Kurz darauf wurde Hunt aus der Arrestzelle in eine eigene Gefängniszelle verlegt. Eine Wache schloss die Tür mit dem vergitterten Fenster auf, befestigte ein Ende von Hunts Handschellen am eigenen Handgelenk und führte ihn dann, den Schlagstock in der Hand, in einen Besucherraum, der genauso aussah wie aus einem Film: Es gab tatsächlich die lang gezogene Panzerglasscheibe, vor der kleine Kabinen abgeteilt waren, in denen einzelne Insassen sich mit ihren Anwälten oder ihren Liebsten unterhalten konnten. Hunt wurde die gesamte Länge des Raumes hinuntergeführt, an besetzten und leer stehenden Kabinen vorbei, bis zu einer kleinen Kabine am Ende des Raumes.
»Sie haben Besuch«, verkündete der Wachmann.
Hunt setzte sich.
Es war der Versicherungsvertreter.
Er wartete in der Kabine auf der anderen Seite des Panzerglases, griff nun nach dem Telefonhörer und bedeutete Hunt mit einer Geste, es ihm gleichzutun. Der Mann sah anders aus als vorher, nicht mehr ganz so unscheinbar. Vielleicht lag es an der kalten, grellen Beleuchtung, vielleicht auch nur am Umfeld, doch er wirkte harscher als bisher, energischer; er war weniger der schmeichlerische Vertreter, mehr der knallharte Geschäftsmann. Seine Gesichtszüge wirkten kantiger, und Hunt fand, dass sein Hut ...
Fedora? Hamburg? Homburg?
... weniger albern wirkte, besser zu seiner ganzen Gestalt passte. Außerdem trug er etwas, das wie ein Trenchcoat aussah, obwohl der Tag recht sonnig und warm war. Zweifellos versuchte der Mann einem Image zu entsprechen, irgendetwas, was er für sehr eindrucksvoll hielt - doch Hunt vermutete auch, dass es einen weniger freundlichen Grund für diese Kleiderwahl gab. Und wieder ertappte Hunt sich bei dem Gedanken, der Versicherungsvertreter habe irgendetwas Altertümliches an sich, als gehöre er in eine andere Zeit.
Eine Sekunde lang blieb Hunt stehen und schaute die Reihe der Insassen und ihrer Besucher hinunter. Er sah Ehefrauen, Söhne, Eltern, Rechtsanwälte, aber keine Versicherungsvertreter. Natürlich nicht. Warum sollte ein Versicherungsvertreter jemanden im Gefängnis besuchen?
Hunt setzte sich und schaute den Mann auf der anderen Seite der Glasscheibe an.
Wider besseres Wissen griff er nach dem Telefonhörer.
»Wie geht es Ihnen heute, Mr. Jackson?«
»Was glauben Sie? Ich sitze im Knast. Ich werde eines Verbrechens beschuldigt, das ich nicht begangen habe.«
In gespieltem Mitleid schüttelte der Vertreter den Kopf. »Mr. Jackson, Mr. Jackson. Ich neige nicht dazu, etwas wie ›Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt‹ zu äußern, aber ich möchte auf Folgendes hinweisen: Wenn Sie sich für unser Angebot der Personenschadensversicherung Deluxe mit zusätzlicher Rechtsversicherung entschieden hätten, wäre Ihnen dieser Zwischenfall hier wohl erspart geblieben.«
»Sind Sie deswegen hier?«
»Genau deswegen.«
Der Vertreter lächelte Hunt in einer Art und Weise an, die wohl mitfühlend sein sollte, was sie aber eindeutig nicht war - und plötzlich begriff Hunt, dass es sich hier nicht um einen Höflichkeitsbesuch handelte. Ihm wurde eine Botschaft überbracht. Dieser Vertreter steckte hinter den schrecklichen Anschuldigungen! Oder seine Versicherungsgesellschaft. Sie hatten das hier getan, um ihn zu erpressen und dazu zu bringen, diese Versicherungen abzuschließen. Sie hatten ihre Muskeln ein wenig spielen lassen, um ihm zu zeigen, dass es besser für ihn war, brav mitzuspielen. Welchen anderen Grund könnte es geben? Wenn der Vertreter überhaupt nichts mit der Sache zu tun hatte, konnte er ja gar nicht wissen, dass Hunt hier war.
Aber wie hatten sie das angestellt? Wie funktionierte die Logistik? Konnten sie die Giffords bestochen haben zu lügen? Kate konnten sie gewiss nicht bestechen oder einschüchtern. Nach allem, was Hunt über dieses Mädchen wusste, war sie geradezu verletzend offen und völlig unbestechlich. Außerdem hatte er die Videokassette gesehen. Kate glaubte wirklich, dass er diese Dinge getan hatte.
Also: Wie hatten sie die ganze Familie davon überzeugt, Hunt habe Kate zum Oralverkehr gezwungen?
