Joe grinste breit und weidete sich an seinem Scherz.
»Unser Freund Mr. Thompson hier ist von der anthropologischen Fakultät in Harvard«, sagte er. »Sein Freund Wicklow kennt mich; er hat mich gefragt, ob ich einen Blick auf dieses Skelett werfen würde, um ihnen etwas darüber zu erzählen.«
»Du hast Nerven!«, sagte ich entrüstet. »Ich dachte, sie wäre eine unidentifizierte Leiche, die der Gerichtsmediziner angeschleppt hat.«
»Nun ja, unidentifiziert ist sie«, meinte Joe. »Und das wird sie mit ziemlicher Sicherheit auch bleiben.« Er wühlte wie ein Terrier in dem Karton, auf dessen Klappe ZUCKERMAIS aufgedruckt stand.
»Was haben wir denn hier?«, sagte er und zog ganz vorsichtig einen Plastikbeutel mit einem Haufen Wirbelknochen heraus.
»Wir haben sie nicht am Stück bekommen«, erklärte Horace.
»Oh, de headbone connected to de … neckbone«, sang Joe leise und reihte die Wirbel entlang der Tischkante aneinander. Seine kurzen Finger huschten gekonnt über die Knochen, bis sie in einer Linie lagen. »De neckbone connected to de … backbone …«
»Beachten Sie ihn einfach nicht«, sagte ich zu Horace. »Sie ermutigen ihn sonst nur.«
»Now hear … de word … of de Lawd!«, schloss Joe triumphierend. »Grundgütiger, L. J., du bist wirklich klasse! Seht nur.« Horace Thompson und ich beugten uns gehorsam über die Linie der gezackten Wirbelknochen. Die breite Fläche der Axis hatte eine tiefe Einkerbung; der vordere Gelenkfortsatz war sauber abgebrochen, und die Schnittfläche des Bruchs lief über das gesamte Zentrum des Knochens hinweg.
»Genickbruch?«, fragte Thompson, der die Stelle neugierig betrachtete.
»Ja, aber mehr als das, glaube ich.« Joe fuhr mit dem Finger über die Bruchfläche. »Seht ihr das hier? Der Knochen ist nicht nur zersplittert, er ist an dieser Stelle komplett verschwunden. Irgendjemand hat versucht, dieser Dame den Kopf abzuschneiden. Mit einer stumpfen Klinge«, schloss er genüsslich.
Horace Thompson betrachtete mich mit merkwürdiger Miene. »Woher wussten Sie denn, dass sie umgebracht wurde, Dr. Randall?«, fragte er.
Ich konnte spüren, wie mir das Blut ins Gesicht stieg. »Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Ich … sie … es hat sich so angefühlt, das ist alles.«
»Tatsächlich?« Er kniff ein paar Mal die Augen zu, drang aber nicht weiter in mich. »Wie merkwürdig.«
»Das macht sie immer wieder«, teilte Joe ihm mit und blinzelte den Oberschenkelknochen an, den er gerade mit einer Schieblehre ausmaß. »Allerdings meistens bei lebenden Menschen. Die beste Diagnostikerin, die ich je gesehen habe.« Er legte die Schieblehre beiseite und griff nach einem kleinen Plastiklineal. »Eine Höhle, haben Sie gesagt?«
»Wir glauben, dass es ein … äh, geheimes Sklavenbegräbnis war«, erklärte Mr. Thompson errötend, und ich begriff plötzlich, warum er einen so verlegenen Eindruck gemacht hatte, als er begriff, wer von uns der Dr. Abernathy war, zu dem man ihn geschickt hatte. Joe sah ihn scharf an, doch dann beugte er sich wieder über seine Arbeit. Er summte weiter leise »Dem Dry Bones« vor sich hin, während er den Beckenausgang ausmaß und sich dann wieder den Beinen widmete, wobei er sich diesmal auf das Schienbein konzentrierte. Schließlich richtete er sich auf und schüttelte den Kopf.
»Keine Sklavin«, sagte er.
Horace blinzelte. »Aber sie muss eine Sklavin gewesen sein«, sagte er. »Die Gegenstände, die wir bei ihr gefunden haben … eindeutig afrikanischer Einfluss …«
»Nein«, sagte Joe entschieden. Er tippte auf den langen Oberschenkelknochen, der auf seinem Schreibtisch lag. Sein Fingernagel klickte auf dem trockenen Knochen. »Sie ist keine Schwarze gewesen.«
»Das können Sie sehen? An den Knochen?« Horace Thompson war sichtlich aufgeregt. »Aber ich dachte … ich meine, diese Veröffentlichung von Jensen … Theorien über rassetypische Unterschiede … mehr oder weniger um die Ohren geflogen …« Er lief puterrot an und konnte nicht weiterreden.
