Es war seine Schuld. Er hatte sie getötet. Hätte er nicht diese Verurteilungsversicherung abgeschlossen, hätte er sich nicht bereit erklärt, die Versicherung dafür zu bezahlen, ihm den Arsch zu retten, dann würde die kleine Kate jetzt noch leben.
Aber wenn sie keine Lügen über ihn erzählt hätte ...
Nein. Auf diesen Gedanken wollte Hunt sich erst gar nicht einlassen. Er wusste nicht wie, aber irgendwie hatten die es geschafft, Kate dazu zu bringen, gegen ihn auszusagen; sie hatten das Mädchen einer Gehirnwäsche unterzogen und sogar dazu gebracht, die eigenen Lügen selbst zu glauben. Und das alles nur, um ihn davon zu überzeugen, diese Versicherung abzuschließen.
Und das hatte er getan.
Jetzt war sie tot.
Aber was hatte er erwartet? Wie sonst hätte dafür gesorgt werden können, dass die Anklage fallen gelassen wird? Hatte er wirklich geglaubt, die Versicherung würde den Staatsanwalt und die Polizei bestechen, damit die Klage abgewiesen wurde? Für jämmerliche dreißig Dollar im Monat? Das wären untragbare Kosten gewesen, und die Gefahr, dass der Versuch scheiterte, war viel zu groß. Nein, sie hatten sich die einfachste und billigste Lösung ausgesucht.
Sie hatten das Mädchen umgebracht.
Und alle Bänder gestohlen.
Hunt dachte daran, wie sie auf Joels Hof mit Kate und Lilly Basketball gespielt hatten, erinnerte sich an Kates ansteckendes Kichern. Seine Gefühle waren in hellem Aufruhr, und in seinem Innern herrschte ein Chaos aus Entsetzen und Trauer, Zorn und Erleichterung.
»Selbstredend«, fuhr Jennings fort, »werden sämtliche Anklagepunkte gegen Sie wegen Mangels an Beweisen fallen gelassen.«
»Was bedeutet das? Kann ich dann gehen?«
»Sobald die Papiere hier eintreffen und bearbeitet sind, sind Sie ein freier Mann.«
»Und das war's?«
»Rein theoretisch könnte die Staatsanwaltschaft den Fall wieder aufnehmen, wenn zusätzliche Beweise ans Tageslicht kämen, aber das ist äußerst unwahrscheinlich. Deshalb würde ich sagen ... ja, ich würde sagen, das war's.«
Jegliche engere Bindung, die sie zueinander aufgebaut hatten, war fort. Jennings konnte es nicht beweisen, aber tief im Herzen glaubte er, Hunt sei für Kates Tod verantwortlich. Hunt wusste, dass er verantwortlich war - aber aus ganz anderen Gründen, als sein Rechtsanwalt sich jemals hätte ausmalen können. So beendeten sie unpersönlich und förmlich ihre Zusammenarbeit. Zwei Stunden später, als Hunt dank der eifrigen Bemühungen seines Anwalts offiziell entlassen wurde, setzten die beiden sich ein letztes Mal zusammen, um noch ein paar Kleinigkeiten zu regeln.
Dann wurde Hunt freigelassen.
Beth saß auf einer Bank im Warteraum neben den Familienangehörigen anderer Insassen. Sie sprang auf und rannte auf Hunt zu, als er durch die Tür kam. Hunt schloss sie in die Arme, und sie drückte ihr Gesicht an seinen Hals. Er wusste nicht, ob sie weinte, weil sie so erleichtert war, dass er entlassen wurde und diese höllische Tortur endlich beendet war, oder wegen der Dinge, die geschehen waren - wegen dieses kleinen Mädchens, das jetzt tot war. Vielleicht war es von beidem etwas.
Hunt wollte nicht eine Sekunde länger in dem Gebäude bleiben als nötig, und als Beths Schluchzen verebbte, schob er sie zur Tür hinaus, an die herrliche frische Luft der Freiheit.
Sobald sie zu Hause waren, schliefen sie miteinander - es gab doch nichts, was die guten alten Hormone so sehr auf Touren brachte, wie die Gefahr einer dauerhaften Trennung -, und es war rau und schmutzig, genau so, wie Hunt es liebte, der beste Sex, den er seit langer Zeit bekommen hatte. Danach lagen sie nebeneinander im Bett und unterhielten sich, und Hunt erzählte Beth von seinem Frühstücksgespräch mit Del und seinem letzten Zusammentreffen mit dem Versicherungsvertreter, in dem Besucherraum, und wie er zugestimmt hatte, eine Personenschadensversicherung mit dem Zusatz einer Verurteilungsversicherung abzuschließen. Er erzählte Beth auch von Kate, obwohl sie es bereits von Jennings erfahren hatte.
