Die Gasse war lang und gewunden, und die Druckerei lag an ihrem Ende. Auf beiden Straßenseiten befanden sich belebte Geschäfte und Mietshäuser, doch ich hatte für nichts anderes Augen als das adrette weiße Schild, das an der Tür hing.
A. MALCOLM
DRUCKER UND BUCHHÄNDLER
stand darauf, und darunter: Bücher, Visitenkarten, Pamphlete, Flugblätter, Briefe etc.
Ich streckte die Hand aus und berührte die Lettern des Namens.A. Malcolm. Alexander Malcolm. James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser. Vielleicht.
Eine Minute noch, und mir würde der Mut versagen. Ich drückte die Tür auf und trat ein.
Eine breite Theke zog sich quer durch die Front des Raums, darin eine offene Klapptür, und auf der einen Seite ein Gestell mit mehreren Setzkästen voller bleierner Lettern. Plakate und Notizen aller Art waren an die gegenüberliegende Wand geheftet; zweifellos Musterstücke.
Die Tür zum hinteren Raum stand offen und gab den Blick auf die kantige Masse einer Druckerpresse frei. Darüber gebeugt, mit dem Rücken zu mir, stand Jamie.
»Bist du das, Geordie?«, fragte er, ohne sich umzudrehen. Er war mit Hemd und Kniehosen bekleidet und hielt ein kleines Werkzeug in der Hand, mit dem er an den Innereien der Presse herumwerkelte. »Hast ja lange genug gebraucht. Hast du die …«
»Ich bin nicht Geordie«, sagte ich. Meine Stimme klang höher als sonst. »Ich bin’s«, sagte ich. »Claire.«
Ganz langsam richtete er sich auf. Er trug das Haar lang; ein dicker Zopf aus tiefem, kräftigem, mit Kupfer durchzogenen Kastanienbraun. Mir blieb gerade noch Zeit zu sehen, dass das Band, von dem es zusammengehalten wurde, grün war, dann drehte er sich um.
Wortlos starrte er mich an. Ein Zittern überlief seinen Halsmuskel, als er schluckte, doch er sagte immer noch nichts.
Es war dasselbe breite, gutmütige Gesicht, dunkelblaue, schräge Augen über den hohen, flachen Wangenknochen eines Wikingers, und der breite Mund kräuselte sich an den Enden, als sei er stets im Begriff zu lächeln. Die Linien rings um seinen Mund waren natürlich tiefer geworden. Die Nase hatte sich ein kleines bisschen verändert. Ihr messerscharfer Rücken hatte dicht unterhalb der Wurzel eine Verdickung, verursacht durch einen alten, abgeheilten Bruch. Das ließ ihn zwar grimmiger aussehen, dachte ich, dafür aber weniger reserviert, und es verlieh seinem Auftreten einen neuen, rauhen Charme.
Ich durchschritt die Öffnung in der Theke und sah nichts als diesen starren Blick. Ich räusperte mich.
»Wann hast du dir denn die Nase gebrochen?«
Seine Mundwinkel hoben sich sacht.
»Ungefähr drei Minuten, nachdem ich dich zuletzt gesehen habe … Sassenach.«
Es lag etwas Zögerndes, beinahe Fragendes in dem Namen. Es lag kein halber Meter mehr zwischen uns. Ich streckte zögernd die Hand aus und berührte die schmale Bruchstelle, an der sich das Nasenbein weiß gegen die Bronze seiner Haut drückte.
Er fuhr zurück, als sei ein elektrischer Funke zwischen uns übergesprungen, und seine ruhige Miene zerbarst.
»Du bist tatsächlich da«, flüsterte er. Ich hatte ihn ja ohnehin schon blass gefunden. Jetzt wich ihm jede Spur von Farbe aus dem Gesicht. Er verdrehte die Augen und sackte zu Boden, gefolgt von einem Schauer aus losen Blättern und kleinen Gegenständen, die auf der Presse gelegen hatten – er stürzte sehr elegant für so einen großen Mann, dachte ich zerstreut.
Es war nur eine Ohnmacht; ich hatte mich kaum neben ihn gekniet, um ihm den Kragen zu öffnen, als seine Augenlider bereits zu zucken begannen. Inzwischen hatte ich zwar keinen Zweifel mehr, doch ich schaute dennoch automatisch hin, als ich den Leinenstoff beiseitezog: Sie war natürlich da, die kleine dreieckige Messernarbe just oberhalb des Schlüsselbeins, die Hauptmann Jonathan Randall, Esquire, vom Achten Dragonerregiment Seiner Majestät, dort hinterlassen hatte.
Inzwischen gewann er seine normale gesunde Farbe zurück. Ich setzte mich im Schneidersitz auf den Boden und hievte mir seinen Kopf auf den Schoß. Sein Haar war dicht und weich in meiner Hand. Seine Augen öffneten sich.
