Mr. Graham, ein kleiner, lebenslustiger Herr in fortgeschrittenem Alter, der neben mir saß, trug einen Beutel mit Kampher und Asafoetida um den Hals, was dem Rest der Kutsche unangenehm die Augen tränen ließ.
»Blendend zur Vertreibung der üblen Säfte der Influenza«, erklärte er mir, während er den Beutel wie ein Weihrauchgefäß sanft unter meiner Nase schwenkte. »Ich trage dies in den Herbst- und Wintermonaten täglich bei mir und bin in fast dreißig Jahren nicht einen Tag krank gewesen!«
»Erstaunlich«, sagte ich höflich und versuchte, die Luft anzuhalten. Ich zweifelte nicht an seinen Worten; die Dämpfe hielten den Rest der Welt vermutlich so auf Abstand, dass ihn kein Keim erreichen konnte.
Auf den kleinen Jungen schien es weniger wohltuend zu wirken. Nach einer Reihe lauter, unüberlegter Bemerkungen über den Geruch in der Kutsche hatte man Master Georgies Worte an der Brust seiner Mutter erstickt, von wo er jetzt aufblickte. Da er ziemlich grün aussah, behielt ich ihn genau im Blick, ebenso wie den Nachttopf unter dem gegenüberliegenden Sitz, für den Fall, dass schnelles Handeln nötig wurde, um den einen mit dem anderen zusammenzubringen.
Ich ging davon aus, dass der Nachttopf zur Benutzung bei widrigem Wetter oder in anderen Notfällen gedacht war, da die Rücksicht auf das Feingefühl der Damen normalerweise stündlich eine Pause vorsah. Jedes Mal zerstreuten sich die Passagiere wie ein Schwarm Wachteln in der Vegetation am Straßenrand, denn selbst diejenigen, die sich nicht die Blase oder den Darm erleichtern mussten, suchten Erleichterung von Mr. Grahams stinkendem Asafoetidabeutelchen.
Nach ein oder zwei Platzwechseln musste Mr. Graham seine Position an meiner Seite für Mr. Wallace räumen, einem untersetzten jungen Anwalt, der sich auf der Rückreise nach Edinburgh befand, nachdem er in Inverness den Nachlass eines älteren Verwandten geregelt hatte, wie er mir erklärte.
Ich fand die Einzelheiten seiner Advokatenpraxis zwar nicht annähernd so faszinierend wie er selbst, doch unter den Umständen hatte die Tatsache, dass er sich so offensichtlich zu mir hingezogen fühlte, etwas Beruhigendes an sich, und ich brachte mehrere Stunden damit zu, mit ihm auf einem kleinen Schachbrett zu spielen, das er aus seiner Tasche holte und auf seine Knie stellte.
Sowohl von den Unbequemlichkeiten der Reise als auch von den komplexen Verwicklungen des Schachspiels wurde ich durch die gespannte Erwartung auf das abgelenkt, was ich wohl in Edinburgh vorfinden würde.A. Malcolm. Der Name ging mir durch den Kopf wie eine Hymne der Hoffnung. A. Malcolm. Es musste Jamie sein, es musste einfach Jamie sein! James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser.
»Angesichts der Tatsache, wie man nach der Schlacht von Culloden mit den Highlandrebellen verfahren ist, wäre es nur vernünftig, wenn er an einem Ort wie Edinburgh einen falschen Namen benutzen würde«, hatte Roger Wakefield mir erklärt. »Gerade er – schließlich hat man ihn des Hochverrats verurteilt. Anscheinend etwas, was er sich nicht abgewöhnen konnte«, fügte er kritisch hinzu, während er das krakelige Manuskript der Schmähschrift gegen die Steuer betrachtete. »Für die damalige Zeit ist das hier lupenreine Aufwiegelei.«
»Ja, das hört sich nach Jamie an«, sagte ich trocken, doch mein Herz hatte beim Anblick des unverwechselbaren Gekrakels und der kühnen Formulierungen einen Satz getan. Mein Jamie. Ich berührte das kleine harte Rechteck in meiner Rocktasche und fragte mich, wie lange es wohl noch dauern mochte, bis wir Edinburgh erreichten.
Das Wetter blieb für die Jahreszeit untypisch freundlich, und unser Vorankommen wurde höchstens hin und wieder durch leichten Nieselregen behindert, so dass wir unsere Reise in weniger als zwei Tagen beendeten, nachdem wir unterwegs viermal angehalten hatten, um an einer Poststation die Pferde zu wechseln und uns zu stärken.
Schließlich bog die Kutsche in den Hinterhof von Boyd’s Whitehorse Tavern am Fuß der Royal Mile in Edinburgh ein. Die Passagiere entstiegen ihr in den wässrigen Sonnenschein wie frisch aus ihren Puppen geschlüpfte Schmetterlinge mit zerknitterten Flügeln, die sich unbeholfen erst wieder an die Bewegung gewöhnen mussten. Nach dem Zwielicht in der Kutsche schien selbst das wolkige graue Licht Edinburghs zu blenden.
