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Vor allem nach dem, was Ynez hatte erdulden müssen.

Das Telefon klingelte in dem Augenblick, als Beth sich ihr Mittagessen holen wollte, um es in ihrem Büro zu essen. Da hatte sie wenigstens ihre Ruhe und brauchte nicht das feindselige Schweigen oder die offen zur Schau gestellte Ablehnung ihrer Kollegen in der Kantine zu ertragen. Der Anruf lag auf Leitung drei, der Amtsleitung, und Beth griff nach dem Hörer. Sie hoffte inständig, es sei nicht Hunt, der ihr mitteilen wollte, dass irgendetwas Schlimmes passiert sei.

»Hallo«, sagte eine professionell klingende Stimme am anderen Ende der Leitung. »Könnte ich mit Beth Jackson sprechen?«

Innerlich atmete Beth erleichtert auf. Gott sei Dank war es nicht Hunt mit irgendeiner schlechten Nachricht. »Am Apparat«, antwortete sie dann.

»Hier spricht Rebecca, aus der Praxis von Dr. Moy. Wir hätten heute Nachmittag um zwei Uhr einen Termin frei, und den würde ich Ihnen gerne anbieten.«

Dr. Moy? Beth legte die Stirn in Falten. Wer war Dr. Moy? »Entschuldigung«, sagte sie. »Ich weiß nicht, wer Sie sind ...«

»Ich bin Rebecca. Aus der Praxis von Dr. Moy.«

»Ich kenne keinen Dr. Moy.«

Das schien der Frau extrem leidzutun. »Oh, bitte entschuldigen Sie. Ich bin davon ausgegangen, dass Ihre Versicherung Sie bereits informiert hat. Dr. Moy ist Ihr Kieferchirurg. Er wird Ihre Zähne ersetzen.«

»Mein Kieferchirurg ist Dr. Mirza«, gab Beth zurück.

»Sie wurden Dr. Moy zugewiesen«, sagte die Frau. »Ich glaube nicht, dass Dr. Mirza noch zum Plan gehört.«

Plan? Was für ein Plan?

Die Aussage hatte etwas Bedrohliches, und Beth betete stumm, dass sie zu viel in diesen Satz hineininterpretierte und dass es einfach nur bedeutete, Dr. Mirza nehme nicht an dem speziellen Versicherungsprogramm teil.

Plötzlich musste sie an Dr. Blackburn denken.

Möse zum Frühstück, Möse zum Lunch, Möse am Abend und nachts ein Snack.

Sie beschloss nachzuhaken. »Dr. Mirza gehört nicht zu welchem Plan?«, fragte sie.

»Oh, tut mir leid. Ich meinte Ihren neuen Versicherungsplan. Sie haben kürzlich Ihren Versicherungsträger gewechselt, deshalb wurden Sie Dr. Moy zugewiesen. Wie sieht es bei Ihnen mit zwei Uhr aus?«

Jemand ging an der Tür zu ihrem Büro vorbei, und Beth hob den Kopf, um zu sehen, wer es war. Ruben aus der Buchhaltung streckte ihr hämisch den Mittelfinger entgegen. Schnell schwenkte Beth den Sessel herum, sodass sie die Wand anschaute. Viel mehr Unfreundlichkeiten von den Kollegen konnte sie nicht ertragen. »Heute Nachmittag?«, fragte sie. »Das ist gut, das ist prima. Geben Sie mir nur bitte eine Beschreibung, wie man dorthin kommt ...«

Dr. Moys Praxis befand sich nicht in einer erweiterten Wohnstraße oder einem umgebauten Privathaus, sondern in einem brandneuen Ärzte/Zahnärzte-Komplex gleich westlich der Universität. Auf dem Hof vor dem Gebäude herrschte Gedränge, und als Beth das Wartezimmer des Kieferchirurgen betrat, saßen dort bereits drei weitere Patienten. Zwei von ihnen hielten sich die Wange, als hätten sie beträchtliche Schmerzen. Die Praxis hatte so wenig Ähnlichkeit mit der von Dr. Blackburn, wie es nur irgend möglich war, und doch ...

Und doch konnte Beth sich nicht entspannen. Vielleicht war das alles hier nur Fassade, Teil eines groß angelegten Betrugs, um sie zu täuschen und hierherzulocken. Genau wie die Einstellung ihrer Kollegen, sowohl die ihrer Freunde wie die ihrer Feinde. Alles erschien Beth jetzt verdächtig, alles schien ihr manipuliert, und sie hatte das Gefühl, dass auch diese Praxis hier zu dem Plan gehörte, sie immer mehr zu verunsichern.

Doch in Dr. Moys Praxis schien es tatsächlich wie bei einem normalen Zahnarzt zuzugehen, so wie Beth es aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte. Sie füllte ein Formular für neue Patienten aus und reichte der Sprechstundenhilfe ihren Führerschein, von dem sofort eine Kopie angefertigt wurde. Eine Versichertenkarte hatte Beth nicht, doch die Sprechstundenhilfe sagte ihr, sie brauche sich deswegen keine Sorgen zu machen; die Versicherungsgesellschaft habe angerufen, um für Beth diesen Termin und auch die Finanzierung zu arrangieren. Wahrscheinlich würde Beth die Karte in den nächsten Tagen per Post erhalten.