Es gab keine vernünftige Erklärung, keine Begründung, die auch nur ansatzweise logisch gewesen wäre.
Der Vertreter lächelte immer noch, und dieser Anblick ließ Hunt das Blut in den Adern gefrieren. Was immer hier geschah - es war viel zu groß für ihn. Hunt dachte an das Gästezimmer, an die Geräusche, an die Gestalten, die Beth und er im Spiegel gesehen hatten. Es gab eine ganze Welt, von der Hunt bisher - Gott sei Dank - nicht das Geringste gewusst hatte. Eine Welt der Schatten, des Dämonischen, des abgrundtief Bösen. Und auch wenn Hunt bisher nicht an diesen abergläubischen Mumpitz geglaubt hatte - jetzt tat er es, und es erschreckte ihn zu Tode.
Doch Hunt weigerte sich, diese Angst zu zeigen, weigerte sich, diesem Versicherungsvertreter, der ihm hier gegenübersaß, diesen Triumph zu gönnen. Mit steinerner Miene saß Hunt dort, den Telefonhörer in der Hand, und rührte sich nicht. Als der Vertreter nichts mehr sagte, tat er so, als wollte er den Hörer zurückhängen.
»Warten Sie!«, rief der Vertreter. Hunt war dankbar, in der blechernen Stimme des Mannes einen Funken Verzweiflung zu hören.
Er drückte sich den Hörer ans Ohr.
»Ich bin hier, um Ihnen eine zweite Chance zu bieten«, sagte der Vertreter, und mit einem Mal war er wieder schmeichlerisch und aufdringlich.
»Wollen Sie, dass ich jetzt doch noch diese Versicherung unterschreibe?«, fragte Hunt.
»Ich bedaure, aber für eine Rechtsversicherung sind Sie nicht mehr antragsberechtigt. Nein, ich bin hier, um Ihnen einen Schutz vor einer Verurteilung zu verkaufen. Auch dafür werden Sie eine Personenschadensversicherung abschließen müssen. Und dann - für nominelle Zusatzkosten, die zu Ihrem Basis-Beitrag hinzukommen - werden Sie eine Zusatzversicherung erhalten, die Sie vor nachteiligen Gerichtsurteilen schützt.«
»Was genau bedeutet das?«
»Ich glaube, das erklärt sich in Ihrer Situation von selbst.«
»Heißt das, ich werde nicht verurteilt?«
»Ganz genau. So weit geht diese Versicherungsleistung. Sie wurden wegen dieser Straftat angeklagt, aber die Anklage wird fallen gelassen, oder Sie werden für unschuldig befunden - abhängig davon, für welche Versicherungsleistung Sie sich entscheiden.«
»Das ist unmöglich.«
»Nein, ist es nicht. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, sind wir ein angesehenes Unternehmen mit ausgezeichnetem Ruf. Unsere Policen, von denen einige deutlich und präzise auf ein äußerst spezielles Deckungskonzept ausgerichtet sind, bieten unseren Kunden immer genau die Leistungen, die darin auch formuliert sind.«
Er starrte Hunt an, und gegen seinen Willen spürte Hunt, wie Hoffnung in ihm aufkeimte. »Hoffnung« war eine äußerst gefährliche Emotion, die Menschen nur zu oft zu törichtem Handeln verführte und in Gefahr brachte - sie sogar dazu brachte, ihr Leben zu riskieren und ihre Ehefrauen zu verlieren und sich von Reichtümern zu trennen, die sie niemals wiedererlangen konnten. Hunt wusste, dass ihn das alles hier ganz persönlich betraf und ihm viel zu nahe ging, sodass er schlichtweg außerstande war, seine Lage objektiv zu beurteilen, doch er versuchte das Angebot zu analysieren und fand keine Nachteile. War das eine Art faustischer Pakt? Wurde er hier dazu gebracht, seine Seele zu verhökern, wenn er diese Versicherung abschloss? Er glaubte es nicht, doch er würde jede Police sorgfältig durchlesen, ehe er irgendetwas unterschrieb.
»Wie viel würde das denn zusätzlich kosten?«, fragte er.
Der Vertreter griff unter die Tischplatte und zog einen Taschenrechner und eine Versicherungsstatistik-Tabelle aus seinem Aktenkoffer, der offensichtlich vor ihm auf dem Fußboden stand. »Zwanzig Dollar im Monat für die Personenschadensversicherung, dazu zehn Dollar zusätzlich, um gegen eine Verurteilung geschützt zu sein. Insgesamt wären das dann dreihundertsechzig Dollar im Jahr, die Sie für Ihren Seelenfrieden würden zahlen müssen.« Er vollführte eine ausladende Handbewegung, die den gesamten Besucherraum einschloss, doch die Geste schien auch das ganze Gebäude zu umfassen. »Und Sie werden das Innere dieses Ortes niemals wiedersehen.«