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»Ich glaube nicht, dass sie etwas in Brand setzen wird«, stellte er fest. »Sollen wir sie brennen lassen?«

Es kam keine Antwort. Als sein Blick auf Brianna fiel, sah er sie reglos wie einen Stein dasitzen, die Augen auf den Kamin geheftet. Sie hatte ihn nicht gehört. Er setzte sich neben sie und nahm ihre Hand.

»Vielleicht kann sie ja zurückkommen«, sagte er sanft. »Wir wissen es doch nicht.«

Brianna schüttelte langsam den Kopf, ohne den Blick von den züngelnden Flammen abzuwenden.

»Das glaube ich nicht«, sagte sie leise. »Sie hat dir doch erzählt, wie es gewesen ist. Es ist doch sogar möglich, dass sie gar nicht ankommt.« Lange Finger trommelten nervös auf den Oberschenkel ihrer Jeans.

Roger blickte zur Tür, um sicherzugehen, dass Claire wirklich oben war, dann setzte er sich neben Brianna auf das Sofa.

»Sie gehört zu ihm, Brianna«, sagte er. »Kannst du das nicht sehen? Wenn sie von ihm spricht?«

»Ich sehe es. Ich weiß, dass sie ihn braucht.« Ihre volle Oberlippe zitterte sacht. »Aber … ich brauche sie!« Briannas Hände klammerten sich plötzlich fest um ihre Knie, und sie beugte sich vor, als wollte sie einen plötzlichen Schmerz kontrollieren.

Roger strich ihr über das Haar und bewunderte die seidigen, schimmernden Strähnen, die ihm durch die Finger glitten. Er hätte sie gern in die Arme genommen, genauso sehr, um sie zu trösten wie um sie zu spüren, doch sie verharrte starr und reagierte nicht auf ihn.

»Du bist erwachsen, Brianna«, sagte er leise. »Du hast doch jetzt dein eigenes Leben, nicht wahr? Natürlich liebst du sie, aber du brauchst sie nicht mehr – nicht mehr so wie als kleines Kind. Hat sie denn kein Recht auf ihr eigenes Glück?«

»Doch. Aber … Roger, du verstehst mich nicht!«, entfuhr es ihr. Sie presste die Lippen fest aufeinander und schluckte krampfhaft, dann wandte sie ihm das Gesicht zu, so aufgewühlt, dass ihre Augen dunkel geworden waren.

»Sie ist alles, was noch übrig ist, Roger! Der einzige Mensch, der mich wirklich kennt. Sie und Papa – Frank –«, verbesserte sie sich, »sie waren die Einzigen, die mich von Anfang an gekannt haben, die dabei waren, als ich laufen gelernt habe, und die stolz auf mich waren, wenn ich in der Schule etwas gut gemacht habe, und die …« Sie brach ab, und die Tränen quollen über und hinterließen im Feuerschein glänzende Spuren.

»Das klingt jetzt wirklich dumm«, sagte sie mit plötzlicher Heftigkeit. »Wirklich, wirklich dumm! Aber es ist …« Hilflos suchte sie nach Worten, dann sprang sie auf, weil sie nicht mehr stillsitzen konnte.

»Es ist … da sind all diese Dinge, die ich überhaupt nicht weiß!«, sagte sie und ging mit schnellen, wütenden Schritten auf und ab. »Glaubst du, ich weiß, wie ich ausgesehen habe, als ich laufen gelernt habe, oder was das erste Wort war, das ich gesagt habe? Nein, aber Mama weiß es! Und das ist so dämlich, denn was bedeutet es schon, gar nichts, aber es ist wichtig, weil sie es wichtig fand, und … oh, Roger, wenn sie nicht mehr da ist, gibt es keine Menschenseele mehr, die sich dafür interessiert, was für ein Mensch ich bin, oder die mich nicht nur aus einem bestimmten Grund für etwas Besonderes hält, sondern einfach, weil ich ich bin! Sie ist der einzige Mensch, dem es wirklich, wirklich etwas bedeutet, dass ich auf der Welt bin, und wenn sie fort ist …« Sie blieb auf dem Kaminläufer stehen, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt, und ihr Mund verzog sich vor Anstrengung, sich zu beherrschen, während ihr die Tränen feucht auf den Wangen glänzten. Dann sackten ihre Schultern zusammen, und die Anspannung wich aus ihrer hochgewachsenen Gestalt.

