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Die Augen, die Jamies so ähnlich waren, blickten auf mich hinunter, und Tränen verschwammen darin.

»Wenn du ihn findest«, flüsterte sie, »wenn du meinen Vater findest – gib ihm das hier.« Sie beugte sich vor und küsste mich, fest, sanft, dann richtete sie sich auf und drehte mich dem Stein zu.

»Geh, Mama«, sagte sie atemlos. »Ich liebe dich. Geh!«

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich Roger auf sie zubewegte. Ich tat einen Schritt, dann noch einen. Ich hörte ein Geräusch, ein leises Tosen. Ich tat den letzten Schritt, und die Welt verschwand.

Sechster Teil

Edinburgh

Kapitel 24

A. Malcolm, Drucker

Mein erster bewusster Gedanke war: »Es regnet. Das kann nur Schottland sein.« Mein zweiter Gedanke war, dass diese Feststellung keine große Verbesserung gegenüber den zusammenhanglosen Bildern bedeutete, die mir durch den Kopf gingen, dort zusammenstießen und kleine synaptische Explosionen bar jeder Relevanz auslösten.

Mühsam öffnete ich ein Auge. Das Lid war zugeklebt, und mein ganzes Gesicht fühlte sich kalt und aufgequollen an wie bei einer Wasserleiche. Ich erschauerte sacht bei diesem Gedanken, und die schwache Bewegung ließ mich den klatschnassen Stoff spüren, der mich umhüllte.

Es regnete in der Tat – ein leises, unablässiges Prasseln, das einen feinen Tröpfchennebel über dem grünen Moor aufsteigen ließ. Ich setzte mich, wobei ich mir vorkam wie ein Nilpferd, das sich aus dem Sumpf erhebt, und fiel prompt hintenüber.

Ich blinzelte und schloss die Augen, um sie vor dem Regen zu schützen. Allmählich bekam ich wieder ein Gefühl dafür, wer ich war – und wo ich war. Brianna. Ihr Gesicht stand mir plötzlich vor dem inneren Auge und versetzte mir einen Ruck wie ein Boxhieb in die Magengrube. Lückenhafte Bilder des Verlustes und der Riss der Trennung zerrten an mir, ein schwaches Echo des Schwindels in der Steinpassage.

Jamie. Da war er, der Anker, an den ich mich geklammert hatte, das Einzige, das mich vom Wahnsinn trennte. Ich atmete langsam und tief, die Hände über meinem hämmernden Herzen gefaltet, und rief mir Jamies Gesicht ins Gedächtnis. Im ersten Moment dachte ich, ich hätte ihn verloren, dann stand es mir klar und kühn vor dem inneren Auge.

Wieder kämpfte ich mich hoch, und diesmal hielt ich mich aufrecht, indem ich mich auf die ausgestreckten Hände stützte. Ja, es war auf jeden Fall Schottland. Etwas anderes konnte es ja auch kaum sein, doch es war außerdem auch das Schottland der Vergangenheit. Zumindest hoffte ich, dass es die Vergangenheit war. Auf jeden Fall war es nicht das Schottland, aus dem ich aufgebrochen war. Die Bäume und Büsche waren anders gewachsen; direkt unter mir standen einige junge Ahornbäume, die nicht da gewesen waren, als ich auf den Hügel gestiegen war – wann eigentlich? Heute Morgen? Vor zwei Tagen?

Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, seit ich die Steine durchschritten hatte, oder wie lange ich bewusstlos auf dem Hang unterhalb des Steinkreises gelegen hatte. Einige Zeit, zumindest meiner nassen Kleidung nach; ich war bis auf die Haut durchnässt, und unter dem Kleid liefen mir kleine Eisrinnsale über die Haut.

Meine betäubte Wange begann zu kribbeln; als ich sie anfasste, spürte ich, dass sie ein Muster aus kleinen Dellen hatte. Ich senkte den Blick und sah eine Schicht Ebereschenbeeren am Boden liegen, wo sie rot und schwarz im Gras glänzten. Sehr passend, dachte ich vage belustigt. Ich war unter eine Eberesche gefallen – in den Highlands eine Pflanze zum Schutz gegen Hexenkunst und Zauberei.

Ich packte den glatten Stamm der Eberesche und zog mich mühselig zum Stehen hoch. Ohne den Baum loszulassen, blickte ich nach Nordosten. Der Regen hatte den Horizont zu grauer Unsichtbarkeit verschwimmen lassen, doch ich wusste, dass Inverness in dieser Richtung lag. Nicht mehr als eine Stunde Autofahrt auf modernen Straßen.

