»Ich sollte ihm hinterhergehen, wenn wir ihn das nächste Mal sehen«, schlug Hunt vor. »Mal sehen, wohin er geht. Ob nun nach Hause oder in sein Büro, auf jeden Fall würde ich dann wenigstens etwas über ihn erfahren.«
»Aber wenn er dich sieht? Wenn er dich erwischt?«, warf Beth besorgt ein. »Der Gedanke gefällt mir gar nicht.«
Die Wahrheit war, dass der Gedanke auch Hunt nicht gefiel. Und er konnte sich nur zu leicht vorstellen, dass sein Foto dann plötzlich zwischen den Akten all der anderen als vermisst gemeldeten Personen auftauchte - entführt und für alle Zeiten in den Kellerräumen eines labyrinthartigen Versicherungsgebäudes eingesperrt, gefesselt und gefoltert und schließlich zurückgelassen, weil man ihn für tot hielt. Oder, was noch wahrscheinlicher war: Hunt hätte plötzlich einen Unfall, der praktischerweise nicht durch seine zahlreichen Policen abgedeckt wäre.
»Vielleicht verschwindet der Kerl, wenn wir gar nicht reagieren«, schlug Beth vor. »Vielleicht nimmt er sich dann jemand anderen vor und lässt uns in Ruhe.«
So würde es nicht kommen, und das wussten beide.
Aber sie konnten ja immer noch hoffen.
Nach dem Essen fuhren sie zuerst zum Gartencenter, dann zu Barnes & Noble, wo Beth in aller Ruhe die Kochbuchabteilung durchstöberte, während Hunt sich mit CDs beschäftigte und in ein paar Alben hineinhörte.
Als sie zurückkehrten, wartete der Vertreter schon auf sie. Geduldig stand er auf der Veranda und lächelte, als sie den Wagen auf die Auffahrt lenkten.
Beth sah genau so verängstigt aus, wie Hunt sich fühlte, doch er nestelte an seinem Sicherheitsgurt und blickte daran herunter. »Steig noch nicht aus! Lass ihn warten! Mal sehen, wie lange er dieses Lächeln aufrechterhalten kann.«
Lange, wie sich herausstellte. Beth gab vor, irgendetwas in ihrer Handtasche zu suchen, Hunt drehte sich um und tat lange Zeit so, als suche er etwas auf der Rückbank, bevor er das Handschuhfach öffnete und dessen Inhalt durchwühlte. Und immer noch lächelte der Mann, ließ sich keinerlei Ungeduld anmerken. Bald fiel ihnen nichts mehr ein, womit sie sich hätten beschäftigen können, statt aus dem Wagen zu steigen. Und so öffneten sie, langsam und zögerlich, die Türen. Hunt ging zum Kofferraum und öffnete ihn. Verborgen durch die Kofferraumhaube, ließen sie sich sehr viel Zeit beim Ausräumen ihrer Einkäufe.
Und der Vertreter lächelte immer noch.
»Haben Sie über die Arbeitsplatzversicherung nachgedacht?«, fragte er, als Beth und Hunt schließlich gemächlich die Auffahrt heraufgeschlendert kamen. »Den Job zu verlieren, kann für ein Ehepaar hart sein, sehr hart. Unseren Erhebungen zufolge belastet etwas Derartiges eine Beziehung sogar mehr als Untreue.«
Weder Beth noch Hunt antwortete ihm.
»So etwas macht schönen Wochenenden, an denen man bummeln geht oder sich entspannt, ein schnelles und schmerzliches Ende. Wenn man arbeitslos ist, verbringt man das Wochenende nämlich damit, die Kleinanzeigen durchzugehen, und man bleibt zu Hause, um nicht Geld für Benzin und andere Luxusgüter auszugeben.« Leise lachte der Versicherungsvertreter. »Nein, in diese Lage möchte ich wirklich nicht geraten. Immer schön Geld in der Tasche und erwerbstätig. Nur so kann man das Leben genießen, was?«
Hunt ließ einen Sack Blumenerde vor das Beet fallen, trat auf die Veranda, stellte sich unmittelbar neben den Versicherungsvertreter und schaute ihm fest in die Augen. Sie waren beide gleich groß, wie Hunt jetzt zum ersten Mal feststellte; es war beinahe so, als würde man in den Zerrspiegel in einem Lachkabinett schauen und ein groteskes Abbild seiner selbst sehen. Die beiden Männer hatten eigentlich keine Ähnlichkeit und waren nur annähernd gleich groß, und doch schien es irgendeine nicht näher zu bezeichnende, unterschwellige Ähnlichkeit zu geben, sodass Hunt sich sehr unwohl in seiner Haut fühlte.
