Seine Hände klammerten sich so fest um meine Arme, dass ich ein kleines Jaulen ausstieß. Er begriff, dass er mir weh tat, und lockerte seinen Griff, hielt mich aber weiter fest. Sein Gesicht war bei dieser Frage leichenblass geworden. Er holte tief Luft und atmete wieder aus.
»Nein«, sagte er annähernd ruhig. »Das möchte ich nicht. Ich …« Er brach abrupt ab und biss die Zähne zusammen. »Nein«, wiederholte er entschieden.
Seine Hand glitt an meinem Arm hinunter, um die meine zu ergreifen, und mit der anderen hob er die Fotos auf. Er legte sie auf sein Knie und betrachtete sie mit gesenktem Kopf, so dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte.
»Brianna«, sagte er leise. »Du sprichst es falsch aus, Sassenach. Ihr Name ist Brianna.« Er sagte es in einem seltsamen Highland-Singsang, so dass die erste Silbe betont und die zweite kaum ausgesprochen wurde. Brieanah.
»Brieanah«, sagte ich belustigt. Er nickte, ohne den Blick von den Bildern abzuwenden.
»Brianna«, sagte er. »Es ist ein wunderschöner Name.«
»Freut mich, dass er dir gefällt«, sagte ich.
Da blickte er auf und sah mich an, und in seinem Mundwinkel lauerte ein Lächeln.
»Erzähl mir von ihr.« Sein Zeigefinger zeichnete das runde Gesicht des Babys im Schneeanzug nach. »Wie ist sie als kleines Mädchen gewesen? Was hat sie als Erstes gesagt, als sie sprechen gelernt hat?«
Seine Hand zog mich dichter heran, und ich schmiegte mich an ihn. Er war groß und gab mir Sicherheit und roch nach sauberem Leinen und Tinte und jenem warmen Männergeruch, der genauso erregend wie vertraut für mich war.
»›Hund‹«, sagte ich. »Das war ihr erstes Wort. Das zweite war ›Nein!‹.«
Das Lächeln breitete sich über sein ganzes Gesicht. »Aye, das lernen sie alle schnell. Also hat sie Hunde gern?« Er fächerte die Bilder auf wie Karten und suchte nach dem Foto mit Smoky. »Das ist ein schöner Hund da neben ihr. Was für eine Rasse ist es?«
»Ein Neufundländer.« Ich beugte mich vor, um die Bilder durchzublättern. »Hier ist noch eins mit einem Welpen, den ihr eine Freundin von mir geschenkt hat …«
Das gedämpfte graue Tageslicht ließ allmählich nach, und schon seit einer Weile trommelte Regen auf das Dach, als unser Gespräch schließlich durch ein kräftiges Grollen unterbrochen wurde, das unter meinem spitzenbesetzten Jessica-Gutenburg-Mieder hervordrang. Das Erdnussbuttersandwich war lange her.
»Hunger, Sassenach?«, fragte Jamie – überflüssigerweise, wie ich fand.
»Nun ja, jetzt, da du es erwähnst. Bewahrst du immer noch etwas zu essen in der oberen Schublade auf?« Zu Beginn unserer Ehe hatte ich mir angewöhnt, stets einen Bissen griffbereit zu haben, um seinen ständigen Appetit zu stillen, und in der oberen Schublade der Kommode unseres jeweiligen Wohnquartiers fanden sich eigentlich immer Brötchen, Kekse oder Käsestücke.
Er lachte und räkelte sich. »Aye. Im Moment ist aber nicht viel da, nur ein paar alte Haferplätzchen. Besser, wenn ich mit dir hinunter ins Wirtshaus gehe und …« Die glückliche Miene, die die Fotos von Brianna bei ihm ausgelöst hatten, verblasste und wich einem alarmierten Ausdruck. Er warf einen raschen Blick zum Fenster, wo das blasse Grau jetzt einer sanften rötlichen Färbung wich, und der alarmierte Ausdruck nahm zu.
»Das Wirtshaus! Himmel! Ich habe Mr. Willoughby vergessen!« Ehe ich irgendetwas sagen konnte, war er auf den Beinen und suchte in der Kommode nach frischen Strümpfen. Mit der einen Hand brachte er die Strümpfe zum Vorschein, mit der anderen zwei Haferplätzchen. Letztere warf er mir auf den Schoß, setzte sich auf den Hocker und zerrte sich Erstere über die Füße.
»Wer ist Mr. Willoughby?« Ich biss krümelnd in ein Plätzchen.
