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Mit eigener Hand stand dort in der mühsamen Handschrift, die hier mit solcher Sorgfalt am Werk gewesen war, dass nur die übertriebene Unterlänge des »g«s die Verwandtschaft mit dem achtlos dahingekritzelten Manuskript verriet. James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser. Und darunter die beiden Zeilen mit den Unterschriften der Zeugen. In dünner, sauberer Schrift, Murtagh FitzGibbons Fraser und ganz unten in meiner großen, runden Handschrift, Claire Beauchamp Fraser.

Sehr plötzlich setzte ich mich hin und hielt instinktiv die Hand über das Dokument, als wollte ich seine Existenz verleugnen.

»Das ist es doch, oder?«, sagte Roger leise. Er war zwar äußerlich gefasst, doch das leise Zittern seiner Hände strafte ihn Lügen, als er die Manuskriptseiten ergriff, um sie neben die Urkunde zu legen. »Du hast es unterschrieben. Ein unumstößlicher Beweis – falls wir ihn noch nötig hätten«, fügte er mit einem hastigen Blick auf Brianna hinzu.

Sie schüttelte den Kopf und ließ ihr Haar nach vorn fallen, um ihr Gesicht zu verbergen. Sie brauchten beide keinen Beweis. Geilie Duncans Verschwinden in den Steinen vor fünf Monaten war alles gewesen, was man an Beweisen für die Wahrheit meiner Geschichte benötigen konnte.

Dennoch war es schwindelerregend, das Ganze so schwarz auf weiß vor mir zu sehen. Ich zog meine Hand fort und richtete den Blick erneut erst auf die Urkunde, dann auf das handschriftliche Manuskript.

»Ist es gleich, Mama?« Brianna beugte sich nervös über die Seiten, und ihr Haar strich sacht über meine Hand. »Der Artikel war nicht unterzeichnet – oder besser, er war es zwar, aber mit einem Pseudonym.« Sie lächelte kurz. »Der Autor hat mit ›Q. E. D.‹ unterschrieben. Für uns hat die Handschrift gleich ausgesehen, aber wir sind ja beide keine Graphologen, und wir wollten die Papiere keinem Experten geben, ehe du sie nicht gesehen hattest.«

»Ich glaube, ja.« Ich fühlte mich atemlos, war mir gleichzeitig jedoch auch ziemlich sicher, und ungläubige Freude stieg in mir auf. »Ja, ich bin mir beinahe sicher. Das hat Jamie geschrieben.« Q. E. D., in der Tat! Ich verspürte einen absurden Drang, die Manuskriptseiten aus ihren Plastikumhüllungen zu reißen und sie mit den Händen zu umklammern, die Tinte und das Papier zu spüren, das er berührt hatte, den sicheren Beweis, dass er überlebt hatte.

»Es gibt noch mehr Anhaltspunkte im Text selbst.« Rogers Stimme verriet seinen Stolz. »Siehst du? Es ist ein Artikel gegen das Akzisengesetz von 1764, der sich für die Rücknahme der Restriktionen auf den Export von Alkohol aus den schottischen Highlands nach England einsetzt. Hier ist die Stelle«, sein flinker Finger hielt plötzlich auf einer Formulierung inne, »denn wie man seit alten Zeiten weiß, ›Freiheit und Whisky geh’n zusammen‹. Siehst du, wie er diese Formulierung in Anführungszeichen gesetzt hat? Er hat sie von jemand anderem.«

»Er hat sie von mir«, sagte ich leise. »Ich habe das zu ihm gesagt – als er sich auf den Weg gemacht hat, um Prinz Charlies Portwein zu stehlen.«

»Das wusste ich noch«, nickte Roger, und seine Augen glitzerten vor Aufregung. »Aber es ist ein Burns-Zitat«, sagte ich und runzelte plötzlich die Stirn. »Vielleicht hat es der Verfasser ja von ihm – hat Burns damals nicht schon gelebt?«

»Doch«, sagte Brianna selbstzufrieden und kam Roger zuvor. »Aber Robert Burns war 1765 sechs Jahre alt.«

»Und Jamie wäre vierundvierzig.« Plötzlich erschien mir alles real. Er lebte – hatte gelebt, verbesserte ich mich und versuchte, meine Gefühle im Griff zu behalten. Zitternd legte ich meine Finger flach auf die Manuskriptseiten.

»Und wenn …«, sagte ich und musste erneut innehalten, um zu schlucken.

»Und wenn die Zeit parallel weiterläuft, so wie wir es glauben …« Auch Roger hielt inne und sah mich an. Dann richteten sich seine Augen auf Brianna.

Sie war leichenblass geworden, doch ihre Lippen und ihr Blick waren gefasst, und ihre Finger waren warm, als sie meine Hand berührte.