»Und das ist einfach nur wirklich dumm und egoistisch«, sagte sie in leisem, bedachtem Ton. »Und du verstehst mich nicht und findest mich furchtbar.«

»Nein«, sagte Roger leise. »Das finde ich nicht.« Er stand auf und trat hinter sie, legte ihr die Arme um die Taille und lud sie ein, sich zurückzulehnen. Anfangs reagierte sie nicht und blieb starr in seinen Armen stehen, doch dann gab sie dem Bedürfnis nach körperlichem Trost nach und ließ los. Er legte ihr das Kinn auf die Schulter und neigte den Kopf, so dass er den ihren berührte.

»Das war mir gar nicht klar«, sagte er. »Bis jetzt. Erinnerst du dich an all die Kartons in der Garage?«

»Welche denn?«, fragte sie und versuchte schniefend zu lachen. »Es sind doch Hunderte.«

»Die, auf denen ›Roger‹ steht.« Er drückte sie sacht und hob dann die Arme, so dass sie verschränkt vor ihrer Brust lagen und er Brianna dicht an sich hielt.

»Sie sind voll mit dem alten Kram meiner Eltern«, sagte er. »Bilder und Briefe und Babykleider und Bücher und altes Zeug. Der Reverend hat alles eingepackt, als er mich zu sich geholt hat. Hat es genauso behandelt wie seine kostbarsten historischen Dokumente – doppelt verpackt, mottensicher, alles.«

Er wiegte sich langsam vor und zurück, schwankte von rechts nach links und nahm sie mit sich, während er den Blick über ihre Schulter hinweg auf das Feuer gerichtet hielt.

»Einmal habe ich ihn gefragt, warum er sich die Mühe macht, sie aufzubewahren – ich wollte sie ja nicht haben; es hat mich nicht interessiert. Aber er hat gesagt, wir würden es trotzdem behalten; es wäre meine Geschichte, hat er gesagt – und jeder braucht seine Geschichte.«

Brianna seufzte, und ihr Körper schien sich noch weiter zu entspannen und sich seinem rhythmischen, halb unbewussten Wanken anzuschließen.

»Hast du je hineingesehen?«

Er schüttelte den Kopf. »Es ist nicht wichtig, was in den Kartons ist«, sagte er. »Nur, dass es da ist.«

Dann ließ er sie los und trat zurück, so dass sie sich zu ihm umdrehte. Ihr Gesicht war rot gefleckt und ihre lange, elegante Nase ein wenig geschwollen.

»Es stimmt nämlich nicht, weißt du«, sagte er leise und hielt ihr die Hand hin. »Deine Mutter ist nicht die Einzige, der du etwas bedeutest.«

Brianna war schon lange im Bett, aber Roger saß noch im Studierzimmer und sah zu, wie die Flammen im Kamin erstarben. Er hatte Halloween immer als unruhige Nacht empfunden, die voller erwachter Geister war. Heute war das erst recht so, angesichts dessen, was morgen geschehen würde. Der Kürbis auf der Anrichte grinste erwartungsfroh und erfüllte das Zimmer mit seinem heimeligen Backgeruch.

Das Geräusch von Schritten auf der Treppe riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte gedacht, es wäre vielleicht Brianna, die nicht schlafen konnte, doch die Besucherin war Claire.

»Dachte ich mir, dass du noch wach sein könntest«, sagte sie. Sie war im Nachthemd, ein bleicher Satinschimmer vor dem Hintergrund des dunklen Flurs.

Er lächelte und streckte die Hand aus, um sie ins Zimmer zu bitten. »Nein, ich konnte an Halloween noch nie schlafen. Nicht nach all den Geschichten, die mir mein Vater erzählt hat; ich dachte immer, ich könnte Geister vor meinem Fenster sprechen hören.«

Sie lächelte und trat in den Feuerschein. »Und was haben sie gesagt?«

»›Siehst du diesen großen grauen Kopf mit den Knochen ohne Haut?‹«, zitierte Roger. »Kennst du die Geschichte? Von dem Schneiderlein, das die Nacht in einer Spuk-Kirche verbringt und dem hungrigen Geist begegnet?«

»Ja. Ich glaube, wenn ich das vor meinem Fenster gehört hätte, hätte ich mich den Rest der Nacht unter der Bettdecke versteckt.«

»Oh, das habe ich normalerweise auch getan«, versicherte ihr Roger. »Obwohl ich einmal, als ich sieben war oder so, meinen Mut zusammengenommen habe, mich ins Bett gestellt und auf die Fensterbank gepinkelt habe – der Reverend hatte mir gerade erzählt, dass die Geister angeblich nicht ins Haus kommen, wenn man an den Türpfosten pinkelt.«