»Ich habe ihn nie ausgezogen«, platzte ich heraus. Es schien wichtig, dass er das wusste. Er drückte mir leicht die Hand, ließ aber nicht los.
»Ich möchte …« Er hielt inne und schluckte, ohne meine Hand loszulassen. Wieder suchten und fanden seine Finger den Silberring. »Ich möchte dich so gern küssen«, sagte er leise. »Darf ich das tun?«
Die Tränen waren nur notdürftig eingedämmt. Jetzt quollen zwei neue Tropfen auf und liefen über; ich spürte sie voll und rund über meine Wangen rollen.
»Ja«, flüsterte ich.
Langsam zog er mich dicht an sich und hielt unsere verschränkten Hände dicht unter seiner Brust fest.
»Ich habe das schon sehr lange nicht mehr gemacht«, sagte er. Ich sah die Hoffnung und die Angst dunkel im Blau seiner Augen. Ich nahm das Geschenk an und gab es ihm zurück.
»Ich auch nicht«, sagte ich leise.
Seine Hände legten sich mit großer Sanftheit um mein Gesicht, und er legte den Mund auf den meinen.
Ich wusste nicht genau, was ich erwartet hatte. Eine Wiederholung der brutalen Raserei, die unsere letzte Trennung begleitet hatte? So oft hatte ich mich daran erinnert, sie im Kopf erneut durchlebt, unfähig, den Ausgang zu ändern. Die halb rauhen, zeitlosen Stunden der gegenseitigen Besitznahme in der Dunkelheit unseres Ehebetts? Danach hatte ich mich gesehnt, war so oft schweißüberströmt und zitternd aus der Erinnerung daran erwacht.
Doch jetzt waren wir Fremde, berührten uns kaum, ein jeder auf der Suche nach der Einheit, langsam, zögernd, fragend und mit lautlosen Lippen wortlos gestattend. Meine Augen waren geschlossen, und ich wusste auch so, dass Jamies Augen es ebenfalls waren. Wir hatten ganz einfach Angst, einander anzusehen.
Ohne den Kopf zu heben, begann er, mich sacht zu streicheln, meine Knochen durch die Kleider zu ertasten, sich wieder mit dem Terrain meines Körpers vertraut zu machen. Schließlich wanderte seine Hand an meinem Arm hinunter und ergriff meine rechte Hand. Seine Finger zeichneten meine Hand nach, bis sie den Ring wiederfanden. Sie umfuhren ihn, erfühlten die Silberknoten des Highlandmusters, das vom langen Tragen zwar glatt poliert, aber nach wie vor deutlich war.
Seine Lippen wanderten von den meinen aufwärts über meine Wangen und Augen. Ich streichelte ihm sanft über den Rücken, fühlte durch das Hemd die Muster, die ich nicht sehen konnte, die Überbleibsel alter Narben. Wie mein Ring, abgenutzt, aber spürbar.
»Ich habe dich so oft gesehen«, sagte er, seine Stimme ein warmes Flüstern in meinem Ohr. »Du bist so oft zu mir gekommen. Manchmal im Traum. Als ich im Fieber gelegen habe. Als ich so voller Angst und Einsamkeit war, dass ich sicher war, dass ich sterben musste. Wenn ich dich gebraucht habe, habe ich dich immer gesehen, lächelnd, mit den Locken rings um dein Gesicht. Aber du hast nie etwas gesagt. Und du hast mich nie berührt.«
»Jetzt kann ich dich berühren.« Ich hob die Hand und zog sie ihm sacht über die Schläfe, das Ohr, die Wange und die Hälfte seines Kiefers, die ich sehen konnte. Meine Hand fuhr hinauf in seinen Nacken, unter das geflochtene Bronzehaar, und endlich hob er den Kopf und nahm mein Gesicht in die Hände, und die Liebe leuchtete hell in seinen dunkelblauen Augen.
»Hab keine Angst«, sagte er leise. »Wir sind jetzt zu zweit.«
Vielleicht hätten wir endlos dort gestanden und einander angeblickt, hätte die Ladenglocke über der Tür nicht geläutet. Ich ließ Jamie los, blickte mich abrupt um und sah einen kleinen, sehnigen Mann mit drahtigem Haar in der Tür stehen. Er hatte den Mund weit aufgerissen und hielt ein Päckchen in der Hand.
»Oh, da bist du ja, Geordie! Warum hat es so lange gedauert?«, fragte Jamie.
Geordie sagte nichts, doch sein Blick wanderte skeptisch an seinem Brotherrn hinunter, der mit nackten Beinen im Hemd mitten im Laden stand, Hose, Schuhe und Strümpfe auf dem Boden verstreut, mich in den Armen, mit zerknittertem Kleid und wirrem Haar. Geordies schmales Gesicht verzog sich zu einem tadelnden Stirnrunzeln.
