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Joels Puls raste. »Wie hat der Mann ausgesehen?«

»Ich hab sein Gesicht nicht gesehen. Er hat an einem Baum gestanden, und es war schon ganz dunkel. Ich konnte nur sehen, dass er groß war und so einen altmodischen Hut aufhatte.«

»Groß?«, fragte Joel, und allein schon das Wort beunruhigte ihn.

»Ja. Wie ein Football-Spieler ... na ja, vielleicht nicht ganz so groß. Und er ging irgendwie krumm.«

»Warum hast du uns nichts davon erzählt, als das passiert ist?«

Unglücklich zuckte Lilly mit den Schultern.

»Hast du gedacht, wir würden dich dann nicht mehr in den Park fahren lassen?«

Lilly nickte.

Joel stand auf. »Das müssen wir der Polizei erzählen.«

Stacy legte ihm die Hand auf den Arm und zog ihn wieder zu sich aufs Sofa. »Das beweist gar nichts. Es hilft Hunt vielleicht, aber es beweist doch überhaupt nicht, dass er in Wirklichkeit gar nichts getan hat.«

Lilly schaute ihre Mutter an. »Hat Onkel Hunt so was ... wirklich gemacht?«

»Nein, Schätzchen. Wir glauben nicht, dass er so etwas getan hat.«

»Ich auch nicht«, sagte Lilly mit fester Stimme. »Aber«, fügte sie dann leise hinzu, »Kate glaubt das.«

3.

Das Haus wirkte leer, jetzt, wo Hunt fort ...

im Gefängnis

... war. Stacy hatte angerufen, um ihr zu sagen, wie leid ihr alles tat, und das hatte Beth ein wenig aufgeheitert. Aber sie hatte keine ihrer anderen Freunde angerufen, weil sie nicht wusste, was sie hätte sagen sollen. Hallo, ich bin ziemlich niedergeschlagen, weil mein Mann wegen Kindesmissbrauchs festgenommen worden ist? Noch nie im Leben hatte Beth sich so einsam gefühlt, und als sie ihre Mutter in Las Vegas angerufen hatte - einfach nur, um sich noch bei jemandem ausweinen zu können -, bekam sie bloß ein scharfzüngiges »Wie gut kennst du ihn denn nun wirklich?« zu hören.

»Gut genug, um zu wissen, dass er das nicht getan hat«, antwortete Beth, bevor sie auflegte - und das stimmte auch. Der einzige Trost an diesem entsetzlichen, höllischen Tag bestand darin, dass sie von Hunts Unschuld absolut überzeugt war. Sie verspürte nicht den Hauch eines Zweifels.

Und ebenso sicher war sie sich, dass dieser Versicherungsvertreter irgendetwas mit diesen erlogenen Anschuldigungen zu tun hatte. So verrückt es für einen Außenstehenden auch klingen mochte: Sie beide zweifelten nicht einen Augenblick daran, dass man ihnen hier nur einen Denkzettel verpassen wollte, dass sie dafür bestraft wurden, eine Versicherung nicht abgeschlossen zu haben, die sie nicht wollten und an deren Wirksamkeit sie nicht geglaubt hatten.

Das war ihr eigentliches Vergehen. Sie hatten nicht geglaubt. Deshalb mussten sie nun diese Tortur durchstehen; deshalb wurden sie drangsaliert.

Warum hatte sie nicht von Anfang an auf Hunt gehört? Warum hatte sie diesen Vertreter überhaupt ins Haus gelassen? Warum hatte sie darauf bestanden, unbedingt eine Versicherung bei ihm abzuschließen?

Beth kuschelte sich auf dem Sofa an Courtney. Die Katze schnurrte und drückte Beth die feuchte Schnauze gegen die Hand.

Ob nun aus Verlegenheit oder aus dem Bedürfnis heraus, seine Familie nicht mit derartigen Problemen zu belasten, hatte Hunt Beth ausdrücklich verboten, seine Eltern anzurufen. Und auch, wenn Beth es ihnen unbedingt erzählen wollte und genau wusste, dass die beiden sofort gekommen wären, um für ihren Sohn da zu sein - und wahrscheinlich jede Menge dringend benötigte Erfahrung in dieses Gefecht hätten einbringen können -, achtete Beth seine Wünsche und unterließ es, sie zu informieren, auch wenn sie wusste, dass es falsch war.

Und so war sie jetzt ganz alleine im Haus.

Nur sie und Courtney.

Und das Gästezimmer.

