Beth brachte ihm das Abendessen an seinen Schreibtisch, und Hunt machte weiter. Als er schließlich nach Mitternacht seine Suche beendete - er hatte gerade mal ein paar Hundert Einträge überprüft -, hatte er keinen einzigen Hinweis auf die Insurance Group gefunden. Wie konnte so etwas möglich sein?
Doch Hunt war Hardware-Experte, kein Software-Spezialist, und er war schon versucht, einen seiner alten Bekannten aus Kalifornien anzurufen, einen Programmierer bei Boeing, um ihn zu fragen, wie man eine Suche so weit einschränken konnte, dass nur die Artikel aufgelistet wurden, in denen explizit »The Insurance Group« erwähnt wurde, ohne weitere Modifikatoren oder Qualifikatoren. Doch es war schon zu spät, um jetzt noch jemanden damit zu belästigen. Außerdem ahnte Hunt schon jetzt, dass auch dieser Versuch vergeblich sein würde, also ließ er es bleiben.
»The Insurance Group« ließ sich im Internet nicht finden. Und auch nicht im Telefonbuch.
Man konnte sie nur über ihren Versicherungsvertreter erreichen.
Hunt wusste nicht, woher er so sicher war, dass es stimmte. Aber er wusste es.
Und das machte ihm Angst.
2.
Als Steve von der Arbeit nach Hause kam, war er müde und wütend. Als er den Wagen auf die Auffahrt lenkte, begrüßten ihn die Überreste seines Hobbyraums, was ihn noch wütender machte. Er hatte bereits vor längerer Zeit die Trümmer weggeräumt und sich sogar schon daran gemacht, den Raum neu aufzubauen - soweit seine schwindenden Finanzen es ihm ermöglichten -, doch er war immer noch mehr als sechs Monate weiter zurück als damals, ehe das Gewitter ...
und die Männer mit den Hüten
... sein Werk zerstört hatten.
Er war jetzt mehr denn je überzeugt, dass dieser fanatische Versicherungsvertreter hinter der Zerstörung seines Anbaus steckte. Der Mann hatte es mit der alten Masche der energischen Verkaufstechnik versucht, um ihn dazu zu bringen, eine neue Immobilienversicherung abzuschließen, und als das nicht funktionierte, hatte dieser Psychopath ein paar Schlägertypen angeheuert, die mutwillig zerstört hatten, was Steve mit eigener Hände Arbeit aufzubauen so lange gebraucht hatte. Doch es gab nichts Geheimnisvolles an den Typen, die auf seinen Grund und Boden vorgedrungen waren. Sie waren bloß Handlanger des Vertreters gewesen und hatten die Dreckarbeit gemacht, für die man sie angeheuert hatte. Steve konnte sie nicht einmal dafür hassen.
Aber den Versicherungsvertreter hasste er.
Und sollte er diesen Mistkerl jemals wiedersehen, würde er ihm die Seele aus dem Leib prügeln. Oder vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, falls sich eine Gelegenheit dazu bot.
Doch der Versicherungsvertreter schien verschwunden zu sein. Nachdem der Anbau zerstört war, erfolgten keine weiteren Versuche mehr, die Steve dazu bewegen sollten, eine Immobilienversicherung abzuschließen. Keinerlei Anrufe, keine Reklamezettel, keine Überraschungsbesuche. Der Versicherungsvertreter war wie vom Erdboden verschluckt.
Ein Glück für ihn.
Im Haus war Nina gerade im Badezimmer und saß auf dem Klo. Sie hatte Steve eine Nachricht auf der Tafel über der Küchenzeile hinterlassen: Versicherungsvertreter anrufen. Steve stürmte den Flur hinunter und hämmerte gegen die Badezimmertür. »Was soll das heißen, Versicherungsvertreter anrufen?«
»Er hat am Mittag angerufen!«, rief Nina. »Er möchte, dass du ihn zurückrufst!«
»Wie denn? Hat er eine Nummer hinterlassen?«
»Schau dir die Post an! Liegt auf deinem Schreibtisch!«
Steve ging wieder den Flur hinunter und verschwand in seinem Arbeitszimmer. Auf dem Schreibtisch lagen aufgestapelt Postkarten und Briefe. Der Stapel war fast einen Meter hoch.
Seine Wut verebbte und wurde von einem anderen Gefühl verdrängt: Angst.
Der Versicherungsvertreter war wieder da.
