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»Kann ich hereinkommen?«

Wieder gab Beth keine Antwort.

»Sie sind beschäftigt«, rief der Vertreter durch die geschlossene Tür. »Das verstehe ich. Ich komme später noch einmal, wenn Ihr Mann wieder da ist. Er kommt bald zurück, und dann können wir Ihre Optionen durchgehen.«

Er kommt bald zurück? Wusste der Vertreter irgendetwas, das sie nicht wusste? Unvernünftigerweise, irrationalerweise, spürte Beth Hoffnung in sich aufkeimen.

»Ich komme nächste Woche wieder!«

Sie spähte durch den Türspion und sah, wie der Vertreter sich von den Treppenstufen entfernte und dann grüßend mit einem Finger an seine Hutkrempe tippte - als wüsste er ganz genau, dass sie ihn beobachtete. Dann drehte er sich um und ging munter die Auffahrt hinunter, zwischen den beiden Ocatillas hindurch, die als Eingangstor zum Vorgarten dienten, bog nach rechts auf den Bürgersteig ab und verschwand um die nächste Ecke des Häuserblocks.

Erst als er außer Sichtweite war, begriff Beth, dass aus dem Gästezimmer immer noch das Pfeifen zu hören war.

Beth, die sich den Wecker gestellt hatte, wachte früh auf. Nach einer Stunde, in der unablässig das sonderbare, leise Pfeifen zu hören gewesen war, hatte das Gästezimmer sich anscheinend beruhigt. Beth hatte den Telefonhörer wieder auf die Gabel gelegt, und es hatte nicht erneut geklingelt. Doch die Geräusche aus dem Zimmer waren bis nach zehn Uhr zu vernehmen gewesen. Erst als sie endlich verklungen waren und auch nach fünfundvierzig Minuten nicht wieder eingesetzt hatten, brachte Beth den Mut auf, ins Bett zu gehen. Sie wagte es nicht, einen Blick ins Gästezimmer zu werfen, doch sie stellte erleichtert fest, dass die Tür immer noch geschlossen war. Und so schloss sie auch die Tür zum Schlafzimmer, schloss ab und schlief die ganze Nacht bei eingeschaltetem Licht.

Am nächsten Morgen ging sie in die Küche, setzte Kaffee auf, gab Courtney seine Frühstücks-Friskies und schob einen Bagel in den Toaster. Den gestrigen Tag hatte sie sich freigenommen, um Hunt zu besuchen und ihm einen Anwalt zu besorgen, und auch für diesen Tag hätte sie gerne Urlaub eingereicht. Aber es waren nur noch wenige Urlaubstage übrig, und sie hatte das Gefühl, als würde sie die später noch brauchen, wenn der Prozess begonnen hatte. Außerdem hätte sie an diesem Tag sowieso nichts tun können, das Hunt geholfen hätte, und da ihre Besuchszeit auf eine halbe Stunde beschränkt war - siebzehn Uhr dreißig -, war es wohl besser, wenn sie zur Arbeit ging. Vielleicht lenkte die Arbeit sie ja ab. Und sie würde den Tag bestimmt schneller hinter sich bringen können, als wenn sie alleine war, unruhig im Haus auf und ab lief, sich immer wieder alles durch den Kopf gehen ließ und sich dadurch selbst an den Rand des Wahnsinns trieb.

Beth fragte sich, ob über diese Sache etwas in den Nachrichten gebracht worden war. Die Medien waren schließlich versessen darauf, sich auf jeden Fall von Kindesmissbrauch zu stürzen. Beth wusste, dass Hunt unschuldig war, dass sämtliche Anschuldigungen jeglicher Grundlage entbehrten ... doch sie wusste auch, wie schlecht es für Hunt in der Presse aussehen würde, und sie betete, dass nirgends etwas auftauchte, was dazu führte, dass die Geschworenen voreingenommen gegenüber Hunt sein würden.

Beth stieß ein kurzes, schnaubendes Lachen aus, ein plötzlicher Ausbruch von Frustration, der sogar sie selbst schockierte. Galgenhumor. Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie ihren Freunden und Kollegen erklärte, dass die Vorwürfe gegen Hunt bloß die üble Intrige eines boshaften Versicherungsvertreters seien. Wie glaubhaft klang das denn bitte? Ein Versicherungsvertreter mit übernatürlichen Kräften hatte ihnen eine Kranken- und eine Zahnfürsorgeversicherung verkauft und ihnen dann eine Rechtsversicherung angeboten, und als sie diese abgelehnt hatten, hatte er sie bestraft, indem er auf wundersame Weise Lillys Freundin dazu gebracht hatte, fest davon überzeugt zu sein, Hunt habe sie zu Oralverkehr gezwungen?! Als Beth dies alles durch den Kopf ging, erkannt sie mit schrecklicher Deutlichkeit, wie lächerlich das alles klang - obwohl sie genau wusste, dass es die Wahrheit war.

