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Joel konnte es immer noch kaum glauben, dass das Ganze kein Scherz war, sondern durchaus ernst gemeint, doch das sachliche Auftreten dieses Mannes drückte genau das aus. »Ich habe hier eine feste Anstellung«, ging Joel auf die Ausführungen des Vertreters ein. »Ich brauche keine derartige Versicherung.«

»Vielleicht haben Sie noch andere Versicherungen, bei denen ich Ihnen behilflich sein könnte.«

»Es tut mir leid«, gab Joel zurück.

»Kommen Sie. Ich weiß, dass Sie mit Ihrer Autoversicherung nicht zufrieden sind. Sie sind doch bei der UAI, richtig?«

Joel wurde misstrauisch. »Woher wissen Sie das?«

»Ein guter Versicherungsvertreter kennt die Bedürfnisse seiner Kunden«, erklärte der Mann. »Nur so können wir effektiv genau die Versicherungsleistungen anbieten, die den jeweiligen, individuellen Bedürfnissen entsprechen. Wenn ich mir also erlauben darf, Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten ...«

Hinter dem Versicherungsvertreter war ein kahlrasierter Student in dunkler, übermäßig weit geschnittener Kleidung aufgetaucht und drückte sich auf dem Gang vor dem Büro herum: Luis Monteros, ein widerspenstiges Bandenmitglied, das während Joels Dienstags- und Donnerstagskursen immer in der letzten Reihe saß und bei dem es nur eine Frage der Zeit war, bis er sich die erste Bewährungsstrafe einhandelte. Normalerweise war Luis so ziemlich der Letzte, auf dessen Erscheinen Joel während seiner Sprechstunden Wert legte. Doch im Augenblick war er für Joel der Retter, und so winkte er ihn herein, dankbar, einen Anlass gefunden zu haben, den Versicherungsvertreter hinauszuschicken.

»Es tut mir leid«, wiederholte er, »aber ich muss jetzt mit einem meiner Studenten sprechen. Warum lassen Sie mir nicht Ihre Karte hier, und ich melde mich bei Ihnen?«

Der Gesichtsausdruck des Mannes wirkte kalt und hart, und einen kurzen, verwirrenden Sekundenbruchteil hatte Joel regelrecht Angst vor ihm: Der Mann schien ihm auf eine völlig irrationale Weise feindselig gegenüberzustehen - und er wirkte auch durchaus in der Lage, Joel diese Feindseligkeit körperlich spüren zu lassen. Dann war der Moment verflogen, und mit dem gekünstelten Lächeln eines erfahrenen Vertreters zog der Mann eine Karte hervor und reichte sie ihm.

QUALITY INSURANCE stand auf der Karte.

Außerdem war eine Telefonnummer angegeben, doch das war auch schon alles. Joel wollte den Mann gerade nach seinem Namen fragen, als Luis sich ins Büro drängte. Der Vertreter schlüpfte hinaus auf den Gang. Plötzlich erschien es Joel wichtig zu erfahren, wer dieser Mann war. »Nach wem soll ich fragen, wenn ich anrufe?«, rief er ihm hinterher.

Der Vertreter lächelte und winkte ihm zu.

Und dann war er fort.

3.

Beth weigerte sich, einen Blick in den Spiegel zu werfen, während sie sich das Haar frisierte. Sie bürstete es instinktiv, rein mechanisch, und tat alles, was sie konnte, um nicht ihren Mund anschauen zu müssen.

Für kurze Zeit - vor allem, wenn sie mit Hunt oder ihren Freunden zusammen war - vergaß sie hin und wieder, dass sie Zähne aus Metall hatte. Aber solche Ruhepausen waren immer nur kurz. Jede Abweichung von der Routine ihres Alltagslebens, selbst eine Kleinigkeit wie ein Abstecher zum Supermarkt, wurde sofort zu einem entsetzlichen Desaster. Sie kam sich vor wie Quasimodo, ein Ungeheuer unter den Menschen, ein Objekt des Tuschelns und des Spottes, und sie spürte nur zu deutlich, wie sie angestarrt wurde - und wie man ihr aus dem Weg ging.

Die Schwellung ihrer Lippen war zurückgegangen, und die Schmerzen im Zahnfleisch waren mittlerweile nur noch ein unangenehmes Pochen, doch laut Dr. Mirza, ihrer neuen Zahnärztin, würde es noch mindestens einen oder zwei Monate dauern, bis der Heilungsprozess weit genug fortgeschritten sein würde, um die silbernen Zähne zu ziehen und durch Emaille-Prothesen zu ersetzen.