»So schlimm, ja?«, sagte ich und lächelte mit denselben Worten auf ihn hinunter, die er am Tag unserer Hochzeit zu mir gesagt hatte, als er meinen Kopf auf seinem Schoß hielt, vor über zwanzig Jahren.
»So schlimm und noch viel schlimmer, Sassenach«, antwortete er, und sein Mund zuckte beinahe lächelnd. Er setzte sich abrupt auf und starrte mich an.
»Gott im Himmel, du bist tatsächlich da!«
»Du auch.« Ich hob das Kinn, um zu ihm aufzublicken. »Ich d-dachte, du wärst tot.« Eigentlich hatte mein Ton unbeschwert klingen sollen, doch meine Stimme verriet mich. Die Tränen liefen mir über die Wangen und durchtränkten den groben Stoff seines Hemds, als er mich dann fest an sich zog.
Ich zitterte so sehr, dass es einige Zeit dauerte, bis ich begriff, dass er ebenfalls zitterte, und zwar aus demselben Grund. Ich weiß nicht, wie lange wir so auf dem staubigen Boden saßen und uns in den Armen lagen, während uns die Sehnsucht zweier Jahrzehnte über die Gesichter rann.
Seine Finger schlangen sich fest in mein Haar und lösten es, so dass es mir über den Nacken fiel. Die Haarnadeln regneten mir über die Schultern und klirrten zu Boden wie Hagelkörner. Meine Finger wiederum hielten seinen Unterarm umklammert und bohrten sich in das Leinen, als hätte ich Angst, dass er verschwinden würde, wenn er nicht körperlich davon abgehalten wurde.
Als empfände er dieselbe Angst, fasste er mich plötzlich bei den Schultern und hielt mich ein kleines Stück von sich fort, um mir mit brennendem Blick in das Gesicht zu sehen. Er hob die Hand an meine Wange und zeichnete ihre Konturen nach, wieder und wieder, ohne auf meine Tränen zu achten oder auf meine heftig laufende Nase.
Mein lautes Schniefen schien ihn schließlich zu sich zu bringen, denn er ließ los und tastete hastig in seinem Ärmel nach einem Taschentuch, das er unbeholfen benutzte, um erst mir und dann sich über das Gesicht zu wischen.
»Gib mir das.« Ich griff nach dem wedelnden Tuch und putzte mir die Nase. »Jetzt du.« Ich reichte es ihm und sah zu, wie auch er sich die Nase putzte, wobei er klang wie eine gewürgte Gans. Ich kicherte, denn jetzt überwältigten mich die Gefühle.
Er lächelte ebenfalls und wischte sich die Tränen aus den Augen, unfähig, den Blick von mir abzuwenden.
Plötzlich konnte ich es nicht mehr ertragen, ihn nicht zu berühren. Ich warf mich in seine Arme, und er fing mich gerade noch auf. Ich drückte zu, bis ich seine Rippen ächzen hören konnte, und spürte die rauhen Liebkosungen seiner Hände auf meinem Rücken, während er wieder und wieder meinen Namen sagte.
Schließlich konnte ich loslassen und setzte mich ein wenig zurück. Er blickte stirnrunzelnd auf den Boden zwischen seinen Beinen.
»Hast du etwas verloren?«, fragte ich überrascht.
Er blickte auf und lächelte ein wenig schüchtern.
»Ich hatte Angst, ich hätte mich ganz vergessen und mich selbst angepisst, aber es ist alles gut. Ich habe mich nur auf den Bierkrug gesetzt.«
In der Tat breitete sich eine aromatische braune Flüssigkeit langsam in einer Pfütze unter ihm aus. Mit einem Schreckensruf rappelte ich mich zum Stehen hoch und half ihm auf. Nachdem er vergeblich versucht hatte, den Schaden an seiner Rückseite zu begutachten, zuckte er mit den Schultern und öffnete seine Kniehose. Er schob sich den engen Stoff über die Hüften, dann hielt er inne, sah mich an und errötete ein wenig.
»Schon gut«, sagte ich und spürte, wie auch meine Wangen kräftig rot wurden. »Wir sind verheiratet.« Dennoch senkte ich den Blick und fühlte mich etwas atemlos. »Zumindest gehe ich davon aus.«
Er sah mich einige Sekunden an, dann verzog sich sein breiter, sanfter Mund zu einem Lächeln.
»Aye, das sind wir«, sagte er. Er befreite sich mit einigen Tritten aus der fleckigen Hose und schritt auf mich zu.
Ich streckte die Hand nach ihm aus, ebenso, um ihn aufzuhalten wie um ihn willkommen zu heißen. Ich wünschte mir über alles, ihn wieder zu berühren, doch ich fühlte mich auch unerklärlich schüchtern. Einige Zentimeter vor mir blieb er stehen und nahm meine Hand. Er zögerte einen Moment, dann beugte er den Kopf darüber, so dass seine Lippen gerade eben meine Fingerknöchel streiften. Seine Finger berührten den Silberring und nahmen das Metall ganz leicht zwischen Daumen und Zeigefinger.