»Ich kündige«, sagte er im ausdrucksvollen Ton der westlichen Highlands. »Die Druckerei ist eine Sache – da stehe ich ganz auf deiner Seite, denk ja nicht, dass es nicht so ist –, aber ich gehöre zur Freikirche wie schon mein Vater vor mir und mein Großvater vor ihm. Für einen Papisten zu arbeiten, ist eine Sache – das Geld des Papstes ist auch nicht weniger wert, aye? –, aber für einen unmoralischen Papisten zu arbeiten, eine andere. Mach mit deiner eigenen Seele, was du willst, Mann, aber wenn es so weit ist, dass hier Orgien stattfinden, dann ist es zu viel, sage ich. Ich kündige!«
Er legte das Päckchen präzise in die Mitte der Theke, machte auf dem Absatz kehrt und stapfte auf die Tür zu. Draußen begann die Stadtuhr am Tolbooth zu schlagen. Geordie wandte sich im Eingang um und funkelte uns vorwurfsvoll an.
»Und das noch vor der Mittagszeit!«, sagte er. Die Ladentür schlug hinter ihm zu.
Jamie starrte ihm einen Moment hinterher, dann ließ er sich langsam wieder auf den Boden sinken und lachte so hemmungslos, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen.
»Und das noch vor der Mittagszeit!«, wiederholte er und wischte sich die Tränen von den Wangen. »O Gott, Geordie!« Er umfasste mit beiden Händen seine Knie und wiegte sich vor und zurück.
Ich musste selber lachen, obwohl ich mir große Sorgen machte.
»Ich wollte dir keinen Ärger bereiten«, sagte ich. »Meinst du, er kommt wieder zurück?«
Er zog die Nase hoch und wischte sich achtlos mit dem Hemdschoß über das Gesicht.
»Oy, aye. Er wohnt gleich um die Ecke an der Wickham Wynd. Ich gehe später zu ihm und … erkläre es ihm«, sagte er. Er sah mich an und begriff, und er fügte hinzu: »Weiß der Himmel, wie!« Im ersten Moment sah es so aus, als würde er wieder anfangen zu lachen, doch er beherrschte sich und stand auf.
»Hast du noch eine andere Hose?«, fragte ich, während ich das abgelegte Exemplar vom Boden aufhob und es zum Trocknen über die Theke breitete.
»Aye – oben. Aber warte kurz.« Er fuhr mit seinem langen Arm in den Schrank unter der Theke und holte eine sauber geschriebene Notiz hervor, auf der BIN NICHT DA stand. Nachdem er diese von außen an der Tür befestigt und die Innenseite fest verriegelt hatte, drehte er sich zu mir um.
»Kommst du mit mir nach oben?«, sagte er. Er hielt mir einladend den Ellbogen hin, und seine Augen glitzerten. »Falls du es nicht unmoralisch findest?«
»Warum nicht?«, sagte ich. Der Impuls, laut loszulachen, lauerte dicht unter der Oberfläche und kribbelte in meinem Blut wie Champagner. »Wir sind doch verheiratet, oder?«
Die obere Etage war in zwei Zimmer aufgeteilt, eines auf jeder Seite des Treppenabsatzes und geradeaus ein kleiner Abort. Das rückwärtige Zimmer diente offenbar als Lagerraum für die Druckerei; die Tür wurde von einem Keil offen gehalten, und ich konnte Holzkisten voller Bücher sehen, aufeinandergetürmte, ordentlich mit Zwirn verschnürte Bündel von Pamphleten, Fässer mit Alkohol und Druckerschwärze und ein Durcheinander kleinerer Eisenteile, die vermutlich Ersatzteile für eine Druckerpresse waren.
Das der Straße zugewandte Zimmer war spartanisch wie eine Mönchszelle. Es gab eine Schubladenkommode mit einem getöpferten Kerzenhalter, einen Waschtisch, einen Hocker und eine schmale Pritsche, kaum mehr als ein Feldbett. Bei diesem Anblick atmete ich aus und begriff erst jetzt, dass ich die Luft angehalten hatte. Er schlief allein.
Ein hastiger Blick durch das Zimmer bestätigte mir, dass nichts darin von der Anwesenheit einer Frau zeugte, und mein Herz begann wieder normal zu schlagen. Hier lebte eindeutig niemand außer Jamie; er hatte den Vorhang beiseitegezogen, der eine Ecke des Zimmers abschirmte, und an den Haken, die dahinter zum Vorschein kamen, hingen nur ein paar Hemden, ein Rock und eine Weste in nüchternem Grau, ein grauer Wollumhang und die zweite Hose, die er holen wollte.