»Dann kannst du zurückgehen, Mama«, sagte sie leise. »Du kannst ihn finden.«

Die Plastikkleiderbügel klapperten auf dem Stahlgestell des Kleiderständers, als ich mir langsam die verfügbare Auswahl ansah.

»Kann ich Ihnen helfen, Miss?« Die Verkäuferin blinzelte zu mir auf wie ein hilfsbereiter Pekinese – ihre blau umrandeten Augen waren unter dem Pony, der ihr bis zur Nasenspitze reichte, kaum zu sehen.

»Haben Sie noch mehr von diesen altmodischen Kleidern?« Ich zeigte auf den Ständer vor mir, der voller Exemplare hing, die der letzte Schrei waren – lange Kleider mit Schnürmiedern, aus karierter Baumwolle oder Velourssamt.

Der Mund der Verkäuferin war so dick geschminkt, dass ich dachte, ihr weißer Lippenstift würde Risse bekommen, wenn sie lächelte, doch das tat er nicht.

»Oh, aye«, sagte sie. »Wir haben gerade eine neue Lieferung von Jessica Gutenburg bekommen. Sind sie nicht toll, diese Kleider wie früher?« Sie fuhr bewundernd mit dem Finger über einen braunen Samtärmel, dann machte sie auf ihren Ballerinas kehrt und zeigte zur Mitte des Ladens. »Da drüben, aye? Es steht auf dem Schild.«

Auf dem Schild, das in der Mitte eines runden Kleiderständers befestigt war, stand in großen weißen Lettern ERLEBEN SIE DEN CHARME DES ACHTZEHNTEN JAHRHUNDERTS. Gleich darunter befand sich die verschnörkelte Signatur Jessica Gutenburg.

Während ich darüber nachdachte, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass jemand tatsächlich Jessica Gutenburg hieß, betrachtete ich den Inhalt des Kleiderständers und pausierte vor einem wahrlich atemberaubenden Stück aus cremefarbenem Samt mit Satineinsätzen und sehr viel Spitze.

»Würde Ihnen gut stehen.« Die Pekinesin war wieder da, und ihr Stupsnäschen witterte hoffnungsvoll ein Geschäft.

»Kann schon sein«, sagte ich, »aber nicht sehr praktisch. Ich wäre ja schon schmutzig, wenn ich nur aus dem Geschäft gehe.« Nicht ohne Bedauern schob ich das weiße Kleid zur Seite und zog das nächste in Größe 36 herbei.

»Oh, ich finde die roten einfach herrlich!« Die junge Frau verknotete beim Anblick des granatfarbenen Stoffs ekstatisch die Hände.

»Ich auch«, murmelte ich, »aber es darf nicht zu grell sein. Wäre ja dumm, für eine Prostituierte gehalten zu werden, nicht wahr?« Das Hündchen warf mir einen verblüfften Blick durch das Dickicht zu, beschloss dann, dass ich einen Witz gemacht hatte, und kicherte beifällig.

»Aber das hier«, sagte sie entschieden und griff an mir vorbei, »das ist absolut perfekt. Das ist Ihre Farbe.«

Es war tatsächlich fast perfekt. Bodenlang, spitzengesäumte Dreiviertelärmel. Tief goldgelbe, schwere Seide, in der Spuren von Braun, Bernstein und Sherry aufschimmerten.

Ich hob es vorsichtig vom Kleiderständer und hielt es hoch, um es zu betrachten. Ein bisschen extravagant, aber es konnte gehen. Es schien halbwegs anständig genäht zu sein; keine losen Fäden oder ausgefransten Säume. Die industriell gefertigte Spitze war zwar nur angetackert, aber das konnte ich leicht nachbessern.

»Möchten Sie es anprobieren? Die Umkleidekabinen sind gleich da drüben.« Durch mein Interesse ermutigt, ließ das Hündchen jetzt nicht mehr von mir ab. Nach einem raschen Blick auf das Preisschild verstand ich, warum; sie musste auf Provisionsbasis arbeiten. Ich holte tief Luft angesichts einer Summe, die einer Monatsmiete für eine Wohnung in London entsprach, doch dann zuckte ich mit den Schultern. Wozu brauchte ich schließlich Geld?

Dennoch zögerte ich.

»Ich weiß nicht …«, sagte ich skeptisch, »es ist hübsch. Aber …«

»Oh, keine Sorge, dass es nicht das Richtige für Ihr Alter ist«, versicherte mir die Pekinesin ernst. »Sie sehen keinen Tag älter als fünfundzwanzig aus. Na ja … vielleicht dreißig«, schloss sie nach einem schnellen Blick in mein Gesicht ein bisschen lahm.

»Danke«, sagte ich trocken. »Das war es aber nicht, was mir Sorgen macht. Sie haben nicht zufällig etwas ohne Reißverschluss, oder?«