Steve ging zum Schreibtisch und riss einen Briefumschlag nach dem anderen auf. Alle Umschläge enthielten die gleiche Broschüre über eine Immobilienversicherung. Alle Postkarten zeigten das gleiche Foto einer lächelnden Familie, die vor einem zweistöckigen Haus im Kolonialstil stand, und auf der Rückseite war eine Nachricht aufgedruckt - so gesetzt, als wäre sie handgeschrieben:
Rufen Sie an, um mehr zu erfahren! Quality Insurance 520-555-7734.
Plötzlich wollte Steve gar keine Gelegenheit mehr haben, den Vertreter zu verprügeln. Er wollte einfach nur, dass dieser Mann verschwand und ihn nie wieder belästigte.
Doch er griff nach dem Telefonhörer und wählte die Nummer.
»Hallo, Mr. Nash!« Der Vertreter war am Apparat, bevor es auch nur geklingelt hatte, und die Begeisterung, die in seiner Stimme lag, hatte etwas Unheimliches. »Sie haben meine Nachricht erhalten!«
»Ja«, sagte Steve.
»Dann hör mir mal genau zu, Arschgesicht.« Die Stimme klang auf einmal drei Oktaven tiefer. »Ich werde jetzt zu dir rüberkommen, und dann lege ich dir ein paar Versicherungspolicen vor, und du wirst jede einzelne unterschreiben. Hast du verstanden, du blöder Hund?«
Steves Mund war plötzlich staubtrocken.
»Hast du mich verstanden, du Drecksack?«
Steve nahm all seinen Mut zusammen. »Wenn Sie hierherkommen, puste ich Ihnen den Schädel weg!« Seine Stimme klang schriller, als er beabsichtigt hatte.
Der Vertreter lachte leise. »Das bedeutet wohl, dass Sie keine Versicherung abschließen wollen.«
»Nicht bei Ihnen.« Der Telefonhörer in Steves Hand zitterte.
»Viel Glück.«
Die Leitung war tot.
Am anderen Ende des Flures wurde die Badezimmertür geöffnet, und in der Stille des Hauses hörte Steve das letzte Zischen der Toilettenspülung. Steves Hand umklammerte immer noch den Telefonhörer, als Nina den Kopf durch die Tür steckte. »Was wollte er denn?«, fragte sie, und ihre Stimme klang beiläufig und unschuldig, ganz anders als ihr übliches, unerträgliches Gewinsel, sodass Steve sofort dachte, sie wisse ganz genau, worum es ginge - wahrscheinlich hatte sie sogar selber damit zu tun.
Am liebsten hätte er ihr den Telefonhörer über den Schädel gezogen; stattdessen knallte er ihn auf die Gabel. »Mach Abendessen!«, herrschte er sie an. »Und lass mich in Ruhe, verdammt!«
3.
»Aber es hat doch funktioniert!« Ynez ging vor dem Küchentisch auf und ab. »Hunt ist aus dem Knast, und der ganze Albtraum ist vorbei!«
»Der ist doch kein Flaschengeist«, gab Jorge zurück. »Er kann dir nicht jeden Wunsch erfüllen.«
»Nein, aber vielleicht können wir eine Versicherung abschließen, die ... ich weiß auch nicht ... die garantiert, dass unser Kind gesund zur Welt kommt.«
»Ich will den Kerl nicht anrufen«, wiederholte Jorge. »Wenn er zu uns kommt, na gut. Aber er soll selbst den ersten Schritt machen.«
»Er ist doch schon zu uns gekommen! Und du hast ihn abblitzen lassen!« Ynez ging vor ihm auf die Knie. »Ich möchte nicht, dass unserem Jungen etwas passiert!«
»Hast du mir nicht zugehört? Wir würden einen Handel mit dem Teufel abschließen, und dabei können wir nichts gewinnen! Was wir auch tun, wir sind diejenigen, die dabei verlieren werden. Wenn der Mann jetzt zu uns käme und uns bedrohen würde, okay, dann würde ich vielleicht nachgeben, allein schon wegen des Babys. Aber es wäre irrsinnig, jetzt nach dem Mann zu suchen!«
»Er war doch schon hier. Die Drohung hat er doch auch schon ausgesprochen. Und die müssen wir loswerden.«
Es klopfte an der Tür. Jorge seufzte und ging hinüber. Hinter ihm goss Ynez sich ein Glas Wasser ein.
Der Mann, der vor ihm auf der Veranda stand, war nicht sofort zu erkennen. Er war hochgewachsen und kräftig, mit scharf geschnittenen Gesichtszügen und vollem schwarzen Haar.