Die Straße gab es schon; ich sah den Verlauf eines Feldwegs, der am Fuß des Hügels entlangführte, ein dunkler, silbriger Streifen im feucht glänzenden Grün der Moorpflanzen. Doch zu Fuß waren fast vierzig Meilen etwas ganz anderes als die Autofahrt, die mich hergebracht hatte.

Im Stehen fühlte ich mich allmählich besser. Meine körperliche Schwäche ließ nach, zusammen mit dem Gefühl von Chaos und Zerrissenheit in meinem Kopf. Sie war so schlimm gewesen, wie ich befürchtet hatte, diese Passage, vielleicht schlimmer. Ich konnte die furchtbare Gegenwart der Steine über mir spüren und erschauerte, während meine Haut vor Kälte prickelte.

Doch ich lebte. Ich lebte und spürte ein leises Gefühl der Gewissheit wie eine kleine leuchtende Sonne in meinem Inneren. Er war hier. Ich wusste es jetzt, auch wenn ich es nicht gewusst hatte, als ich mich zwischen die Steine warf; das hatte ich auf gut Glück getan. Doch ich hatte den Gedanken an Jamie ausgeworfen wie ein Rettungsseil, das man in eine tobende Strömung fallen lässt – und das Seil hatte sich in meiner Hand angespannt und mich herausgezogen.

Ich war nass, mir war kalt, und ich fühlte mich zerschlagen, als sei ich an einem felsigen Ufer in der Brandung umhergeworfen worden. Doch ich war hier. Und irgendwo in diesem seltsamen Land der Vergangenheit war der Mann, der der Grund meines Hierseins war. Die Erinnerung an Schmerz und Grauen verblasste, weil ich begriff, dass meine Würfel gefallen waren. Ich konnte nicht zurück; eine weitere Reise würde mit ziemlicher Sicherheit tödlich sein. Während ich begriff, dass ich wohl für immer hier war, legte sich eine seltsame, beinahe jubelnde Ruhe über alles Zögern und alle Furcht. Ich konnte nicht zurück. Mir blieb nichts anderes übrig, als vorwärtszugehen – ihn zu finden.

Unter Verwünschungen, weil ich nicht darauf gekommen war, dem Schneider zu sagen, dass er eine wasserdichte Lage zwischen Außenmaterial und Futter nähen sollte, zog ich das durchnässte Kleidungsstück um mich. Selbst derart nass speicherte die Wolle noch ein wenig Wärme. Wenn ich mich bewegte, würde mir wärmer werden. Eine rasche Berührung bestätigte mir, dass mein Sandwichpäckchen die Reise überstanden hatte. Das war gut; die Vorstellung, vierzig Meilen mit leerem Magen zu wandern, war entmutigend.

Mit etwas Glück würde es ja nicht nötig sein. Vielleicht fand ich ein Dorf oder ein Haus, wo man mir ein Pferd verkaufen würde. Doch auch so war ich vorbereitet. Ich hatte vor, mich nach Inverness zu begeben – wie auch immer – und dort eine öffentliche Kutsche nach Edinburgh zu nehmen.

Es war unmöglich zu sagen, wo sich Jamie im Moment befand. Möglich, dass er in Edinburgh war, wo sein Artikel erschienen war, doch es war genauso gut möglich, dass er irgendwo anders war. Falls ich ihn dort nicht fand, konnte ich nach Lallybroch gehen, wo er zu Hause war. Gewiss würde seine Familie wissen, wo er war – falls noch jemand lebte. Der plötzliche Gedanke ließ mich frösteln, und ich erschauerte.

Ich dachte an einen kleinen Buchladen, an dem ich jeden Morgen auf dem Weg vom Parkplatz zum Krankenhaus vorbeigekommen war. Sie hatten Poster im Angebot gehabt; ich hatte die psychedelischen Drucke im Schaufenster gesehen, als ich zum letzten Mal aus Joes Büro gekommen war.

»Heute beginnt der Rest deines Lebens«, stand auf einem Poster über einer Illustration eines absurden Kükens, das den Kopf aus einer Eierschale steckte. Im anderen Fenster hing ein Poster mit einer Raupe, die an einem Blumenstiel hinaufkroch. Über der Blume schwang sich ein leuchtend bunter Schmetterling in die Lüfte, und darunter stand das Motto: »Ein Weg von tausend Meilen beginnt mit einem einzelnen Schritt«.

Ich kam zu dem Schluss, dass das Irritierendste an Klischees war, wie oft sie zutrafen. Ich ließ die Eberesche los und machte mich auf den Weg bergab, meiner Zukunft entgegen.

Es war eine lange, holprige Fahrt von Inverness nach Edinburgh, in einer großen Kutsche dicht an dicht gedrängt mit zwei weiteren Damen, von denen eine ihren kleinen, weinerlichen Sohn dabeihatte, und vier Herren von unterschiedlicher Größe und Disposition.