Aus einem Impuls heraus griff er nach dem Branchenverzeichnis, schlug »H« auf und blätterte die hauchdünnen Seiten durch, bis er gefunden hatte, was er suchte.
Beths Medikament begann bereits zu wirken. »Was ist denn los?«, fragte sie fast schon verschlafen.
»Die haben geschlossen.«
»Und was machen wir jetzt?«
»Wir fahren zu den HealthPlus-Büros hier in Tucson und reden persönlich mit denen, von Angesicht zu Angesicht.«
»Jetzt?«
»Morgen«, erwiderte er.
Beth lehnte sich auf dem Sofa zurück und schloss die Augen. »Gut«, sagte sie. »Heute bin ich dafür auch zu müde.«
Die Büroräume der HealthPlus befanden sich nicht in einem Hochhaus in der Innenstadt, wie Hunt erwartet hatte, sondern in einem einstöckigen, pinkfarbenen Stuckgebäude zwischen einer Kunstgalerie und einer Wellness-Oase auf der Ina Road. Sie stellten den Wagen auf einen grün markierten Parkplatz genau vor dem Gebäude ab, der mit PARKZEIT 20 MINUTEN beschriftet war.
»Ich rate denen, dass das hier nicht länger als zwanzig Minuten dauert«, sagte Hunt. »Wenn wir einen Strafzettel kriegen, zahlen die ihn. Ohne deren Inkompetenz wären wir ja überhaupt nicht hier!«
Beth griff nach seiner Hand und versuchte zu lächeln. »Die Einstellung gefällt mir. Mach sie fertig, Tiger!«
Das weitläufige Gebäude hatte mehrere Eingänge, und sie folgten einem Schild, auf dem ein Pfeil mit der Aufschrift VERWALTUNG auf einen der Gebäudeflügel wies. Hunt verlangte, jemanden zu sprechen, der hier das Sagen hatte - den Direktor, den Geschäftsführer, den Bezirksmanager, was immer sie zu bieten hatten -, doch die Sekretärin am Empfang speiste sie mit einem gewissen Ted Peary ab. Er stellte sich als der Mitarbeiter vor, der für die »Kundenverbindung« bei HealthPlus zuständig sei. Hunt fertigte Peary kurz und schmerzlos ab und wurde an Bill Chocek verwiesen, den Leiter der Kundendienstabteilung, ehe sie schließlich ins Büro von Kenley Cansdale, dem Vizepräsidenten, vorgelassen wurden.
In gewisser Weise konnten sie von Glück reden, dass Beth immer noch verunstaltet aussah mit den silbernen Zähnen, den angeschwollenen Lippen und dem blutigen Zahnfleisch, denn die HealthPlus-Mitarbeiter fühlten sich bei ihrem Anblick sichtlich unwohl. Sie alle schoben den schwarzen Peter weiter, bis Hunt und Beth schließlich in einen Saal gelangten, wo sie auf eine Gruppe von Managern der obersten Ebene trafen, darunter Ryan Fielding, Direktor der Südwest-Regionalvertretung von HealthPlus. Hunt und Beth standen am Fußende eines langen Kirschholztisches und erklärten zum mittlerweile fünften Mal, was geschehen war, und betonten, dass der psychopathische Zahnarzt ihnen von einem Mitarbeiter der Versicherung empfohlen worden war und zum Netzwerk von DentaPlus gehörte.
»Ich verlange«, schloss Hunt seine Ausführungen, »dass dieser Zahnarzt gefunden und zur Rechenschaft gezogen wird.«
»Und ich verlange, dass meine Zähne wieder in Ordnung gebracht werden«, ergänzte Beth.
»Nun, es entspricht nicht unserer Firmenpolitik, die fachliche Meinung unserer hochqualifizierten Ärzte und Zahnärzte im Nachhinein zu kritisieren«, erwiderte Fielding. Die anderen Männer am Tisch nickten.
Beth schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was?«
»Wir vertrauen unseren Fachleuten in Bezug auf spezielle Behandlungsmethoden und Heilverfahren. Wir treffen keine medizinischen oder zahnmedizinischen Entscheidungen. Das überlassen wir unseren Ärzten und Zahnärzten.«
»Sehen Sie sich doch mal meine Zähne an!«, rief Beth und brach in Tränen aus.
»Es ist nicht unsere Schuld, wenn Sie mit dem Ergebnis Ihrer Zahnbehandlung nicht zufrieden sind.«
»Mit dem Ergebnis nicht zufrieden?« Ungläubig schüttelte Hunt den Kopf. »Haben Sie keine Augen im Kopf?«
»Ich bin ein Monster!«, schrie Beth sie an.