Es stellte sich heraus, dass Hunt und Beth für die anstehende Operation eine ganze Menge aus eigener Tasche würden bezahlen müssen. Die Versicherung war lediglich bereit, eine Behandlung zu bezahlen, die ebenso teuer oder weniger kostspielig war wie die vorangegangene. Als hätte er genau das erwartet, hatte Dr. Blackburn für das Ziehen und die erste Prothese einen lächerlich geringen Betrag veranschlagt, und Dr. Mirzas Kostenvoranschlag konnte diesem Preis nicht einmal ansatzweise gleichkommen. Hunt und sie stritten sich deswegen immer noch mit DentaPlus, doch sie wussten beide, dass das Ergebnis selbstverständlich längst feststand, und sie hatten sich bereits damit abgefunden, den Restbetrag selbst zu zahlen. Sobald sie sämtliche Rechtsmittel eingelegt hatten, die ihnen zur Verfügung standen, wollten sie vor Gericht gehen. Wenn schon nichts anderes, mochte ein Prozess die Versicherung wenigstens dazu bewegen, sich auf einen Vergleich einzulassen und den fälligen Restbetrag zu übernehmen, um nicht das Risiko einzugehen, eine schlechte Presse zu bekommen.

Beth hatte sich die Haare fertig gekämmt und legte nun etwas Lippenstift auf. Dafür musste sie im Spiegel ihren Mund anschauen, und als sie eine Farbe auswählte, die ihre Lippen tatsächlich weniger auffällig wirken ließ und diese dann auftrug, tat sie es so schnell wie möglich. Dann griff sie rasch nach ihrer Geldbörse, verließ das Schlafzimmer, rief Courtney zum Abschied zu, verschloss die Haustür und ging zu ihrem Wagen, um zur Arbeit zu fahren.

Es war noch früh am Morgen. Die meisten Nachbarn waren noch in ihren Häusern und bereiteten sich auf die Arbeit vor oder waren bereits aufgebrochen und jetzt unterwegs. Ed Brett, ihr Nachbar zur Linken, spritzte mit dem Gartenschlauch gerade seinen Lexus ab, während sein jüngerer Sohn auf dem Bürgersteig saß und Kieselsteine auf die Fahrbahn warf.

Mit den meisten Nachbarn kam Beth ziemlich gut klar. Die Familie, die rechts von ihnen wohnte, war dort schon eingezogen, während die restlichen Parzellen erst noch vollständig erschlossen wurden, und sie hatten Beth mit einer Party in der Nachbarschaft willkommen geheißen, kaum dass sie eingezogen war, damit sie auch die anderen Leute in ihrer Straße kennen lernen konnte. Echte »Freunde« waren sie nicht, aber sie waren freundlich, und Beth half aus, wenn die Leute in Urlaub waren. Umgekehrt gossen die Nachbarn Beths Blumen und achteten ganz allgemein auf das Haus, wenn Beth einmal nicht da war. Die beiden alten Molokaner-Schwestern, die gleich gegenüber wohnten, blieben öfters stehen, um ein bisschen mit Beth zu plaudern, wenn diese gerade Unkraut jätete oder die Pflanzen im Vorgarten schnitt, und wenigstens an jedem zweiten Wochenende besuchte Beth die beiden Schwestern auf eine Tasse Tee. Der junge Mann, der in dem Haus neben ihnen wohnte - ein Mechaniker, der einen Großteil seiner Freizeit damit verbrachte, in seiner Garage an einem Motorrad zu schrauben -, war immer nett zu ihr, auch wenn sie einander nie richtig kennen gelernt hatten.

Aber die Nachbarn zur Linken, die Bretts, hatte Beth nie sonderlich gemocht. Vor etwa einem Jahr waren sie eingezogen; sie hatten das Haus Tom und Jan Kraal abgekauft, die Beths engste Freunde in der Gegend gewesen waren und die nach Tarzana in Kalifornien hatten ziehen müssen, weil Toms Firma ihn dorthin versetzt hatte. Zuerst hatte Beth versucht, eine gewisse Nachbarschaftlichkeit zu den Bretts aufzubauen. Jeder in der Straße hatte das versucht. Doch Sally Brett war eine geplagte Hausfrau, die nur selten ihr Heim - das eher ihr Gefängnis war -, verließ, und ihr Mann Ed war ein unhöflicher, streitlustiger Flegel, der es schon bald geschafft hatte, es sich mit den meisten Leuten aus der Nachbarschaft zu verderben. Und ihre beiden Söhne waren verzogene Bälger, die sonderbare Ansichten hatten, was ihnen in der Welt alles zustünde.

Verärgert stellte Beth fest, dass der Junge die Kieselsteine genau dorthin warf, wohin sie mit ihrem Wagen würde zurücksetzen müssen, doch sie sagte nichts. Also schloss sie das Auto auf und öffnete die Tür.