»Verdammt«, sagte er mehr zu sich selbst als zu mir. »Ich habe gesagt, ich komme um die Mittagszeit, aber ich habe es völlig vergessen! Es muss ja schon vier Uhr sein!«
»Das stimmt; ich habe es vorhin läuten gehört.«
»Verdammt!«, wiederholte er. Er schob die Füße in die Schuhe mit den Schnallen aus Zinn, erhob sich, nahm seinen Rock vom Wandhaken und blieb dann an der Tür stehen.
»Du kommst doch mit mir?«, fragte er unsicher.
Ich leckte mir die Finger ab, erhob mich und zog meinen Umhang um mich.
»Keine zehn Pferde würden mich davon abhalten!«, versicherte ich ihm.
Kapitel 25
Freudenhaus
Wer ist Mr. Willoughby?«, erkundigte ich mich, als wir im Torbogen der Carfax Close stehen blieben, um einen Blick auf die gepflasterte Straße zu werfen.
»Äh … er ist ein Geschäftspartner«, erwiderte Jamie und warf mir einen vorsichtigen Blick zu. »Setz besser deine Kapuze auf, es regnet in Strömen.«
Es regnete tatsächlich heftig; das Wasser fiel wie ein Vorhang von dem Steinbogen über unseren Köpfen und gurgelte durch die Rinnsteine, wo es die Stadt von Fäkalien und Abfällen reinigte. Ich sog mir die feuchte, saubere Luft tief in die Lungen, aufgewühlt von der Wildheit des Abends und von Jamies Nähe. Ich hatte ihn gefunden. Ich hatte ihn gefunden, und was auch immer das Leben an Unbekanntem bereithielt, schien keine Rolle zu spielen. Er war an meiner Seite, hochgewachsen und kraftvoll, und ich fühlte mich tollkühn und unzerstörbar.
Ich nahm seine Hand und drückte sie; er senkte den Blick, lächelte mich an und erwiderte den Händedruck.
»Wohin gehen wir?«
»Zum World’s End.« Das Tosen des Wassers erschwerte uns das Reden. Ohne weitere Worte nahm mich Jamie beim Ellbogen, um mir über das Pflaster zu helfen, und wir begaben uns die Royal Mile hinunter, die hier steil abfiel.
Glücklicherweise war das Wirtshaus namens The World’s End nicht mehr als hundert Meter entfernt; trotz des heftigen Regens waren die Schultern meines Umhangs kaum mehr als feucht geworden, als wir uns auch schon unter dem niedrigen Türsturz hindurch in den engen Eingangsflur duckten.
Im Schankraum war es voll, warm und verqualmt, eine mollige Zuflucht vor dem Unwetter im Freien. Auf den Bänken, die sich an den Wänden entlangzogen, saßen einige wenige Frauen, aber die meisten Gäste waren Männer. Hier und da saß ein Mann in der gepflegten Kleidung eines Kaufmanns, doch die meisten Menschen, die ein Zuhause hatten, waren um diese Uhrzeit dort; das Wirtshaus beherbergte eine Mischung von Soldaten, Dockarbeitern, Tagelöhnern und Lehrjungen sowie hier und da zur Abwechslung einen Betrunkenen.
Bei unserem Eintreten hoben sich die Köpfe; es erschollen Begrüßungsrufe, und man rückte zusammen, um an einem der langen Tische Platz zu machen. Offensichtlich war Jamie im World’s End gut bekannt. Zwar richteten sich einige neugierige Blicke auf mich, doch niemand sagte etwas. Ich hielt meinen Umhang dicht um mich gezogen und folgte Jamie durch das Gedränge des Wirtshauses.
»Nein, Mistress, wir bleiben nicht«, sagte er zu dem jungen Serviermädchen, das mit einem freudigen Lächeln auf ihn zuhastete. »Ich bin nur hier, um ihn abzuholen.«
Das Mädchen verdrehte die Augen. »Oh, aye, das wird auch Zeit! Mutter hat ihn nach unten gebracht.«
»Aye, ich bin spät«, sagte Jamie entschuldigend. »Ich bin … aufgehalten worden.«
Das Mädchen warf mir einen neugierigen Blick zu, zuckte dann aber mit den Schultern und lächelte ihn noch einmal freundlich an.
»Och, das macht nichts, Sir. Harry hat ihm Brandy nach unten gebracht, und seitdem haben wir nicht mehr viel von ihm gehört.«
»Brandy, hm?« Jamie klang resigniert. »Ist er noch wach?« Er griff in seine Rocktasche und zog einen kleinen Lederbeutel heraus, aus dem er mehrere Münzen holte und sie dem Mädchen in die ausgestreckte Hand legte.
»Ich glaube schon«, sagte sie fröhlich und steckte das Geld ein. »Ich habe ihn vorhin singen gehört. Dank Euch, Sir!«