In Dr. Moys Praxis ging es nicht ganz so wild zu wie in Emergency Room, aber es herrschte geschäftiges Treiben. Als Beth in ein Behandlungszimmer geführt wurde, sah sie, dass sämtliche anderen Behandlungsräume der Praxis derzeit belegt waren. Dr. Moy selbst war ein älterer Asiate mit sehr ruhigem und beruhigendem Auftreten. Geduldig untersuchte er ihren Mund, betrachtete genauestens die Röntgenaufnahmen, die eine Assistentin erst vor wenigen Minuten angefertigt hatte, und erklärte Beth dann ausführlich, was er nun tun werde. Es war ein langer und komplizierter Eingriff, und es wäre sehr viel weniger schmerzhaft, erklärte er, wenn sie sich immer nur einen Quadranten nach dem anderen vornähmen. Aber wenn sie es wünschte, würde er alles auf einmal erledigen.

Beth sagte ihm, sie würde gern alles auf einmal behandelt haben; sie habe schon viel zu lange mit den silbernen Zähnen leben müssen. Daraufhin erklärte Dr. Moy, unter diesen Umständen müsse er sie unter Vollnarkose setzen, und Beth müsse eine zusätzliche Einverständniserklärung unterzeichnen.

Zehn Minuten später hatte sie das Formular ausgefüllt und unterschrieben. Man hatte Hunt angerufen und ihn gebeten, seine Frau in zwei Stunden bei der Praxis des Kieferchirurgen abzuholen, weil sie nicht in der Lage sein würde, selbst ein Fahrzeug zu lenken. Schließlich war Beth vorbereitet, und dann betäubte Dr. Moy sie. In den letzten Sekunden, ehe sie das Bewusstsein verlor, glaubte Beth zu hören, wie der Kieferchirurg leise das Wort »Möse« aussprach.

Irgendwann erwachte sie wieder und war völlig erschöpft. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das Bewusstsein verloren hatte; alles war nur noch ein verschwommenes Einerlei. Beth wusste nur, dass sie immer noch im gleichen Behandlungssessel des Zahnarztes saß und dass jetzt alles vorbei war. Sie war in dem kleinen Raum allein, und die Tür hinter ihr war geschlossen. Langsam setzte sie sich auf, tastete auf dem Tablett vor sich nach einem Spiegel, damit sie sich anschauen konnte, wie sie jetzt aussah. Doch sie fand lediglich einen winzigen Vergrößerungsspiegel mit langem Griff, fast wie eine Zahnbürste - die Sorte Spiegel, die ein Zahnarzt verwendete, um auch die hintere Seite der Zähne betrachten zu können. Beth griff danach, hielt ihn mehrere Handbreit weit vor ihr Gesicht und lächelte.

Ihre Lippen waren angeschwollen und blutig, und ihr Schädel hämmerte wie verrückt.

Aber ihre Zähne waren wieder weiß.

5.

»Ich hatte gestern Abend auch Besuch«, sagte Edward. Sie beschnitten gerade die Bäume entlang eines schmalen Reitpfades, der quer durch brachliegendes Land führte. »Euer Versicherungsvertreter. Der Dreckskerl hat versucht, mir eine ›Zusatzversicherung für die Unversehrtheit körperlich Arbeitenden anzudrehen. Als ob es so etwas überhaupt gäbe.«

Hunt und Jorge blickten einander schweigend an. »Du weißt, was das bedeutet«, sagte Jorge dann leise.

Er winkte ab. »Jetzt komm mir nicht mit so 'ner Scheiße!«

»Diese Versicherungen funktionieren«, gab Hunt zu bedenken. »Ich bin doch der leibhaftige Beweis dafür.«

Erneut winkte Edward nur ab, doch in Wirklichkeit fühlte er sich viel weniger sicher, als er sich anmerken ließ. Der Besuch des Versicherungsvertreters hatte ihn innerlich regelrecht erschüttert. Seine Freunde hatten recht. Irgendetwas an diesem Mann war wirklich zutiefst sonderbar, und das lag nicht nur an seiner Klinkenputzer-Routine, die er anscheinend in Stepford gelernt hatte. Unter der Fassade seines eher harmlosen Äußeren - so dicht, dass man es fast erkennen konnte - schlummerte irgendetwas Düsteres, Bedrohliches. Edward war kein religiöser Mensch und neigte wirklich nicht dazu, Begriffe wie »böse« oder »dämonisch« zu verwenden - aber das genau waren die Adjektive, die ihm sofort durch den Kopf gingen, wenn er an den Versicherungsvertreter dachte. Und er hatte all seinen Mut gebraucht, um diesen Dreckskerl aus dem Haus zu werfen.