»Oh, es gibt sie«, sagte Joe jetzt sehr trocken. »Wenn Sie gern denken möchten, dass Schwarze und Weiße im Inneren gleich sind, bitte schön, aber wissenschaftlich ist es nicht so.« Er drehte sich um und zog ein Buch aus dem Regal in seinem Rücken. Skelettvarianz-Tabellen stand darauf.
»Werfen Sie nur einen Blick darauf«, lud Joe ihn ein. »Man kann die Unterschiede bei vielen Knochen sehen, besonders aber bei den Beinknochen. Bei Schwarzen ist das Verhältnis des Oberschenkelknochens zum Schienbein völlig anders als bei Weißen. Und diese Dame da«, er zeigte auf das Skelett auf seinem Schreibtisch, »war weiß. Kaukasierin. Gar keine Frage.«
»Oh«, murmelte Horace Thompson. »Nun, ich muss darüber nachdenken … ich meine … es war sehr freundlich von Ihnen, für mich einen Blick darauf zu werfen. Äh, danke«, fügte er mit einer umständlichen kleinen Verbeugung hinzu. Wir sahen wortlos zu, wie er seine Knochen wieder in den Zuckermais-Karton packte, und dann war er fort, nachdem er noch einmal an der Tür stehen geblieben war, um uns ein weiteres Mal zuzunicken.
Joe lachte kurz auf, als sich die Tür hinter ihm schloss. »Wollen wir wetten, dass er jetzt mit ihr zu Rutgers geht, um sich eine zweite Meinung einzuholen?«
»Ein Akademiker gibt eine Theorie nicht einfach so auf«, sagte ich achselzuckend. »Ich habe lange genug mit einem zusammengelebt, um das zu wissen.«
Joe prustete erneut. »Das stimmt. Also, nun, da wir mit Mr. Thompson und seiner toten weißen Frau fertig sind, was kann ich denn für dich tun, L. J.?«
Ich holte tief Luft und wandte mich ihm frontal zu.
»Ich brauche eine ehrliche Meinung und dann – je nachdem, wie sie ausfällt – vielleicht einen Gefallen.«
»Kein Problem«, versicherte mir Joe. »Vor allem das mit der Meinung. Meinungen sind meine Spezialität.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, klappte seine goldgeränderte Brille auseinander und setzte sie sich fest auf die breite Nase. Dann legte er die Hände vor die Brust, so dass seine Finger eine Raute bildeten, und nickte mir zu. »Heraus damit.«
»Bin ich sexuell attraktiv?«, wollte ich wissen. Seine Augen erinnerten mich mit ihrer warmen goldbraunen Farbe immer an Toffeedrops. Jetzt wurden sie ganz rund, was die Ähnlichkeit noch verstärkte.
Dann kniff er sie zusammen, doch er antwortete nicht sofort. Er betrachtete mich sorgfältig von Kopf bis Fuß.
»Das ist eine Fangfrage, stimmt’s?«, sagte er. »Ich gebe dir eine Antwort, und dann kommt eine dieser Emanzen hinter der Tür hervorgesprungen, schreit ›Sexistenschwein!‹ und brummt mir eins mit einem Schild über den Kopf, auf dem ›Chauvis kastrieren!‹ steht. Ja?«
»Nein«, versicherte ich ihm. »Eine sexistische Chauvinistenantwort ist eigentlich genau das, was ich will.«
»Oh, okay. Solange das klar ist.« Er nahm seine Betrachtung wieder auf und sah mich scharf an, als ich mich gerade hinstellte.
»Dünnes weißes Frauenzimmer mit viel zu vielen Haaren, aber einem tollen Hintern«, sagte er schließlich. »Und ganz anständigen Titten«, fügte er mit einem freundschaftlichen Nicken hinzu. »War es das, was du wissen wolltest?«
»Ja«, sagte ich und nahm wieder eine entspanntere Haltung ein. »Das ist genau das, was ich wissen wollte. Das ist ja keine Frage, die man einfach irgendjemandem stellen kann.«
Er spitzte die Lippen zu einem lautlosen Pfeifen, dann warf er den Kopf zurück und grölte begeistert.
»Lady Jane! Du hast dir einen Mann geangelt!«
Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen stieg, doch es gelang mir, Würde zu bewahren. »Ich weiß es nicht. Vielleicht. Nur vielleicht.«
»Vielleicht, Teufel noch mal. Grundgütiger, L. J., es wird aber auch Zeit!«
»Hör doch bitte auf zu kichern«, sagte ich und ließ mich auf seinem Besucherstuhl nieder. »Das gehört sich nicht für einen Mann in deinem Alter und deiner Position.«