Beth frühstückte, zog sich an, schminkte sich und trug den Lippenstift auf. Als sie sich dann im Badezimmerspiegel betrachtete, bemerkte sie, dass sie sich unglaublicherweise schon an ihre silbernen Zähne gewöhnt hatte. Sie gefielen ihr nicht, und sie wäre überglücklich gewesen, hätte sie wieder ihr normales Lächeln und perlweiße Zähne gehabt, doch sie war deswegen nicht mehr so gehemmt wie bisher: Es graute ihr nicht mehr so sehr davor, zur Arbeit zu gehen oder auf die Straße, weil ihre Zähne wie der Wunschtraum eines jeden Rap-Stars aussahen.

Im Augenblick gab es wichtigere Dinge, um die sie sich Sorgen machen konnte.

Der gläserne Wolkenkratzer, in dem sich die Geschäftsräume von Thompson Industries befanden, das höchste Gebäude von Tucson, wirkte bedrohlich, als Beth darauf zufuhr. Dann steuerte sie die darunter liegende Tiefgarage an und stellte ihren Wagen auf dem Parkplatz ab, der für die Angestellten reserviert war. Mehrere Minuten lang blieb sie im Wagen sitzen, atmete tief durch und mobilisierte ihren Mut, auszusteigen und in ihr Büro zu gehen. Durch die Windschutzscheibe sah sie, dass sich Amy aus der Buchhaltung und Gary Barnes unterhielten und fröhlich lachten, als sie an den parkenden Wagen vorbei zum Aufzug gingen.

Beth wischte sich die schweißnassen Hände am Rock ab und wartete, bis die Fahrstuhltüren sich geschlossen hatten, ehe sie ausstieg. Innerlich bereitete sie sich auf mögliche Konfrontationen vor. Sie sagte sich immer wieder, dass jegliche Feindseligkeit ihrer Kollegen nicht gegen sie persönlich gerichtet war, sondern eine weitere Folge der widerlichen Intrigen des Versicherungsvertreters. Endlich betrat sie den Aufzug, drückte den Knopf für das zwölfte Stockwerk und wartete, starrte auf die Zahlen, die nacheinander aufleuchteten. Mit einem Ping! öffnete sich die Fahrstuhltür, und Beth trat in das Chaos ihrer Arbeitsstätte in der Public-Relations-Abteilung.

Alle wussten es.

Beth hätte nicht sagen können, woher sie es wussten, doch es war offensichtlich, und Beth fühlte sich wie eine Aussätzige, als sich die Menschenmassen vor ihr teilten, als alle Gespräche verstummten, sobald Beth vorbeiging. Sie ging weiter, bewegte sich durchs Labyrinth der durch halbhohe Wände abgeteilten Arbeitsplätze, am Kopierraum und am Fotolabor vorbei. Sie versuchte stur nach vorn zu blicken, sich auf den Weg zu konzentrieren, der vor ihr lag, und nicht auf die feindseligen Blicke zu achten, die ihr zugeworfen wurden, nicht zu spüren, wie ihre Kollegen sie im Vorbeigehen anstarrten, nicht die verletzenden Worte zu hören, die hinter ihrem Rücken geflüstert wurden.

Beth erreichte ihr Büro.

Schloss die Tür.

Drehte den Schlüssel im Schloss.

Und brach in Tränen aus.

4.

Dumpf und grau zog der Morgen vor dem hohen, schmalen Fenster des Bezirksgefängnisses auf.

Beim Frühstück im Speisesaal drängte sich ein kleiner, fetter Mann, der aussah wie ein Buchhalter, an mehreren Insassen vorbei und setzte sich neben Hunt auf die Bank. Hunt zwang sich gerade dazu, die viel zu flüssigen Eier und den kalten Toast herunterzuwürgen, und blickte auf, als der Mann sein Tablett auf den Tisch stellte. »Haben Sie eine Versicherung abgeschlossen?«

Erstaunt riss Hunt die Augen auf.

»Ich war zwei Fenster weiter und hab mit meiner Frau gesprochen. Ich hab gesehen, dass dieser Versicherungsvertreter dich besucht hat.«

In dem warmen, stickigen Raum voller stinkender Männerleiber war Hunt plötzlich eiskalt.

Der fette Mann beugte sich zu ihn hinüber. »Ich heiße Del. Ich bin hier wegen ...« Er schüttelte den Kopf. »Zu viele Sachen, um alle aufzuzählen.«

Hunt räusperte sich. »Woher hast du gewusst, dass der Mann Versicherungsvertreter ist?«