Das Gästezimmer hatte in den letzten beiden Nächten eine geradezu mystische Bedeutung erhalten. Beth machte es nicht direkt für das verantwortlich, was hier geschah, doch es war ein Symbol für alles, was passieren konnte - ein Symbol dieses widernatürlichen, paranormalen Reiches, das den Versicherungsvertreter und alles umfasste, was er mitgebracht hatte.

Weil es in diesem Zimmer spukte.

Das hatte Beth nie aus den Augen verloren. Tag und Nacht war sie sich dessen bewusst, besonders in den letzten beiden Nächten, die sie alleine im Haus verbracht hatte. Einen Großteil der Zeit hatte sie in der Küche verbracht, so weit vom Gästezimmer entfernt wie nur möglich; und wenn sie abends zu Bett ging, ließ sie im Bad das Licht brennen, den Fernseher im Wohnzimmer laufen und die Tür zum Gästezimmer geschlossen und verriegelt. Auch jetzt hielt Beth sich nur deshalb im Wohnzimmer auf, weil Courtney dort war, und sie war so nervös, dass sie immer wieder zum Flur hinüberschaute und sich wünschte, sie hätte dort das Licht eingeschaltet, ehe die Sonne untergegangen war.

Das Telefon klingelte, und sie zuckte heftig zusammen. Mit zitternder Hand griff sie nach dem Hörer und wollte schon »Hallo« sagen, als sie am anderen Ende der Leitung etwas hörte, und das war keine Stimme. Es war noch nicht einmal menschlich. Es war ein leises Pfeifen, wie ein fast leerer Teekessel. Beth stand auf und ließ den Hörer fallen, zog sich langsam vom Telefon zurück.

Aus dem Gästezimmer rief jemand an.

Aber im Gästezimmer gab es kein Telefon.

Aus dem hin- und herbaumelnden Hörer und vom anderen Ende des Flures - in Stereo - hörte sie, wie der pfeifende Laut sich langsam zu immer schrilleren Tonhöhen aufschwang. Vor dem geistigen Auge sah Beth das Gesicht, das sie aus dem Spiegel kannte: das Gesicht eines stämmigen Mannes mit schlechter Haltung, der einen altmodischen Hut mit breiter Krempe trug. Beth zweifelte nicht daran, dass sie genau diese Gestalt im Spiegel sehen würde, wenn sie sich jetzt ein Herz fasste und ins Gästezimmer spähte.

Die Gestalt würde hinter ihr im Türrahmen stehen, so wie immer.

Die Gestalt lebte in ihrem Haus.

Wen sollte Beth anrufen? Was konnte sie tun?

Plötzlich hörte sie ein Klopfen an der Haustür, und dieses Mal zuckte sie nicht nur zusammen, sie schrie auf.

»Ich bin es nur«, verkündete die Stimme von der anderen Seite der Tür. »Ihr Versicherungsvertreter! Darf ich hereinkommen und mit Ihnen sprechen?«

Wie groß ist die Möse Ihrer Frau?

Sie dachte über das nach, was Hunt ihr erzählt hatte, und ihre Furcht steigerte sich noch. »Nein! Gehen Sie weg!«

»Ich dachte, das wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um über Ihren Bedarf an weiteren Versicherungen zu sprechen.«

Ein guter Zeitpunkt?

Beth ignorierte ihn, antwortete nicht, hoffte, er würde einfach verschwinden. Sie spürte, wie die Gänsehaut sie überlief. Der Versicherungsvertreter erschien ihr im Augenblick so erschreckend wie die Geräusche im Haus und dieses Etwas im Gästezimmer. Wenn der Vertreter dafür gesorgt hatte, dass mit Hunt dieses abgekartete Spiel gespielt und er festgenommen wurde, wofür konnte er dann noch alles sorgen? Was mochte er noch geplant haben?

»Ich dachte mir, Sie hätten vielleicht Interesse an der Arbeitsplatzversicherung, über die wir schon gesprochen haben.«

Beth erinnerte sich, was der Vertreter gesagt hatte, als er ihnen die Police hatte verkaufen wollen - dass sie dank dieser »Arbeitsplatzversicherung« weder ihren Job verlieren würden noch den Spaß an ihrer Arbeit »aufgrund von Fremdfaktoren«. Er hatte sie angelächelt, als er diesen letzten Punkt angesprochen hatte - und an dieses Lächeln erinnerte Beth sich jetzt wieder deutlich, und sie spürte, wie sich ihr dabei die Härchen im Nacken aufstellten.