»Mein Alter? Oho«, sagte er und warf mir durch die Brille einen vielsagenden Blick zu. »Er ist jünger als du? Ist es das, was dir Sorgen macht?«
»Keine großen«, sagte ich, und meine Röte ließ allmählich nach. »Aber ich habe ihn seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Du bist der Einzige, der mich schon lange kennt; habe ich mich furchtbar verändert, seit wir uns kennengelernt haben?« Ich sah ihn offen an und forderte Aufrichtigkeit.
Er erwiderte meinen Blick, nahm die Brille ab und blinzelte, dann setzte er sie wieder auf.
»Nein«, sagte er. »Das ist bei dir auch unwahrscheinlich, es sei denn, du nimmst zu.«
»Unwahrscheinlich?«
»Ja. Bist du je bei einem Klassentreffen gewesen?«
»Ich war doch gar nicht in der Schule.«
Seine schütteren Augenbrauen zuckten in die Höhe. »Nicht? Nun, ich aber. Und ich sage dir, L. J., du siehst all diese Menschen, die du seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hast, und dann kommt dieser Bruchteil einer Sekunde, wenn du einen alten Bekannten triffst und denkst, mein Gott, hat er sich verändert, aber plötzlich kommt es dir gar nicht mehr so vor – und es ist, als hätte es die zwanzig Jahre nie gegeben. Ich meine«, er rieb sich heftig den Kopf, während er sich seine Worte zurechtlegte, »du siehst, dass sie ein paar graue Haare und ein paar Falten bekommen haben, und vielleicht sind sie anders geworden, aber zwei Minuten nach der ersten Schrecksekunde siehst du das gar nicht mehr. Sie sind einfach dieselben, die sie immer waren, und du musst einen Schritt zurücktreten, um zu sehen, dass sie nicht mehr achtzehn sind. Aber wenn die Leute fett werden«, sagte er nachdenklich, »dann verändern sie sich. Es ist schwerer zu sehen, wer sie waren, weil sich die Gesichter verändern. Aber du«, wieder blinzelte er mich an, »du wirst nie fett werden; du neigst einfach nicht dazu.«
»Vermutlich nicht«, sagte ich. Ich senkte den Blick auf meine Hände, die verschränkt auf meinem Schoß lagen. Schmale Handgelenke; noch war ich jedenfalls nicht fett. Meine Ringe glänzten in der Herbstsonne, die durch das Fenster fiel.
»Ist es Briannas Vater?«, fragte er leise.
Ich riss den Kopf hoch und starrte. »Wie zum Teufel bist du denn darauf gekommen?«, sagte ich.
Er lächelte schwach. »Ich kenne Brianna wie lange? Mindestens zehn Jahre.« Er schüttelte den Kopf. »Sie hat viel von dir mitbekommen, L. J., aber ich habe nie etwas von Frank gesehen. Paps hat rote Haare, wie?«, fragte er. »Und er ist ein verdammter Hüne, oder alles, was ich im Grundkurs Genetik gelernt habe, war gelogen.«
»Ja«, sagte ich, und dieses simple Eingeständnis erfüllte mich mit beinahe überwältigender Erregung. Ehe ich Brianna und Roger von Jamie erzählt hatte, hatte ich zwanzig Jahre lang gar nicht von ihm gesprochen. Das Glück, plötzlich frei über ihn sprechen zu können, war berauschend.
»Ja, er ist hochgewachsen und rothaarig, und er ist Schotte«, sagte ich, und wieder bekam Joe große Augen.
»Und Brianna ist in Schottland?«
Ich nickte. »Um Brianna geht es bei dem Gefallen.«
Zwei Stunden später verließ ich das Krankenhaus zum letzten Mal. Zurück blieben meine Kündigung, adressiert an die Krankenhausverwaltung, alle nötigen Treuhandvollmachten für meinen Besitz bis zu Briannas Volljährigkeit und eine weitere, die dann in Kraft trat und ihr alles überschrieb. Als ich vom Parkplatz fuhr, empfand ich eine Mischung aus Panik, Bedauern und Euphorie. Ich war auf dem Weg.
Kapitel 21
Q. E. D.
Inverness, 5. Oktober 1968
Ich habe die Übertragungsurkunde gefunden.« Roger war rot vor Erregung. Er hatte sich kaum beherrschen können und mit unverhohlener Ungeduld am Bahnhof von Inverness gewartet, während mich Brianna umarmte und wir mein Gepäck einsammelten. Kaum hatte er uns in seinem winzigen Morris verstaut und den Zündschlüssel umgedreht, als er auch schon mit seiner Neuigkeit herausplatzte.
