge über den Augenhöhlen strichen.
»Hübsche Dame«, sagte er leise ebenso an den Schädel wie an mich oder Horace Thompson gerichtet. »Erwachsen. Vielleicht Ende vierzig, Mitte fünfzig. Haben Sie die Beine auch?«, fragte er und wendete sich abrupt zu dem dicklichen jungen Mann um.
»Ja, ich habe sie hier«, versicherte ihm Horace Thompson und griff in den Karton. »Wir haben sogar das ganze Skelett.«
Horace Thompson war vermutlich jemand aus der Gerichtsmedizin, dachte ich. Manchmal brachten sie Joe Leichen, die man stark verwest auf dem Land gefunden hatte, um eine Expertenmeinung über die Todesursache einzuholen. Diese hier sah mehr als verwest aus.
»Hier, Dr. Randall.« Joe beugte sich zu mir herüber und legte mir den Schädel vorsichtig in die Hände. »Sagen Sie mir, ob die Dame bei guter Gesundheit war, während ich mir ihre Beine ansehe.«
»Ich? Ich bin doch keine Pathologin.« Dennoch senkte ich automatisch den Blick. Entweder war der Schädel sehr alt, oder er war extremem Wetter ausgesetzt gewesen; der Knochen war glatt mit einem Schimmer, der frischen Knochen fehlte, fleckig und verfärbt durch das Eindringen von Erdpigmenten.
»Oh, also schön.« Ich drehte den Schädel langsam in den Händen hin und her, betrachtete die Knochen und nannte jeden einzelnen im Kopf beim Namen, während mein Blick auf ihn gerichtet war. Der glatte Bogen des Scheitelbeins, durch eine Fuge mit der Mulde des Schläfenbeins verbunden, dann die kleine Wölbung, aus der der Kiefermuskel entsprang, der schroffe Vorsprung, der sich mit der Kinnlade zur eleganten Rundung des Schuppenbeins verband. Sie hatte sehr schöne Wangenknochen gehabt, hoch und breit. Der Oberkiefer enthielt noch fast alle Zähne – gerade und weiß.
Tiefliegende Augen. Die Knochenschale der Augenhöhlen lag im dunklen Schatten; selbst wenn ich den Schädel schräg hielt, bekam ich nicht genug Licht, um die gesamte Höhlung auszuleuchten. Der Schädel fühlte sich leicht an, der Knochen zerbrechlich. Ich streichelte ihre Stirn, und meine Hand fuhr weiter aufwärts und dann am Hinterhauptbein entlang. Meine Finger suchten die dunkle Öffnung an der Schädelbasis, das Foramen Magnum, durch das alle Botschaften des Nervensystems vom und zum geschäftigen Gehirn fließen.
Dann hielt ich ihn mir mit geschlossenen Augen vor den Bauch und spürte die plötzliche Traurigkeit, die die Schädelhöhle füllte wie fließendes Wasser. Und ein seltsames, schwaches Gefühl – der Überraschung?
»Jemand hat sie umgebracht«, sagte ich. »Sie wollte nicht sterben.« Als ich die Augen öffnete, starrte mich Horace Thompson an, und seine Augen leuchteten groß in seinem runden, blassen Gesicht. Ganz vorsichtig reichte ich ihm den Schädel. »Wo haben Sie sie gefunden?«, fragte ich.
Mr. Thompson wechselte einen Blick mit Joe, dann sah er mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Sie kommt aus einer Höhle in der Karibik«, sagte er. »Sie war von vielen Gegenständen umgeben. Wir glauben, dass sie vielleicht hundertfünfzig bis zweihundert Jahre alt ist.«
»Sie ist was?«