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Irgendwie gelang es Hunt, die Nacht unbeschadet zu überstehen. Alle anderen ignorierten ihn und ließen ihn in Ruhe, und während er sich unter seinen Zellengenossen umschaute, fragte er sich, ob Verbrecher sich untereinander erkennten, ob sie eine Art sechsten Sinn hatten, der sie spüren ließ, wenn sich ein Unschuldiger unter ihnen befand und wer dieser Unschuldige war.

Wem wollte er hier eigentlich etwas vormachen? Die anderen Knackis hatten ihn bloß noch nicht zu Klump geschlagen, weil sie nicht wussten, weswegen er hier war. So einfach war das.

Am nächsten Morgen kurz nach zehn kam tatsächlich der Anwalt. Sein Name war Raymond Jennings, und er sah aus wie eine etwas weniger wichtigtuerische Ausgabe von Francis Lee Bailey. Hunt wusste nicht, wie Beth den Mann gefunden oder warum sie gerade ihn ausgewählt hatte. Hatte sie Erkundigungen eingezogen, oder war Jennings ihr von jemandem empfohlen worden? Oder hatte sie einfach nur die erstbeste Nummer in den Gelben Seiten angerufen? Doch Jennings machte einen guten Eindruck, er wirkte kompetent und vertrauenswürdig, und Hunt zog es vor, einfach davon auszugehen, dass dieser Anwalt zu den besten gehörte, die in ganz Tucson aufzutreiben waren - und dass er mit Hilfe dieses Anwalts keine Schwierigkeiten haben würde, aus diesem Schlamassel herauszukommen.

Hunts gesamte Erfahrung mit dem Strafrechtssystem beschränkte sich auf Fernseh- und Kinofilme, und er hatte damit gerechnet, seinem Anwalt entweder in einem großen, cafeteriaartigen Raum zu begegnen, in dem zahlreiche Insassen mit ihren Angehörigen und ihrem Rechtsbeistand sprachen, oder in einer engen, geschlossenen Kabine, sodass sie nur über einen Telefonhörer miteinander würden reden und einander nur durch Panzerglas würden anschauen können. Die Wirklichkeit jedoch sah so aus, dass sie sich in einem Raum trafen, der nicht viel anders wirkte als ein Konferenzzimmer: In der Mitte des Raumes standen ein schwerer Tisch und vier Sessel; vor einer Tafel, die fast die gesamte Breite der Wand ausfüllte, waren ein Fernseher und ein Videorekorder aufgestellt. Jennings saß bereits am Kopfende des Tisches, als eine Wache Hunt hereinführte und ihm die Handschellen löste; vor dem Anwalt lag ein ganzer Stapel Papiere. Er erhob sich, als Hunt eintrat, und streckte ihm die Hand entgegen. »Mein Name ist Raymond Jennings. Ich bin Ihr Rechtsanwalt.«

»Gott sei Dank.« Hunt schüttelte die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde; dann ließ er sich in einen Sessel dem Anwalt gegenüber fallen. »Was wirft man mir eigentlich vor?«, fragte er dann. »Die haben mir keinerlei Einzelheiten gesagt. Und weil ich völlig unschuldig bin, habe ich noch nicht mal eine Vermutung, was ich vielleicht getan habe, das als Verbrechen ausgelegt werden könnte. Als Einziges fällt mir ein, dass man mich mit jemandem verwechselt und aufgrund eines Versehens den Falschen festgenommen hat.«

Jennings zog einen Polizeibericht aus dem Stapel Dokumente und Formulare hervor, der vor ihm auf dem Tisch lag. »Das mutmaßliche Opfer ist ein neunjähriges Mädchen namens Kate Gifford ...«

Kate?

Lillys Freundin?

Hunt fühlte sich, als hätte ihm jemand brutal in den Magen geboxt. »Großer Gott«, stieß er nur hervor. Dann sank er vornüber und ließ die Arme auf die Tischplatte fallen. So etwas hatte er nun wirklich nicht erwartet. Das gehörte noch nicht einmal zu den immer unwahrscheinlicheren Szenarien, die Hunt sich gegen Ende dieser langen Nacht in der Zelle ausgemalt hatte.

»Die Eltern des Mädchens behaupten, dass es während eines längeren, nicht genauer spezifizierten Zeitraums zu unsittlichen Kontakten mit dem Kind gekommen sei und dass Sie gestern Morgen auf einer Decke hinter einem Strauch im Webster Park mit diesem Mädchen Oralverkehr gehabt hätten.«

Ihre Eltern.

Auf Joels Silvesterparty hatte er Greg und Lana Gifford kennen gelernt. Beide arbeiteten bei Automated Interface, und sie waren nicht nur nette Leute, sondern hatten auch einen ähnlichen beruflichen Hintergrund wie er selbst. Hunt hatte früher zwar als IT-Experte gearbeitet, während die Giffords Programmierer waren, aber sie hatten dennoch viele Gemeinsamkeiten, und Hunt hatte es als sehr anregend empfunden, sich wieder mal mit Leuten zu unterhalten, die etwas von moderner Technik verstanden, auch auf einem ganz anderen Tätigkeitsfeld. Hunt mochte die Giffords, und er hatte gehofft, sie beizeiten wiederzusehen.

