»Oh, und noch etwas, wenn Ihr so gütig wärt, Madame?« Jamie beugte sich über das Geländer und lächelte sie an. »Meine Frau braucht ein frisches Kleid; ihrer Garderobe ist ein Unglück zugestoßen. Wenn Ihr bis morgen früh etwas Geeignetes ausfindig machen könntet? Danke, Madame Jeanne. Bonsoir!«
Ich sagte nichts, während ich ihm vier Stockwerke hinauf über die gewundene Treppe folgte. Ich war viel zu sehr mit Überlegen beschäftigt, meine Gedanken in Aufruhr. »Zuhälter« hatte ihn die Frau im Wirtshaus genannt. Aber das war doch gewiss nur ein Schimpfwort gewesen – so etwas war absolut unmöglich. Für den Jamie Fraser, den ich einmal gekannt hatte, wäre es unmöglich gewesen, verbesserte ich mich und blickte zu den breiten Schultern in dem Rock aus grauem Serge auf. Doch für diesen Mann?
Mir war nicht ganz klar, was ich erwartet hatte, doch das Zimmer war ganz gewöhnlich, klein und sauber – obwohl das schon wieder außergewöhnlich war, wenn ich es recht bedachte – und mit einem Schemel, einem schlichten Bett und einer Schubladenkommode ausgestattet, auf der eine Schüssel, ein Krug und ein Tonkerzenhalter mit einer Bienenwachskerze standen, welche Jamie jetzt an dem Docht entzündete, den er mit nach oben gebracht hatte.
Er schlüpfte aus seinem feuchten Rock und legte ihn achtlos über den Hocker, dann setzte er sich auf das Bett, um sich die nassen Schuhe auszuziehen.
»Gott«, sagte er. »ich habe Hunger. Ich hoffe, die Köchin ist noch nicht im Bett.«
»Jamie …«, sagte ich.
»Zieh deinen Umhang aus, Sassenach«, sagte er, als er bemerkte, dass ich immer noch mit dem Rücken an der Tür stand. »Du bist ja klatschnass.«
»Ja. Nun … ja.« Ich schluckte, dann fuhr ich fort: »Es ist nur … äh … Jamie, warum hast du denn ein Zimmer in einem Bordell?«, platzte ich heraus.
Er rieb sich etwas verlegen das Kinn. »Es tut mir leid, Sassenach«, sagte er. »Ich weiß, dass es nicht richtig war, dich herzubringen, aber es war der einzige Ort, der mir eingefallen ist, wo wir kurzfristig ein Kleid für dich bekommen und dazu etwas Warmes zu essen. Und dann musste ich Mr. Willoughby irgendwo unterbringen, wo er nicht noch mehr in Schwierigkeiten gerät, und da wir ohnehin herkommen mussten … nun ja …« Sein Blick fiel auf das Bett. »Es ist um einiges bequemer als meine Pritsche in der Druckerei. Aber vielleicht war es ja eine schlechte Idee. Wir können gehen, wenn du meinst, dass es nicht …«
»Das stört mich nicht«, unterbrach ich. »Die Frage ist – warum hast du ein Zimmer in einem Bordell? Bist du so ein guter Kunde, dass …«
»Kunde?« Er blickte mit hochgezogenen Augenbrauen zu mir auf. »Hier? Gott, Sassenach, wofür hältst du mich?«
»Hol mich der Teufel, wenn ich das weiß«, sagte ich. »Deshalb frage ich ja. Wirst du mir meine Frage beantworten?«
Einen Moment hielt er den Blick auf seine Strümpfe gerichtet und wackelte auf dem Holzboden mit den Zehen. Schließlich hob er den Kopf, sah mich an und sagte ruhig: »Ich denke schon. Ich bin nicht Jeannes Kunde, sondern sie ist meine Kundin – und zwar eine gute. Sie hält ein Zimmer für mich bereit, weil ich oft lange geschäftlich unterwegs bin und ich froh bin über einen Rückzugsort, an dem ich jederzeit etwas zu essen und ein Bett vorfinde. Das Zimmer ist Teil meines Arrangements mit ihr.«
Ich hatte die Luft angehalten. Jetzt atmete ich zur Hälfte aus. »Also schön«, sagte ich. »Dann lautet wohl die nächste Frage, was für Geschäfte macht die Besitzerin eines Bordells mit einem Drucker?« Der absurde Gedanke, dass er vielleicht Werbebroschüren für Madame Jeanne druckte, huschte mir zwar durch den Kopf, doch ich verwarf ihn augenblicklich.
»Hm«, sagte er langsam. »Nein, ich glaube nicht, dass das die Frage ist.«
»Nicht?«
»Nein.« Mit einer einzigen Bewegung war er vom Bett aufgestanden und stand so dicht vor mir, dass ich den Kopf heben musste, um ihm ins Gesicht zu sehen. Ich empfand das plötzliche Bedürfnis, einen Schritt zurückzutreten, unterließ es aber, schon deshalb, weil kein Platz dazu war.
