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»Das ist er!«, kreischte sie und zeigte mit bebendem Finger auf Jamie. »Das Ungeheuer!« Es schien ihr Probleme zu bereiten, geradeaus zu blicken; ich vermutete, dass das verschüttete Ale nicht ihr erstes an diesem Abend war, und das, obwohl es noch früh war.

Die Blicke ihrer Begleiter richteten sich neugierig auf Jamie, erst recht, als die junge Dame auf ihn zuging und mit dem Finger in die Luft stach, als dirigierte sie einen Chor. »Der da! Der kleine Wicht, von dem ich euch erzählt habe – der mir diese Widerwärtigkeit angetan hat!«

Genau wie der Rest der Menge betrachtete auch ich Jamie mit Interesse, doch genau wie die anderen begriff auch ich schnell, dass die junge Frau nicht mit ihm redete, sondern mit der Last auf seiner Schulter.

»Käsegesicht!«, brüllte sie an Mr. Willoughbys blauen Seidenhosenboden gerichtet. »Schlappschwanz! Wüstling!«

Dieser Aufruhr mädchenhafter Bestürzung versetzte ihre Begleiter in Erregung; einer, ein hochgewachsener, kräftiger Kerl, stand mit geballten Fäusten auf und stützte sich auf den Tisch. In seinen Augen glänzte das Ale mit der Aggressivität um die Wette.

»Der da, aye? Soll ich ihn für dich abstechen, Maggie?«

»Versuch’s erst gar nicht, Junge«, riet ihm Jamie knapp und verlagerte seine Bürde, um sie besser balancieren zu können. »Trink nur dein Bier; wir gehen schon.«

»Oh, aye? Und du bist wohl sein Zuhälter, wie?« Der Junge zog eine unvorteilhafte Fratze und drehte das Gesicht in meine Richtung. »Wenigstens ist deine andere Hure nicht gelb – sehen wir sie uns doch einmal an.« Er streckte seine Pranke aus, packte die Kante meines Umhangs und legte Jessica Gutenburgs tief ausgeschnittenes Mieder frei.

»Sieht mir ganz rosa aus«, sagte sein Freund beifällig. »Ist sie überall so?« Ehe ich mich bewegen konnte, riss er an dem Mieder und erwischte die Kante der Spitze. Da das Kleid nicht für die Strapazen des achtzehnten Jahrhunderts gemacht war, riss der dünne Stoff an der Seite zur Hälfte auf und gab reichlich Rosa preis.

»Schluss damit, du Hurensohn!« Jamie fuhr mit brennenden Augen herum, die freie Faust drohend geballt.

»Wen beschimpfst du da, du verkrüppelter Bastard?« Der erste Junge, der nicht hinter dem Tisch fortkam, sprang auf die Platte und stürzte sich auf Jamie, der ihm zielsicher auswich, so dass er kopfüber vor die Wand krachte.

Jamie trat einen großen Schritt auf den Tisch zu, ließ die Faust mit voller Wucht auf den Kopf des anderen Lehrjungen niedersausen, so dass sein Mund erschlaffte, dann packte er mich bei der Hand und zerrte mich zur Tür hinaus.

»Los!«, sagte er und ächzte, während er die unförmige Gestalt des Chinesen verlagerte, um ihn besser fassen zu können. »Sie werden jeden Moment hinter uns her sein.«

So war es auch; ich konnte das Geschrei der waghalsigeren Elemente hören, die hinter uns aus dem Wirtshaus auf die Straße strömten. Jamie bog bei der ersten Gelegenheit von der Royal Mile in eine enge, dunkle Gasse ein, und wir platschten durch Matsch und undefinierbare Abfälle, duckten uns unter einem Torbogen hindurch und folgten einer weiteren gewundenen Gasse, die mitten durch Edinburghs Eingeweide zu führen schien. Dunkle Mauern und zersplitterte Holztüren huschten an uns vorüber, und dann bogen wir um eine Ecke in einen kleinen Innenhof ein, wo wir stehen blieben, um Luft zu holen.

»Was … in aller Welt … hat er getan?«, keuchte ich. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was der kleine Chinese einer kräftigen jungen Frau wie der guten Maggie angetan haben könnte. Dem Aussehen nach hätte sie ihn doch wie eine Fliege zerquetschen können.

»Nun, weißt du, es sind die Füße«, erklärte Jamie und warf einen Blick der resignierten Irritation in Mr. Willoughbys Richtung.

»Füße?« Ich warf unwillkürlich einen Blick auf die Füße des winzigen Chinesen, adrette Miniaturen in filzbesohltem schwarzem Satin.

»Doch nicht seine«, sagte Jamie, der meinen Blick auffing. »Die der Frauen.«

»Was denn für Frauen?«, fragte ich.

