»Na, das ist ja mal 'ne Klassebraut, die du da hast«, sagte der Polizist zu Hunt.
Wäre Hunt ein zäherer Bursche gewesen, wäre er cooler gewesen, hätte er etwas geantwortet wie: »Sie hat dich am Wickel, du Drecksack.« Aber Hunt war verängstigt und verwirrt, die Handschellen taten höllisch weh, und er wollte diese Trottel nicht noch mehr gegen sich aufbringen. Offensichtlich lag hier ein gewaltiger Irrtum vor, und je schneller sie aufs Polizeirevier kamen, desto schneller würde er die Lage jemandem erklären können, der etwas zu sagen hatte - und umso schneller wäre das Ganze erledigt.
»Wie heißen Sie?«, fragte Beth. »Wie lautet Ihre Dienstnummer? Wer ist Ihr Vorgesetzter? Ich will diese Informationen haben, ehe Sie das Haus verlassen.«
»Ihr Mann ist ein Kinderschänder, und Sie sind sauer auf uns? Was für eine Frau sind Sie eigentlich?«
»Er ist kein Kinderschänder! Ihr Blödmänner habt einen Riesenfehler gemacht! Und ich will Ihnen sagen, was für eine Frau ich bin: Ich bin die Frau, die nicht eher ruhen wird, bis solche Schlägertypen wie Sie aus dem Polizeidienst entfernt werden!«
Hank war offensichtlich bereit, es auf einen echten Streit ankommen zu lassen, sich richtig mit Beth anzulegen, doch der ältere Officer legte ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. »Komm, wir müssen ihn mitnehmen.«
»Und warum mussten Sie mitten in der Nacht kommen? Sie mussten 'ne Szene machen, ja? Eine richtige Show abziehen! Warum haben Sie ihn nicht am Nachmittag festgenommen? Diese falschen Beschuldigungen werden Ihnen ja nicht erst seit ein paar Minuten vorliegen, oder? Warum haben Sie bis jetzt gewartet?«
Beths Furchtlosigkeit und ihr gerechter Zorn stärkten auch Hunts Selbstvertrauen wieder ein wenig, vertrieben etwas von der Einschüchterung und Willfährigkeit, die ihn zuerst erfasst hatten. Er trug nichts als eine Jeans und einen Bademantel, der offen stand, und nun hob er das Kinn und blickte dem älteren Polizisten fest in die Augen. »Ich will mir ein Hemd anziehen«, sagte er. »Ich werde nicht in dieser Aufmachung aufs Revier gehen.«
»Oh doch, das wirst du«, widersprach Hank.
Der ältere Polizist nickte. »Wir haben reichlich orangefarbene Overalls, die Ihnen passen.« Er drehte Hunt herum und schob ihn zur Tür. »Kommen Sie schon, machen Sie hin!«
»Ich komme mit«, versprach Beth. »Ich fahre mit dem Wagen nach.«
Mehr als alles andere auf der Welt wollte Hunt, dass Beth mit ihm käme. Er wollte einen Zeugen für diesen verrückten Albtraum - auch für den Fall, dass sie ihm noch etwas anderes vorwarfen als Kindesmissbrauch. Doch er wusste, dass die beiden Kerle Beth nicht weiter als bis zur Lobby der Polizeiwache vorlassen würden. Sie würde nicht bei ihm sein können, wenn man seine Fingerabdrücke nahm und die Fotos schoss. Sie würde die ganze Zeit auf einer Bank sitzen, wütend und frustriert, und würde nicht das Geringste für ihn tun können.
Hunt schüttelte den Kopf. »Such einen Anwalt«, sagte er und blickte sie über die Schulter hinweg an. »Such irgendwen, der mich da rausholt.«
Jetzt weinte Beth, und Hunt sah, dass der jüngere Polizist grinste. Er hätte dem Dreckskerl am liebsten die Zähne eingetreten, nur um dieses dämliche Grinsen aus seinem Gesicht zu vertreiben. Doch irgendwie gelang es Beth, eine unglaubliche innere Reserve anzuzapfen, und so riss sie sich zusammen. »Ich werde jemand finden. Und ich kriege auch raus, wie man eine Kaution stellt.« Dann warf sie dem jüngeren Polizisten einen finsteren Blick zu. »Und Hank Dingsbums? Dienstnummer Sieben-Sieben-Drei? Ich werde dem Anwalt alles über Sie erzählen. Und dann sehen wir uns vor Gericht wieder!«
Die Polizisten schoben Hunt hinaus und drückten seinen Kopf herunter, als sie ihn auf die Rückbank ihres Streifenwagens verfrachteten. Die Warnlichter auf dem Dach des Wagen blinkten - rot, blau, rot, blau, rot, blau - und schienen die ganze Straße zu erhellen. Durch die Fensterscheibe des Streifenwagens sah Hunt die Gesichter der Nachbarn, die ihn zwischen den Vorhängen in ihren Wohnzimmern hindurch anstarrten.