Mir kribbelten zwar die Füße vom langen Sitzen, doch ich beeilte mich dennoch, weil ich dem Hinterhof zu entfliehen hoffte, solange meine ehemaligen Begleiter noch damit beschäftigt waren, ihre Habseligkeiten wieder an sich zu bringen. Ich hatte Pech; Mr. Wallace holte mich kurz vor der Straße ein.
»Mrs. Fraser!«, sagte er. »Darf ich um das Vergnügen bitten, Euch zu Eurem Ziel zu begleiten? Gewiss benötigt Ihr doch Hilfe beim Transport Eures Gepäcks.« Er blickte sich nach der Kutsche um, wo die Stallknechte ächzend und mit großem Hallo die Taschen und Koffer scheinbar planlos in die Menge warfen.
»Äh …«, sagte ich. »Danke, aber ich … äh, der Wirt kümmert sich um mein Gepäck. Mein … mein …« Ich suchte hektisch nach einer Ausrede. »Der Bedienstete meines Ehemanns kommt es später holen.«
Sein rundliches Gesicht sank ein wenig in sich zusammen, als er das Wort »Ehemann« hörte, doch er rappelte sich tapfer wieder auf, nahm meine Hand und verbeugte sich tief darüber.
»Ich verstehe. Darf ich Euch dann meine tief empfundene Wertschätzung für das Vergnügen Eurer Gesellschaft auf unserer Reise ausdrücken, Mrs. Fraser? Vielleicht begegnen wir uns ja einmal wieder.« Er richtete sich auf und ließ den Blick über die Menge schweifen, die an uns vorüberströmte. »Holt Euer Mann Euch ab? Ich wäre entzückt, seine Bekanntschaft zu machen.«
Das Interesse, das Mr. Wallace an mir gezeigt hatte, war zwar sehr schmeichelhaft gewesen, doch jetzt wurde es mir rapide lästig.
»Nein, ich treffe ihn später«, sagte ich. »So schön, Sie kennengelernt zu haben, Mr. Wallace; ich hoffe, wir sehen uns irgendwann wieder.« Ich schüttelte Mr. Wallace mit Nachdruck die Hand, was ihn so aus dem Konzept brachte, dass ich durch die Menge der Fußgänger, Dienstboten und Essensverkäufer entschwinden konnte.
Ich wagte es nicht, in der Nähe der Kutschenstation stehen zu bleiben, weil ich fürchtete, dass er mir auf die Straße folgen würde. Ich bog ab, huschte die Steigung der Royal Mile hinauf und schob mich durch die Menge, so schnell es mir meine voluminösen Röcke gestatteten. Ich hatte das Glück gehabt, mir einen Markttag für meine Ankunft auszusuchen, und so verschwand ich bald zwischen den Muschelverkäufern und anderen Ständen, die die Straße säumten.
Ich keuchte wie ein entwischter Taschendieb, als ich auf halber Höhe der Royal Mile an einem öffentlichen Springbrunnen stehen blieb. Ich setzte mich auf den Rand, um wieder zu Atem zu kommen.
Ich war hier. Wirklich hier. Hinter mir erhob sich Edinburgh bis zu den finster blickenden Höhen der Burg, unter mir senkte es sich bis hin zur majestätischen Grazie des Palastes von Holyrood am Fuß der Stadt.
Als ich das letzte Mal an diesem Brunnen gestanden hatte, hatte Bonnie Prince Charlie hier eine Ansprache an die versammelte Bürgerschaft Edinburghs gehalten und ihr mit dem Anblick seiner königlichen Gegenwart Mut eingeflößt. Überschwenglich war er vom Brunnenrand auf das steinerne Ornament in der Mitte gesprungen, einen Fuß im Becken, mit der Hand an die Wasserspeier geklammert, während er »Auf nach England!« rief. Die Menge war außer sich gewesen, hingerissen von dieser Demonstration jugendlichen Überschwangs und athletischen Könnens. Ich hingegen wäre deutlich beeindruckter gewesen, wenn mir nicht aufgefallen wäre, dass man das Wasser im Brunnen abgestellt hatte, weil man im Voraus von dieser Geste wusste.
Ich fragte mich, wo Charlie jetzt war. Vermutlich war er im Anschluss an Culloden nach Italien zurückgekehrt, um dort sein Dasein zu fristen, wie auch immer es einem König im permanenten Exil möglich war. Ich wusste nicht, womit er seine Zeit verbrachte, und es interessierte mich auch nicht. Er war von den Seiten der Geschichtsbücher genauso verschwunden wie aus meinem Leben und hatte nichts als Zerstörung und Ruin zurückgelassen. Ob es jetzt noch etwas zu retten gab, würde ich bald sehen.