Mr. Fielding räusperte sich. »Ich verstehe. Wir werden alles tun, um dieses bedauerliche Ergebnis eines Missverständnisses wieder richtigzustellen. Aber ich muss noch einmal betonen, dass wir keinen Fehler gemacht haben. Ich will damit in keiner Weise andeuten, Sie beide seien prozesssüchtige Menschen oder hätten irgendwelche Hintergedanken, aber unsere Zustimmung, eine neue Behandlung zu übernehmen - praktisch für die gleiche Behandlung zweimal zu bezahlen -, lässt keinerlei Rückschlüsse darauf zu, dass wir haftbar oder verantwortlich wären für Fehler, die Ihr Zahnarzt begangen oder nicht begangen hat.«
Hunt griff nach Beths Hand. »Dann werden Sie die Behandlung bezahlen?«
»Selbstverständlich.«
»Was ist mit diesem Dr. Blackburn?«
»Es wird eine Untersuchung geben, und wenn die Betreffenden zu dem Schluss kommen, er habe unethisch oder illegal gehandelt, so wie Sie es darstellen, wird er in angemessener Weise zur Rechenschaft gezogen.«
»Zur Rechenschaft gezogen? Das ist ziemlich vage ausgedrückt.«
»Ein Gremium aus Fachkollegen wird ein Disziplinarverfahren gegen ihn anstrengen. Wenn sein Vergehen schwerwiegend genug ist, wird er seine Lizenz verlieren, und sollte es gerechtfertigt sein, wird ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet. Ich kann doch sicherlich davon ausgehen, dass Sie das zufriedenstellen wird?«
Natürlich nicht, aber was hatten sie erwartet? Was geschehen war, ließ sich nicht wieder ungeschehen machen, und das Beste, was Hunt und Beth jetzt noch erhoffen konnten, war eine angemessene Bereinigung ihres Problems.
Es gab keine Möglichkeit für sie, sich würdevoll zurückzuziehen oder sich gar als Sieger zu fühlen. Wenn sie sich jetzt bedankten, würde dies deutlich machen, dass man ihnen einen Gefallen getan hatte und sie beide somit in gewisser Weise in der Schuld des Vorstandes waren. Zeigten sie jedoch keine Dankbarkeit, sondern akzeptierten einfach nur Fieldings Vorschlag, hatten sie keine Möglichkeit mehr, in der Zukunft gegebenenfalls rechtliche Schritte einzuleiten. Lehnten sie den Vorschlag des Direktors ab, würde die Versicherung die Behandlung von Beths Zähnen nicht übernehmen.
Was immer sie auch taten - es war auf jeden Fall verkehrt.
»Also gut«, sagte Hunt knapp und nahm Beths Hand, und gemeinsam verließen sie den Versammlungsraum und das Gebäude und gingen zu ihrem Wagen, der auf dem grün markierten Zwanzig-Minuten-Parkplatz stand. An der Windschutzscheibe flatterte ein Strafzettel.
2.
Der Mann, der im Eingang zu Joels Büro stand, war weder sonderlich groß noch sehr stämmig, und seine Gesichtszüge waren so wenig einprägsam, wie man es von Karriere-Bürokraten kannte, doch die Tatsache, dass er so plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, ließ Joel zusammenzucken. Doch er hatte sich rasch wieder gefangen, und nun warf er dem Fremden einen Blick zu, von dem er hoffte, er würde Autorität ausstrahlen. »Hallo. Kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Kann ich Ihnen behilflich sein?«, entgegnete der Mann und betrat unaufgefordert das Büro. »Ich hatte mich gefragt, ob Sie schon Zeit gefunden haben, sich die Informationen anzuschauen, die ich Ihnen bezüglich Ihrer Angestellten-Versicherung habe zukommen lassen.«
War das ein Scherz? Es musste so sein, aber dieser Mann gehörte eindeutig nicht zu Joels Studenten. Er sah überhaupt nicht wie ein Student aus, sondern hatte eine professionelle Ausstrahlung, die Joel dazu brachte, ihn sehr ernst zu nehmen. »Ich dachte, das sei ein Scherz meiner Studenten«, erklärte er.
Der Mann wirkte verletzt. »Sie dachten, Ihre Angestellten-Versicherung sei ein Scherz?« In verärgertem Unglauben schüttelte er den Kopf. »Wenn Sie sich die Mühe gemacht hätten, die Unterlagen durchzuschauen, dann hätten Sie erfahren, dass dieses neue und innovative Deckungskonzept entwickelt wurde, um berufliche Sicherheit in diesem äußerst instabilen Berufsfeld zu bieten - eine Sicherheit, auf die sich früher jeder Amerikaner verlassen konnte. Doch im Zuge unserer derzeitigen Konjunkturlage ist so etwas zunehmend rar geworden.«