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Mit einem Nicken duckte sich Jamie durch die Tür an der Rückseite des Raums und winkte mir, ihm zu folgen. Hinter dem großen Schankraum lag eine kleine Küche mit einer Gewölbedecke. Auf dem Herdfeuer simmerte ein gewaltiger Kessel mit etwas, das wie Muscheleintopf aussah. Es roch köstlich, und ich konnte spüren, wie mir das kräftige Aroma das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Ich hoffte, dass wir unser Geschäft mit Mr. Willoughby beim Essen erledigen konnten.

Eine fette Frau mit einem schmierigen Mieder und Rock kniete vor dem Feuer und stochte es mit Holzscheiten. Sie blickte Jamie an und nickte, machte aber keine Anstalten aufzustehen.

Er hob als Erwiderung die Hand und steuerte auf eine kleine Holztür in der Ecke zu. Er hob den Riegel und schwang die Tür auf, hinter der sich eine dunkle Treppe auftat, die in die Eingeweide der Erde hinunterzuführen schien. Irgendwo weit unten flackerte ein Licht, als seien unter dem Wirtshaus Elfen damit beschäftigt, nach Diamanten zu graben.

Jamies Schultern füllten die schmale Treppe aus, so dass mir der Blick auf das, was unter uns lag, verstellt war. Als er unten den Kellerraum betrat, konnte ich schwere Deckenbalken aus Eichenholz sehen und eine Reihe gewaltiger Fässer, die entlang der Steinmauer aufgebockt standen.

Hier brannte nur eine einzige Fackel, am Fuß der Treppe. Im eigentlichen Keller war es finster, und seine höhlenähnlichen Tiefen schienen verlassen zu sein. Ich lauschte angestrengt, hörte aber nichts außer dem gedämpften Lärm des Wirtshauses über uns. Hier sang auf jeden Fall niemand.

»Bist du sicher, dass er hier unten ist?« Ich bückte mich, um unter die aufgebockten Fässer zu schauen, weil ich mich fragte, ob sich der trinkfreudige Mr. Willoughby, vielleicht durch exzessiven Brandygenuss überwältigt, ein abgeschiedenes Plätzchen gesucht hatte, um seinen Rausch auszuschlafen.

»Oh, aye.« Jamie klang grimmig, aber schicksalsergeben. »Ich vermute, der kleine Schuft hat sich versteckt. Er weiß, dass ich es nicht schätze, wenn er in der Öffentlichkeit trinkt.«

Ich quittierte diese Worte mit fragend hochgezogener Augenbraue, doch er schritt nur in den Schatten hinein und brummte dabei vor sich hin. Der Keller reichte ein gutes Stück weit, und ich konnte hören, wie Jamie vorsichtig durch die Dunkelheit schlurfte, auch als ich ihn längst aus den Augen verloren hatte. Ich blieb allein im Lichtkegel der Fackel an der Treppe zurück und sah mich neugierig um.

Außer den aufgebockten Fässern war noch eine Anzahl Holzkisten in der Mitte des Raumes an einem seltsamen kleinen Wandstück aufgestapelt, das sich etwa anderthalb Meter hoch vom Kellerboden erhob und in der Dunkelheit verschwand.

Ich hatte schon von dieser Besonderheit des Wirtshauses gehört, als wir zwanzig Jahre zuvor mit Seiner Hoheit Prinz Charles in Edinburgh einquartiert gewesen waren, war jedoch nie dazu gekommen, sie mir anzusehen. Es war ein Überbleibsel einer Mauer, die die Stadtväter Edinburghs nach der vernichtenden Schlacht von Flodden im Jahr 1513 errichtet hatten. Da sie – durchaus nicht unberechtigt – zu dem Schluss gekommen waren, dass von den Engländern im Süden nichts Gutes zu erwarten war, hatten sie eine Mauer gebaut, die sowohl die Stadtgrenzen als auch das Ende der zivilisierten Welt Schottlands definierte. Daher The World’s End, und der Name hatte diverse Versionen des Wirtshauses überdauert, die im Lauf der Zeit auf den Überresten des Wunschdenkens der alten Schotten errichtet worden waren.

»Verdammter kleiner Schurke.« Jamie kam aus dem Schatten, ein Spinnengewebe in den Haaren und ein Stirnrunzeln im Gesicht. »Er muss hinter der Mauer sein.«

Er wandte sich ab, hob die Hände an den Mund und rief etwas. Es klang wie unverständliches Gestammel – nicht einmal wie Gälisch. Ich bohrte mir skeptisch einen Finger ins Ohr und fragte mich, ob die Reise durch die Steine wohl meinem Gehör geschadet hatte.

Aus dem Augenwinkel sah ich eine plötzliche Bewegung, und ich blickte gerade rechtzeitig auf, um zu sehen, wie eine leuchtend blaue Kugel von der Krone der alten Mauer flog und Jamie mitten zwischen die Schulterblätter traf.

