Hunt wusste nicht, ob Beth sich immer noch an ihren ursprünglichen Plan halten wollte - nach diesem effektiven und einschüchternden Sermon, den sie gerade über sich hatten ergehen lassen müssen. Doch Beth schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht«, sagte sie kühl.
Der Versicherungsvertreter schien sie nicht gehört zu haben. »Zwei Arbeitsplatzversicherungen für je zehn Dollar im Monat ...«
»Eine Police«, erklärte sie lauter. »Ich werde für mich keine abschließen. Mein Job ist sicher.«
Jetzt schlich sich ein Hauch von Verzweiflung in das Lächeln des Vertreters. »Wie ich Ihnen schon zu erklären versucht habe, kann sich so etwas jederzeit ändern.«
»Das Risiko gehe ich ein«, gab Beth zurück, und in dem Augenblick war Hunt so stolz auf sie, dass er hätte platzen können. Es war nur ein kleiner Sieg, aber immerhin ein Sieg, und er wurde dadurch noch viel süßer, dass sie dafür keinerlei Kompromisse hatten eingehen müssen. Er hatte nachgeben müssen, Beth aber nicht - und so lächerlich und schwülstig es klingen mochte, Hunt hatte das Gefühl, als hätten sie gerade einen boshaften, komplizierten und sorgsam ausgetüftelten Plan durchkreuzt.
»Das werden Sie bedauern«, sagte der Vertreter. Sein Tonfall war nonchalant, doch die tödliche Ernsthaftigkeit seiner Stimme war nicht zu überhören.
»Das glaube ich nicht. Übrigens ...«, fragte Beth, »wie heißen Sie eigentlich? Das steht nicht auf Ihrer Karte.«
»He, du! Jackson!«
Sie wurden von einem lauten Ruf aus dem Vorgarten des Nachbarn unterbrochen, und ihre Aufmerksamkeit galt mit einem Mal nicht mehr dem Versicherungsvertreter. Hunt blickte an Beth vorbei und starrte auf die Gestalt, die ihn mit rauer Stimme rief. Streitlustig stapfte Ed Brett durch den Vorgarten seines Grundstücks auf sie zu. Die Hände hatte er zu Fäusten geballt, und seine Miene verriet blanken Hass. An der Grenze seines Grundstücks blieb er stehen. »Perversling!«, schrie er und zeigte auf Hunt. »Ich will, dass du aus dieser Gegend verschwindest!«
»O Gott«, murmelte Hunt.
Das hatte Brett gehört. »Wage es ja nicht, den Namen des Herrn zu missbrauchen!« Er stapfte weiter, einfach in Beths Vorgarten hinein, bis er die Auffahrt erreicht hatte. Dort blieb er stehen und hämmerte mit der Faust auf die Motorhaube des Saab.
Zornig kam Hunt von der Veranda. »Runter von unserem Grundstück!«, rief er.
»Hunt!«, warnte Beth ihn.
»Was willst du denn dagegen machen, hä? Du bist doch nicht einmal Manns genug, mit einer richtigen Frau klarzukommen, deswegen musst du kleine Kinder befummeln! Und du glaubst, du kannst es mit mir aufnehmen? Das will ich doch mal sehen, Jackson!«
Oh Scheiße. War ja klar. Die Vorwürfe des Kindesmissbrauchs. Irgendwie hatte Brett davon erfahren. Hastig blickte Hunt die Straße auf und ab. Wie viele andere wussten noch davon? Wie viele von denen glaubten es?
»Und was willst du als Nächstes tun, hä? Willst du meine Jungen vernaschen? Ich will, dass du aus dieser Gegend verschwindest, Jackson. Du und deine Schlampe! Wir brauchen keine Perverslinge, die Tür an Tür mit uns wohnen.«
Hunt ging weiter auf ihn zu. Er war noch nie ein Mann gewesen, der sich gerne auf Körperkraft verließ, und seit der Grundschule hatte er sich mit niemandem mehr geprügelt, aber jetzt war er bereit, diesem Blödmann eine Tracht Prügel zu verpassen. »Ich habe nichts Unrechtes getan. Ich habe noch nie, noch nie ein Kind unsittlich berührt. Und wenn du noch einmal so über meine Frau sprichst, prügle ich dir die Scheiße aus dem Leib!«
Hunt sah, dass hinter Ed Brett dessen Frau durch den Vorgarten gehuscht kam. Aus dem Wohnzimmer heraus feuerten Bretts Bälger ihren Vater an. »Mach ihn kalt!«, schrie einer der beiden.