»Ich weiß, dass wir das bereits angesprochen hatten, aber ich hielt es für an der Zeit, eine Entscheidung zu fällen.« Der Vertreter grinste. »Darf ich Sie beide also für eine Arbeitsplatzversicherung vormerken?« Er stand praktisch schon auf den Zehenspitzen.
»Nein ...«, setzte Beth an.
»Wir hätten gerne noch mehr Informationen, ehe wir uns endgültig entscheiden«, unterbrach Hunt sie. »Haben Sie eine Ausfertigung der Police dabei, die wir uns einmal anschauen könnten?«
Einen Augenblick lang schien der Vertreter aus dem Konzept gebracht. »Ich habe keine Police dabei«, gab er zu. »Nur ein Antragsformular.«
Jetzt hab ich dich!
Hunt versuchte den Augenblick genüsslich in die Länge zu ziehen. »Na ja, vielleicht könnten Sie eine mitbringen, wenn Sie das nächste Mal vorbeischauen, sodass wir Gelegenheit haben, mal einen Blick hineinzuwerfen, und dann können wir uns ja darüber unterhalten.«
Offensichtlich war dem Versicherungsvertreter so etwas bisher noch nie untergekommen. Wenn das Spiel schon so lange lief, hätten die Kunden so niedergeschlagen sein müssen, dass sie brav das Geld für jede neue Versicherungsleistung abdrückten, die man ihnen anbot!
»Ich kann Ihnen sämtliche Fragen zu den Details der Policen gleich hier beantworten«, sagte der Vertreter. »Ich weiß alles, was man darüber wissen kann.«
»Wir hätten es lieber schriftlich«, meldete sich jetzt Beth zu Wort, die genau verstanden hatte, worum es hier ging. »Sie wissen ja, wie das ist.«
Die Miene des Vertreters verfinsterte sich. »Ja, ich weiß, wie es ist, wenn Leute plötzlich nicht mehr die Hypotheken für ihr Haus bezahlen können, weil sie entlassen wurden. Ich weiß, wie es ist, wenn Autos und Möbel gepfändet werden, weil kein Geld mehr hereinkommt und die Rechnungen nicht bezahlt werden können.« Er beugte sich ein wenig vor. »Manchmal passiert so etwas einfach.« Er schnippte mit den Fingern. »Die Laune eines Geschäftsführers oder eines unmittelbaren Vorgesetzten kann einer vielversprechenden Karriere ein abruptes Ende bereiten. Das habe ich schon oft erlebt, und ich möchte nicht, dass es auch Ihnen so ergeht.«
»Dann vielleicht das Antragsformular«, setzte Hunt nach. »Ist eine Beschreibung der zugehörigen Versicherung dabei, und was genau die umfasst?«
»Eine detaillierte Beschreibung«, ergänzte Beth.
»Ich kann Ihnen erzählen, was sie umfasst. Sie bietet einen garantierten Arbeitsplatz. Ihren derzeitigen Job mit Ihrem derzeitigen Gehalt zu den derzeit gültigen Bedingungen. Sie werden nicht heruntergestuft, entlassen oder von der Arbeit freigestellt, und ihre Stelle wird nicht gekürzt, gestrichen oder an externe Arbeitskräfte vergeben.«
»Es besteht aber auch nicht mehr die Möglichkeit eines beruflichen Aufstiegs?«, fragte Beth nach. »Ich säße für immer auf der gleichen Stelle fest?«
»Sie können jederzeit aufsteigen, aber Sie werden niemals absteigen. Garantiert.« Jetzt war er wieder ganz der Alte, und mit schmeichlerischer, gut einstudierter Kundenverbindlichkeit ging er detailliert auf die einzelnen Vertragsbedingungen und Klauseln der Versicherungsleistungen ein, wurde immer selbstsicherer und enthusiastischer, je länger er sprach, bis seine Augen funkelten und ein glückliches Lächeln auf seinen Lippen lag. »Ich würde diese Chance sofort ergreifen, wenn ich Sie wäre«, verriet er ihnen. »Im Vertrauen gesagt - diese Versicherung wird nur für eine begrenzte Zeit angeboten. Wie es bei derart speziellen Deckungskonzepten häufig der Fall ist, bieten wir diese Police nur einigen wenigen Kunden an. Sobald die Zielvorgabe der Abschlüsse erreicht ist, wird das Angebot beendet, und die betreffende Versicherungsleistung wird nicht mehr angeboten.
»Also ...«, er blickte von Hunt zu Beth und wieder zurück, »ich brauche Ihre Entscheidung jetzt.«
Hunt hatte keine Wahl, hatte keine weiteren Hinhaltetaktiken mehr parat, und so sagte er, auch wenn er es zutiefst verabscheute: »Ich nehme sie.«
»Und Mrs. Jackson ebenfalls, nehme ich doch wohl an?«