»Die Frage ist, Sassenach, warum bist du zurückgekommen?«, sagte er leise.
»Wie kannst du mich das fragen!« Meine Handflächen pressten sich flach an das rauhe Holz der Tür. »Was glaubst du denn, warum ich zurückgekommen bin, verdammt?«
»Ich weiß es nicht.« Die leise schottische Stimme klang kühl, doch selbst im Zwielicht konnte ich den Puls in seinem offenen Hemdkragen pochen sehen.
»Bist du hier, um wieder meine Frau zu sein? Oder nur, um mir von meiner Tochter zu berichten?« Als ob er spürte, dass mich seine Nähe nervös machte, wandte er sich plötzlich ab und trat zum Fenster, dessen Läden im Wind ächzten.
»Du bist die Mutter meines Kindes – allein dafür bin ich dir meine Seele schuldig … für das Wissen, dass mein Leben nicht vergeblich gewesen ist … dass mein Kind in Sicherheit lebt.« Er wandte sich wieder zu mir um und sah mich gebannt an.
»Doch es ist viel Zeit vergangen, Sassenach, seit wir eins waren, du und ich. Du wirst dein Leben gelebt haben – dort –, und ich habe hier das meine gelebt. Du wirst nichts von dem wissen, was ich getan habe oder gewesen bin. Bist du jetzt gekommen, weil du es wolltest – oder weil du das Gefühl hattest, dass du es musst?«
Meine Kehle war zugeschnürt, doch ich sah ihm in die Augen.
»Ich bin jetzt gekommen, weil ich vorher … ich dachte, du wärst tot. Ich dachte, du wärst in Culloden gestorben.«
Sein Blick senkte sich auf die Fensterbank, wo er an einem Splitter zupfte.
»Aye, ich verstehe«, sagte er leise. »Nun … tot zu sein war ja auch eigentlich meine Absicht.« Er lächelte humorlos, ohne den Blick von dem Splitter zu heben. »Ich habe es weiß Gott versucht.« Er blickte wieder zu mir auf.
»Wie hast du herausgefunden, dass ich nicht gestorben war. Oder wo ich überhaupt war?«
»Ich habe Hilfe gehabt. Ein junger Historiker namens Roger Wakefield hat die Dokumente gefunden; er hat deine Spur bis nach Edinburgh verfolgt. Und als ich ›A. Malcolm‹ gesehen habe, wusste ich … dachte ich … du könntest es sein«, schloss ich lahm. Für die Einzelheiten hatten wir später noch Zeit.
»Aye, ich verstehe. Und dann bist du gekommen. Aber trotzdem … warum?«
Im ersten Moment sah ich ihn an, ohne zu sprechen. Als bräuchte er frische Luft oder vielleicht auch einfach nur etwas, womit er sich beschäftigen konnte, kämpften seine Finger mit dem Riegel der Fensterläden und drückten sie zur Hälfte auf, so dass das Zimmer vom Rauschen des Wassers und dem kalten frischen Geruch des Regens erfüllt wurde.
»Versuchst du gerade, mir zu sagen, du willst nicht, dass ich bleibe?«, sagte ich schließlich. »Denn wenn es so ist … ich meine, ich weiß, dass du dein eigenes Leben führst … vielleicht bist du … anderweitig gebunden …« Mit unnatürlich scharfen Sinnen konnte ich jedes kleine Geräusch im Haus unter uns hören, trotz des tosenden Unwetters und des Hämmerns meines eigenen Herzens. Meine Handflächen waren feucht, und ich wischte sie mir unauffällig am Rock ab.
Er wandte sich vom Fenster ab und starrte mich an.
»Himmel!«, sagte er. »Dich nicht wollen?« Sein Gesicht war jetzt bleich, und seine Augen leuchteten unnatürlich.
»Ich habe zwanzig Jahre für dich gebrannt, Sassenach«, sagte er leise. »Weißt du das denn nicht? Himmel!« Der Wind bewegte die losen Haarsträhnen, die sein Gesicht umrahmten, und er strich sie sich ungeduldig zurück.
»Aber ich bin nicht mehr der Mann, den du vor zwanzig Jahren gekannt hast, nicht wahr?« Mit einer frustrierten Geste wandte er sich ab. »Eigentlich wissen wir jetzt weniger voneinander als am Tag unserer Hochzeit.«
»Möchtest du, dass ich gehe?« Das Blut pochte mir drückend in den Ohren.
»Nein!« Er fuhr hastig zu mir herum und packte mich fest an der Schulter, so dass ich unwillkürlich zurückwich. »Nein«, sagte er ruhiger. »Ich möchte nicht, dass du gehst. Das habe ich dir schon gesagt, und ich habe es auch so gemeint. Aber … ich muss wissen.« Er beugte den Kopf zu mir herunter, und sein fragendes Gesicht war von Unruhe erfüllt.