»Was, für Lallybroch?« Ich beugte mich über die Rückenlehne zwischen ihm und Brianna vor, um ihn im Lärm des Motors hören zu können.
»Ja, das Dokument, das Jamie – dein Jamie – geschrieben hat, um das Anwesen an seinen kleinen Neffen Jamie zu übertragen.«
»Es ist im Pfarrhaus«, meldete sich Brianna zu Wort und verdrehte den Kopf, um mich anzusehen. »Wir haben uns nicht getraut, es mitzubringen; Roger musste mit seinem Blut unterschreiben, um es aus dem Archiv mitnehmen zu dürfen.« Ihre helle Haut war vor Erregung und Kälte gerötet, und sie hatte Regentropfen im roten Haar. Es war jedes Mal ein Schock für mich, sie nach einer Trennung wiederzusehen – alle Mütter finden, dass ihre Kinder Schönheiten sind, aber Brianna war es tatsächlich.
Ich lächelte sie an, voll Zuneigung und einem Hauch von Panik. War es wirklich möglich, dass ich darüber nachdachte, sie zu verlassen? Sie glaubte anscheinend, dass ich vor Freude über die Neuigkeit lächelte, und hielt sich aufgeregt an der Rückenlehne fest, um dann fortzufahren.
»Und du wirst nie erraten, was wir noch gefunden haben!«
»Was du gefunden hast«, verbesserte Roger und drückte ihr mit einer Hand das Knie, während er das kleine orange Auto durch einen Kreisverkehr steuerte. Sie warf ihm einen raschen Blick zu und erwiderte die Berührung mit einer Intimität, die auf der Stelle all meine mütterlichen Alarmglocken schrillen ließ. So weit war es also schon, ja?
Ich hatte das Gefühl, dass mir Franks Geist anklagend über die Schulter blickte. Nun, Roger war jedenfalls kein Schwarzer. Ich hüstelte und sagte: »Tatsächlich? Was ist es denn?«
Sie wechselten einen Blick und grinsten sich gegenseitig breit an.
»Wart’s ab, Mama«, sagte Brianna irritierend selbstzufrieden.
»Siehst du?«, sagte sie zwanzig Minuten später, als ich mich über den Schreibtisch im Studierzimmer des Pfarrhauses beugte. Auf der zerkratzten Schreibtischplatte des verstorbenen Reverends lag ein Häuflein vergilbter, eselsohriger Papiere mit braunen Kanten. Jetzt steckten sie sorgsam in schützenden Plastikhüllen, doch irgendwann einmal mussten sie achtlos benutzt worden sein; sie waren an den Rändern zerfleddert, ein Blatt war fast vollständig durchgerissen, und auf allen Blättern waren Notizen an den Rand gekritzelt und in den Text eingefügt. Dies war offensichtlich ein Entwurf.
»Es ist der Text eines Artikels«, teilte mir Roger mit, während er einen Stapel gewaltiger Folianten durchsah, die auf dem Sofa lagen. »Er ist in einer Art Zeitschrift namens Forrester’s erschienen, die 1765 in Edinburgh von einem Drucker namens Alexander Malcolm herausgegeben wurde.«
Ich schluckte, und plötzlich war mir mein Hemdblusenkleid unter den Armen zu eng; 1765 war fast zwanzig Jahre nach dem Zeitpunkt, an dem ich Jamie verlassen hatte.
Ich starrte die krakeligen Buchstaben an, die mit der Zeit braun geworden waren. Sie waren von jemandem verfasst worden, dem das Schreiben schwerfiel, hier ganz schmal und dort wieder breit, mit übertriebenen Unterlängen an den »g«s und »y«s. Vielleicht die Handschrift eines Linkshänders, der sehr mühsam mit der Rechten schrieb.
»Und hier ist die veröffentlichte Version.« Roger trug den geöffneten Folianten zum Schreibtisch, legte ihn mir hin und zeigte mit dem Finger darauf. »Siehst du das Datum? Es ist 1765, und es ist fast identisch mit diesem handschriftlichen Manuskript; nur ein paar Randnotizen wurden nicht übernommen.«
»Ja«, sagte ich. »Und die Übertragungsurkunde …«
»Hier ist sie.« Brianna kramte hastig in der oberen Schublade und zog ein zerknittertes Blatt heraus, das ebenfalls in einer Schutzhülle steckte – in diesem Fall noch vergebenere Liebesmüh als bei dem Manuskript; das Papier war vom Regen gefleckt, schmutzig und rissig, und viele der Wörter waren so verschwommen, dass man sie kaum noch erkennen konnte. Doch die drei Signaturen ganz unten waren deutlich zu sehen.