Hunt spürte, wie ihn etwas am Arm berührte, und hielt inne. Beth zupfte an seinem Ärmel. »Lass es gut sein«, sagte sie. »Das sind doch Volltrottel. Wen interessiert schon, was die denken?«
Bretts Gesicht war purpurrot. »Wen nennst du einen Volltrottel?«
»Ja!«, schrie seine Frau und stellte sich neben ihn. »Wir vergewaltigen keine Kinder!«
»Niemand ...«, setzte Hunt an, als Brett ihm plötzlich einen Stoß vor die Brust versetzte, sodass Hunt fast zu Boden gestürzt wäre. Sofort hatte er sich wieder gefangen, bereit, diesem Neandertaler ordentlich eine zu verpassen, doch Beth hielt ihn zurück. »Nein!«, rief sie. »Hör auf! Lass dich nicht reizen!«
»Brauchst du das kleine Frauchen, das dich beschützt, du Weichei?«
Beth wandte sich zu ihrem Nachbarn um. »Er ist viel mehr Mann, als du jemals sein wirst, du widerlicher Fettkloß!«
Sally Brett rannte auf sie zu. »Nimm das zurück, du Schlampe!«
Und schon waren die Frauen zugange. Sally Brett kämpfte wild wie ein Tier, fuchtelte mit den Armen, biss und trat um sich. Doch Beth war flinker und stärker, und sie duckte sich und schnellte zurück, wich aus und schlug zu.
»Ich kratz dir die Augen aus!«, kreischte Sally Brett.
Ihre Ehemänner rissen sie auseinander, Beth immer noch in Kampfposition. Sally Brett wehrte sich jetzt wie eine Straßenkatze gegen ihren Mann. »Niemand will euch hier in der Nachbarschaft haben«, sagte Ed Brett, als die beiden sich wieder auf ihr eigenes Grundstück zurückgezogen hatten. »Macht euch vom Acker!«
»Leck mich!«, rief Hunt und ging mit Beth zurück auf ihre Veranda.
»Unterzeichnen Sie hier«, sagte der Vertreter und hielt ihm einen Stift und ein Klemmbrett hin.
Wütend setzte Hunt seine Unterschrift auf das Papier, ohne es auch nur zu lesen.
»Übrigens gibt es einen Nachtrag zu Ihrer Immobilienversicherung, den wir die ›Gute-Nachbarschafts-Police‹ nennen«, sagte der Vertreter freundlich. »Ich weiß nicht, ob Sie das schon gelesen hatten. Aber ich werde dafür sorgen, dass dieser Zusatz in Kraft tritt.« Er lächelte sie an. »Einen schönen Tag noch.«
Mit fröhlichem Pfeifen schlenderte der Versicherungsvertreter über den Rasen zum Bürgersteig.
2.
Steve saß auf dem Firstbalken seines Anbaus und befestigte gerade den letzten Sparren. Die Sonne war fast schon untergegangen, und es war eigentlich schon zu dunkel für diese Arbeit, doch Steve war so gut wie fertig und wollte nichts unerledigt lassen, ehe er ins Bett ging. Er rutschte ein wenig weiter nach vorne und stemmte sich dann mit aller Kraft gegen den Schraubenschlüssel, um die nächste Schraube festzuziehen.
Irgendetwas unter ihm bewegte sich.
Beinahe hätte Steve den Schlüssel fallen lassen.
Seit dem letzten Telefonat mit dem Versicherungsvertreter hatte er so etwas erwartet.
Hast du mich verstanden, du Drecksack?
Doch auch wenn Steve glaubte, auf alles vorbereitet gewesen zu sein, wusste er jetzt doch, dass dem nicht so war, und die Furcht, die in ihm aufstieg, war tausendmal größer als während dieses Telefonats mit dem Versicherungsvertreter. Doch diese Angst war auch mit Zorn vermischt, und es war der Zorn, den er jetzt zu schüren versuchte; er konzentrierte sich darauf und versuchte ihn immer weiter anzuheizen.
Steve setzte sich auf, sah sich schnell im Hof um. Aus diesem Blickwinkel konnte er ebenso in seinen Anbau hineinschauen wie drei Seiten seines Hauses einsehen. Ein Mann mit Hut stand neben der verbliebenen Baumhälfte, und ein weiterer drückte sich in der Nähe des mit einer Plane abgedeckten Holzstapels herum. Was immer sich dort durch den Anbau selbst bewegt hatte, jetzt war es verschwunden, doch im matten, diffusen Licht der fast völlig erloschenen Sonne sah er eine Urinpfütze auf dem Sperrholzboden, und das reichte aus, um Steves Zorn überquellen zu lassen.
»Jetzt reicht's, ihr Dreckskerle!«, schrie er, stand auf und hob seinen Schraubenschlüssel. »Kommt schon!«
Das Firststück unter Steves Füßen brach. Er stürzte, und es war pures Glück, dass er sich so eben noch an der Kante des Daches festhalten konnte. Sein Unterleib krachte mit Wucht gegen die verputzte Wand, und Steve schrie auf vor Schmerz, doch er hielt sich weiter fest. Klappernd fiel sein Schraubenschlüssel auf den Sperrholzboden. Als Steve hinunterblickte, sah er, dass einer der Männer genau unter ihm stand - in der Hand einen Schraubenzieher.