Großartig.
In der ersten Nacht war Hunt völlig verängstigt, so voller Furcht, dass er sich nicht einmal gestattete, vor Erschöpfung einzuschlafen. Er hatte genug Bücher gelesen und genug Filme gesehen, um zu wissen, wie Kinderschänder im Gefängnis behandelt wurden. Und auch wenn er genau genommen noch gar nicht im Gefängnis saß, sondern in der Arrestzelle des County, wurde er doch zusammen mit den anderen Insassen in eine große Gemeinschaftszelle geworfen, und dann lag es an ihm alleine, sich zu verteidigen.
Die Arrestzelle des County.
Hunt arbeitete für das County, und er glaubte nicht, dass es eine Möglichkeit gab, diese Sache hier vor seinen Kollegen geheim zu halten ... oder vor seinen Vorgesetzten. Selbst in einer so großen und weitverzweigten Organisation wie der Bezirksverwaltung machten Neuigkeiten und Gerüchte schnell die Runde, und so würde es jeder herausfinden. Auch Steve würde davon erfahren. Wahrscheinlich würde Hunt seinen Job verlieren, und dann wäre er arbeitslos und nicht mehr zu vermitteln.
Nein. Er musste mit dem Betriebsrat reden, musste herausfinden, wie es um seine Rechte bestellt war. Er war dieses Vergehens nur beschuldigt worden, nicht aber verurteilt. Und er war unschuldig! Ganz ehrlich unschuldig. Dafür konnten die ihn nicht feuern. Und wenn sie es doch versuchten, würde Hunt sie verklagen, dass ihnen Hören und Sehen verging.
Aber vielleicht war das hier ein weiterer Sargnagel für den Arbeitstrupp: der Tropfen, der das Fass schließlich zum Überlaufen brachte und den Herren auf der Chefetage eine Möglichkeit bot, den Baumbeschnitt an Fremdfirmen zu vergeben. Und es würde keinerlei Möglichkeit geben, das zu beweisen. Hunt mochte ja in der Lage sein, eine betriebliche Entlassung anzufechten, die aufgrund falscher Anschuldigungen erfolgt war, aber gegen eine Entlassung aufgrund von Sparmaßnahmen konnte er nicht vorgehen.
Hunt hatte beinahe damit gerechnet, dass eine Wache auftauchte, seinen Namen aufrief und ihm verkündete, er könne nach Hause gehen, doch offensichtlich hatte Beth es nicht geschafft, um diese Uhrzeit einen Anwalt aufzutreiben. Und ebenso wenig war es ihr gelungen, die Polizisten davon zu überzeugen, dass das Ganze ein entsetzlicher Irrtum war. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hatte Hunt versucht, die Polizisten zur Vernunft zu bringen, doch die Burschen, die ihn abgeführt hatten, hielten ihn für einen Verbrecher und ignorierten alles, was er sagte. Den Beamten, die später seine Fingerabdrücke nahmen und die Fotos für den Erkennungsdienst machten, war das alles egal. Und die Wache, die ihn zur Gemeinschaftszelle führte, durfte sich vermutlich von jedem Insassen genau die gleiche Geschichte anhören.
Am schlimmsten war, dass Hunt nicht mit Beth reden konnte. Er wusste ja überhaupt nichts! Genauso gut war es möglich, dass sie auf der Suche nach einem gewerblichen Kautionssteller aus einem fahrenden Auto heraus erschossen worden war, oder sie war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als sie nach Hause fuhr ... oder sie war auf dem Weg zu ihrem Auto in eine dunkle Seitengasse gezerrt und vergewaltigt worden. Hunt wusste, dass sein Verstand dazu neigte, sich solch extreme Szenarien auszumalen, doch die Situation, in der er sich momentan befand, war extrem, und daraus hatte er gelernt, dass alles, wirklich alles, möglich war.
Noch ernüchternder war die Tatsache, dass er noch nicht einmal genau wusste, welches Verbrechen er überhaupt begangen haben sollte. Er wusste nur, dass man ihm sexuellen Missbrauch von Kindern vorwarf, dass er angeblich Sex mit einem kleinen Mädchen gehabt hatte - doch mit wem und wo und wann, das wusste er nicht. Die Polizei ging nicht weiter darauf ein. Hunt würde warten müssen, bis sein Anwalt eintraf, was - hoffentlich - am Morgen geschehen würde.