»Vielleicht hat das ja wirklich nichts miteinander zu tun«, sagte sie hoffnungsvoll. »Ich meine, wir haben doch noch keinen Cent Beiträge bezahlt.«
»Jennings hat gesagt, die Versicherung sei unmittelbar nach der Unterzeichnung gültig.« Hunt schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe das Mädchen umgebracht. Ich habe ihr Todesurteil unterschrieben, als ich diesen Antrag unterschrieb.«
Beth brach in Tränen aus.
Und hielt Hunt ganz, ganz fest.
Nach dem Abendessen ging es im Gästezimmer wieder los.
Um seine Freilassung zu feiern, waren sie ausgegangen, ins Terra Cotta, hatten exotische, erlesene Vorspeisen bestellt, hatten den herrlichen Sonnenuntergang durch die großen Fenster genossen, die vom Boden bis zur Decke reichten. Als sie wieder nach Hause kamen, war es bereits dunkel.
Sie hörten die Geräusche aus dem Gästezimmer schon, kaum dass sie im Flur waren.
Ein Klopfen und Tappen, wie Holz auf Holz. Das trockene Zischen eines Windstoßes, den es nicht gab.
Hunt war entschlossen, dieses Mal mutig zu sein. Nach allem, was er durchgemacht hatte, erschienen ihm ein paar sonderbare Laute aus einem leeren Zimmer längst nicht mehr so Furcht erregend. Doch als er sich dem Gästezimmer näherte, sah er plötzlich, wie die Zimmertür sich langsam öffnete; zugleich nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung in den Schatten wahr: Irgendetwas schwebte über dem ungemachten Bett. Augenblicklich kehrte die Furcht mit brutaler Gewalt zurück.
Er sah, dass Beth, die neben ihm stand, den Atem anhielt.
»Heute Nacht gehen wir in ein Hotel«, entschied Hunt. »Das muss ich mir nicht antun. Nicht heute Nacht.«
Beth nickte, zu verängstigt, um sprechen zu können, während die Tür am Ende des Flures sich von alleine wieder schloss.
VIERZEHN
1.
Montagmorgen.
Steve saß hinter einem fleckigen, ramponierten Schreibtisch im Büro gleich neben dem Hof der Abteilung Landschaftspflege und verzog mürrisch das Gesicht. »Wenn es nach mir gegangen wäre, wärst du nicht wieder zurückgekommen«, sagte er. »Ich hätte dich am gleichen Tag rausgeschmissen, an dem du in den Knast gewandert bist. Und glaub mir - wenn du für irgendeine private Firma arbeiten würdest, wäre genau das geschehen.« Seine Stimme bebte vor Abscheu. »Aber wir sind hier nun mal ein staatlicher Verein. Und das bedeutet, dass jeder Loser auf diesem beschissenen Planeten sich am Trog sattfressen kann. Zumindest so lange, bis die Bosse eure Arbeitsplätze an Fremdfirmen vergeben.«
»Wenn du es so schlimm findest, warum arbeitest du dann eigentlich hier?«, fragte Hunt.
»Ich will hier keine markigen Sprüche hören! Ich muss dir vielleicht deinen alten Job zurückgeben, aber ich brauche mir nicht auch noch deine Aufsässigkeit gefallen zu lassen!« Der Chef der Abteilung Landschaftspflege warf Hunt einen finsteren Blick zu, worauf diese respektvoll schwieg. »Wie ich schon sagte, wird dir das Gehalt für die vier Tage abgezogen, die du nicht gearbeitet hast. Für diese Tage hast du deine Karte nicht abstempeln lassen können - wenn du also deinen Zeitplan in die Finger kriegst, dann trag die Fehltage ein, bevor du unterschreibst.«
Hunt hatte recht gehabt. Dass er festgenommen worden war, hatte sich unter sämtlichen Angestellten der Bezirksverwaltung wie ein Lauffeuer verbreitet. Einer von ihnen war ein Kinderschänder! Glücklicherweise glaubte das keiner von denen, die Hunt persönlich kannte: Niemand aus der Baumbeschnitt-Abteilung hatte diesen Vorwürfen Glauben geschenkt. Doch außerhalb dieses kleinen Kreises nahm der Glaube an Hunts Unschuld rapide ab, und zweifellos glaubte jeder bei den anderen Abteilungen der Landschaftspflege - wie auch die Mitarbeiter in den anderen Fachbereichen - fest an die alte Regeclass="underline" »Wo Rauch ist, da ist auch Feuer.« Folglich war Hunt schuldig. Und zu den Leuten, die ihn für schuldig hielten, gehörte auch Steve.