Er landete mit einem beängstigenden Knall am Boden, und ich huschte auf seinen gestürzten Körper zu.

»Jamie! Bist du verletzt?«

Die Gestalt am Boden stieß eine Reihe unflätiger Bemerkungen auf Gälisch aus und setzte sich langsam auf. Dabei rieb er sich die Stirn, die mit voller Wucht auf die Steine geprallt war. Die blaue Kugel hatte unterdessen die Form eines sehr kleinen Chinesen angenommen, der hemmungslos kicherte und dessen teigiges Gesicht vor Schadenfreude und Brandy glänzte.

»Mr. Willoughby, nehme ich an?«, sagte ich in argwöhnischer Erwartung weiterer Streiche zu dieser Erscheinung.

Er schien seinen Namen zu erkennen, denn er grinste und nickte mir wild zu, während sich seine Augen zu glänzenden Schlitzen verengten. Er zeigte auf sich selbst und sagte etwas auf Chinesisch, dann sprang er in die Luft und vollführte in rascher Folge mehrere Rückwärtssaltos, um am Ende triumphierend auf den Füßen zu landen.

»Verflixter Floh.« Jamie stand auf und wischte sich die aufgeschürften Handflächen vorsichtig am Rock ab. Seine Hand schnappte blitzschnell zu, packte den Chinesen am Kragen und zerrte ihn hoch.

»Mitkommen«, sagte er. Er stellte den kleinen Mann auf die Treppe und stieß ihn in den Rücken. »Wir müssen los, und zwar schnell.« Die blaugekleidete Gestalt reagierte prompt, indem sie schlaff zusammensackte, so dass sie aussah wie ein auf der Stufe geparkter Wäschesack.

»Wenn er nüchtern ist, ist er ganz vernünftig«, erklärte Jamie entschuldigend an mich gewandt, während er sich den Chinesen über die Schulter hievte. »Aber er sollte wirklich keinen Brandy trinken. Er ist ein fürchterlicher Säufer.«

»Ich verstehe. Wo in aller Welt hast du ihn her?« Fasziniert folgte ich Jamie die Treppe hinauf und beobachtete dabei, wie Mr. Willoughbys Zopf wie ein Metronom über die gewalkte graue Wolle von Jamies Umhang schwang.

»Auf den Docks.« Doch ehe er seine Erklärung weiter ausführen konnte, öffnete sich oben die Tür, und wir waren wieder in der Küche des Wirtshauses. Die kräftige Wirtin sah uns zum Vorschein kommen und stampfte auf uns zu, die fetten Wangen missbilligend aufgeblasen.

»Also, Mr. Malcolm«, begann sie stirnrunzelnd, »Ihr wisst genau, dass Ihr hier gern willkommen seid, und Ihr wisst auch, dass ich wirklich nicht zimperlich bin, was auch unpraktisch wäre, wenn man ein Wirtshaus betreibt. Aber ich habe Euch schon gesagt, der kleine gelbe Mann darf hier nicht …«

»Aye, Ihr erwähntet es, Mrs. Patterson«, unterbrach Jamie. Er grub in seiner Tasche und brachte eine Münze zum Vorschein, die er der runden Wirtsfrau mit einer Verneigung überreichte. »Und ich weiß Eure Nachsicht zu schätzen. Es wird nicht wieder vorkommen. Hoffe ich«, fügte er im Flüsterton hinzu. Er legte die Hand an seinen Hut, verneigte sich erneut vor Mrs. Patterson und duckte sich durch die Tür in den Schankraum hinaus.

Auch diesmal löste unser Eintreten Unruhe aus, diesmal jedoch negativ. Die Leute verstummten oder murmelten kaum hörbare Flüche vor sich hin. Ich begriff, dass Mr. Willoughby wohl nicht der beliebteste Gast dieses Lokals war.

Jamie bahnte sich seinen Weg durch die Menge, die widerstrebend Platz machte. Ich folgte ihm, so gut es ging, und gab mir Mühe, niemanden anzusehen – und nicht zu atmen. Da ich an das unhygienische Miasma des achtzehnten Jahrhunderts nicht gewöhnt war, wurde ich vom Gestank so vieler ungewaschener Menschen auf engstem Raum beinahe überwältigt.

Doch kurz vor der Tür gab es Ärger in Person einer vollbusigen jungen Frau, deren Aufmachung um einiges hochwertiger war als die nüchterne Kleidung der Wirtsfrau und ihrer Tochter. Ihr Ausschnitt war dafür um einiges tiefer, und es fiel mir nicht schwer zu erraten, womit sie ihr Brot verdiente. Während wir aus der Küche kamen, war sie damit beschäftigt gewesen, ein paar Lehrjungen zu umgarnen, doch als wir jetzt vorübergingen, hob sie den Kopf und sprang mit einem durchdringenden Schrei auf, wobei sie ihr Bierglas umstieß.