»Nun, bis jetzt sind es immer nur Huren gewesen«, sagte er und sah sich durch den Torbogen nach Verfolgern um, »aber man weiß ja nie, was er als Nächstes versucht. Kein Urteilsvermögen«, erklärte er knapp. »Er ist Heide.«

»Ich verstehe«, sagte ich, obwohl das eigentlich nicht stimmte. »Was …«

»Da sind sie!« Ein Ausruf am anderen Ende der Gasse unterbrach meine Frage.

»Verdammt, ich dachte, sie würden aufgeben. Komm mit, hier entlang.«

Wieder setzten wir uns in Bewegung, durch eine Gasse, zurück auf die Royal Mile, ein paar Schritte bergab und in die nächste Gasse hinein. Hinter uns auf der Hauptstraße konnte ich Schreie und Ausrufe hören, doch Jamie packte meinen Arm und zog mich hinter sich her durch eine offene Tür auf einen Hof voller Fässer, Bündel und Kisten. Er sah sich hektisch um, dann hievte er Mr. Willoughbys reglose Gestalt in ein großes Abfallfass. Er hielt gerade noch inne, um dem Chinesen zur Tarnung ein Stück Segeltuch über den Kopf zu werfen, dann zerrte er mich hinter einen Wagen voller Kisten und zog mich neben sich zu Boden.

Ich keuchte von der ungewohnten Anstrengung, und das Adrenalin der Angst ließ mein Herz rasen. Jamies Gesicht war zwar rot von der Kälte und der Bewegung, doch er atmete kaum heftiger.

»Machst du so etwas ständig?«, fragte ich und drückte mir in dem vergeblichen Bemühen, mein Herz zu verlangsamen, die Hand an die Brust.

»Eigentlich nicht«, sagte er und sah sich argwöhnisch über den Wagen hinweg nach den Verfolgern um.

Wir hörten das schwache Echo trampelnder Füße, dann verstummte es, und alles war still bis auf das Prasseln des Regens auf den Kisten.

»Sie sind vorbeigegangen. Aber wir bleiben besser noch etwas hier, um sicherzugehen.« Er hob eine Kiste vom Wagen, auf die ich mich setzen konnte, nahm sich selbst ebenfalls eine, setzte sich seufzend hin und schob sich mit einer Hand das lose Haar aus dem Gesicht.

Er sah mich mit einem schiefen Lächeln an. »Es tut mir leid, Sassenach. Ich dachte nicht, dass es so …«

»… ereignisreich sein würde?«, beendete ich seinen Satz. »Schon gut.« Ich blickte zu dem großen Fass hinüber, wo raschelnde Bewegungen darauf hindeuteten, dass Mr. Willoughby jetzt mehr oder weniger das Bewusstsein zurückerlangte. »Äh … woher weißt du das mit den Füßen?«

»Er hat es mir erzählt; er hat nämlich eine Schwäche für Alkohol«, erklärte er mit einem Blick auf das Fass, in dem sein Kamerad verborgen lag. »Und wenn er sich einen Tropfen zu viel genehmigt hat, fängt er an, von Frauenfüßen zu erzählen und von den schrecklichen Dingen, die er damit vorhat.«

»Was kann man denn Schreckliches mit einem Fuß anstellen?« Ich war fasziniert. »Die Möglichkeiten sind doch wohl begrenzt.«

»Nein, das sind sie nicht«, sagte Jamie grimmig. »Aber das ist nichts, worüber ich auf einer öffentlichen Straße reden möchte.«

Leiser Singsang drang aus den Tiefen des Fasses hinter uns. Dank der normalen Intonation der Sprache war es zwar schwer zu sagen, aber ich hatte das Gefühl, dass Mr. Willoughby irgendetwas fragte.

»Halt den Mund, du kleine Made«, sagte Jamie unsanft. »Noch ein Wort, dann laufe ich dir über das Gesicht, und du kannst sehen, wie dir das gefällt.« Schrilles Kichern, dann verstummte das Fass.

»Er möchte, dass ihm jemand über das Gesicht läuft?«, fragte ich.

»Ja. Du«, sagte Jamie knapp. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern, und die Röte seiner Wangen nahm zu. »Ich bin noch nicht dazu gekommen, ihm zu sagen, wer du bist.«

»Spricht er Englisch?«

»Oh, aye, mehr oder weniger, aber die meisten Leute verstehen ihn nicht, wenn er es tut. Ich spreche meistens Chinesisch mit ihm.«

Ich starrte ihn an. »Du sprichst Chinesisch?«

Er zuckte mit den Schultern und legte mit einem kleinen Lächeln den Kopf schief. »Ich spreche ungefähr so gut Chinesisch wie Mr. Willoughby Englisch, aber er kann sich ja kaum aussuchen, mit wem er spricht, also nimmt er mit mir vorlieb.«