Ihre Eltern behaupten.

Das bedeutete, dass Greg und Lana ihn angezeigt hatten. Am liebsten hätte Hunt auf der Stelle mit Greg gesprochen, von Mann zu Mann, und dieses Missverständnis aus der Welt geschafft - wie immer es nun eigentlich aussehen mochte. Dieses Missverständnis, das zu dieser völlig falschen und ungeheuerlichen Schlussfolgerung geführt hatte. Hunt hätte niemals etwas derart Abscheuliches getan; er hatte niemals, nicht in seinen perversesten sexuellen Phantasien, etwas so Widerliches auch nur in Erwägung gezogen. Irgendjemand hatte die Giffords belogen. Es war ein Scherz, der schrecklich danebengegangen war - oder ein ausgewachsenes Komplott eines ihm völlig unbekannten Feindes, der sein Leben zerstören wollte. Irgendwie hatte man ihm etwas anhängen wollen, und nun musste Hunt beweisen, dass nichts dergleichen jemals geschehen war.

»Das ist eine Lüge«, sagte er zornig. »Das Ganze ist eine einzige große Lüge. Ich war tatsächlich gestern Morgen im Webster Park - so weit stimmt es -, aber ich habe da gearbeitet. Ich habe dort Bäume beschnitten, und ich habe zwei Zeugen, die bestätigen können, dass etwas Derartiges niemals geschehen ist. Wir drei haben zusammengearbeitet, und wir waren nie außer Sichtweite voneinander. Um die Mittagszeit sind wir wieder gefahren. Wer etwas anderes behauptet, lügt! Außerdem ist der Park fünfzehn Meilen von dem Haus entfernt, in dem Kate wohnt. Wie soll sie denn da hingekommen sein?«

»Also kennen Sie das Mädchen?«

»Sie ist die beste Freundin der Tochter meines besten Freundes.« Aufgebracht fuhr Hunt sich durch die Haare. »Ich weiß nicht, was hier gespielt wird. Nichts davon ergibt einen Sinn!«

»Nun, wenn Sie zwei Zeugen haben, die für den gesamten Morgen Aussagen über Ihren Aufenthaltsort machen können - und ich meine den gesamten Zeitraum, ohne dass auch nur eine einzige Sekunde fehlt -, wäre das schon sehr hilfreich. Aber gegen Sie werden schwere Anschuldigungen erhoben, und ich muss sagen, dass die Fakten im Augenblick sehr gegen Sie sprechen.«

»Wie ist das möglich? Es gibt doch keinerlei Beweise. Die kann es gar nicht geben! Was immer die haben, ist vollständig aus der Luft gegriffen.«

»Die haben die Aussage des Mädchens. Auf Band. Ich habe es mir gerade eben angesehen, und es ist ziemlich erdrückend.«

»Kate sagt, so etwas sei passiert?« Hunt war wie betäubt. »Sie sagt, ich hätte so etwas getan?«

Jennings nickte. »Ja. Darauf stützt sich die Anklage.«

Hunt fragte sich, warum dieses Mädchen derartige Lügen erzählen sollte und was es dazu bringen könnte, etwas so völlig Verrücktes zu erfinden. Hunt war davon ausgegangen, dass die Anschuldigung von jemand anderem stammte und dass Kate sein Haupt-Alibi sein würde, indem sie aussagte, dass nichts dergleichen geschehen sei - und damit wäre die Welt wieder in Ordnung gewesen. Doch offensichtlich hatte das Mädchen ihn belastet. Vielleicht hatte Kate ihren Eltern diese Lügengeschichte aufgetischt, und diese waren dann sofort zur Polizei gegangen.

Aber warum?

»Darf ich dieses Band sehen?«, fragte Hunt.

»Selbstverständlich.« Jennings stand auf und zog eine Videokassette aus ihrer Hülle. »Aber es sieht wirklich nicht gut für Sie aus.« Der Anwalt ging zur gegenüberliegenden Wand des Raumes, schaltete den Fernseher ein und schob die Kassette in den Videorekorder.

Die Aufnahmen waren fast schwarzweiß, so ausgeblichen wirkten die Farben, doch das Bild war sehr klar, der Ton deutlich, und in der unteren rechten Ecke des Bildes war das gestrige Datum zu lesen. Kate saß an einem niedrigen, blauen Plastiktisch in einem gut ausgeleuchteten Raum. Vor ihr lagen ein großer Schreibblock und mehrere Stifte, doch sie rührte nichts davon an. Auf der anderen Seite des niedrigen Tisches, in einen ebenso kleinen Stuhl gezwängt, saß eine Erwachsene in einem knielangen Rock. Im Bild war nur die untere Hälfte dieser Frau zu erkennen. Die Kamera blieb die ganze Zeit auf Kate gerichtet. Das Mädchen wirkte sehr ernst - traumatisiert, würde Beth vermutlich sagen -, und plötzlich hatte Hunt ein sehr mieses Gefühl bei der ganzen Sache.