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Aus den Schatten trat eine weitere Gestalt, die jetzt einen schweren Holzbalken schwang.

Sie wollten ihn umbringen!

Steve hatte keinen Zweifel. Diese Kerle arbeiteten für die Versicherungsgesellschaft, und sie waren geschickt worden, ihn dafür zu bestrafen, dass er bei ihrer Firma keine Police abgeschlossen hatte.

Steve lachte rau und scharf. Wer würde ihm so etwas glauben?

Plötzlich wurde die Tür zum Haus geöffnet. Ein immer größeres Dreieck aus fluoreszierendem Licht breitete sich über den Sperrholzboden aus, ließ die Urinpfütze schimmern, strahlte die Männer an. Nur dass sie gar nicht angestrahlt wurden: Sie blieben im Schatten, ihre Gesichter unsichtbar.

Nina stand im Eingang. Sie sah die dunklen Männer mit ihren primitiven Waffen, machte aber keine Anstalten, etwas zu unternehmen. Sie lief nicht davon, rief nicht um Hilfe, rannte nicht zum Telefon. Stattdessen schaute sie zu ihm hinauf, die Miene unergründlich, und stand regungslos da.

Ach, so lief das also! Es hätte ihn nicht überraschen sollen. Steves Griff wurde immer schwächer, und plötzlich stand rechts von ihm noch ein Mann, der einen Hammer in den Händen hielt. Steves ganzer Körper schmerzte höllisch. Er versuchte dennoch, sich mit den Beinen an irgendetwas festzuklammern, hoffte darauf, die Kraft, die ihm noch verblieben war, nutzen zu können, sich wieder aufs Dach hochzuziehen. Die können mich ja nicht einfach so umbringen!, schoss es ihm durch den Kopf. Die müssen schon dafür sorgen, dass es wie ein Unfall aussieht ...

Seine Finger krampften sich um die Dachkante, und Steve versuchte sich hochzuwuchten, die Füße gegen die Mauer zu stemmen und die Beine als Hebel einzusetzen ... doch er hatte einfach nicht genug Kraft. »Nina!«, stieß er hervor und verabscheute sich selbst dafür, so schwach zu sein.

Unter sich hörte er die Tür zuschlagen. Plötzlich war es im Anbau stockdunkel, und aus dem Innern des Hauses vernahm er hastige Schritte.

Natürlich! Nina holte Hilfe! Gerade eben war sie vor Angst und Entsetzen wie betäubt gewesen und nicht imstande, irgendetwas zu tun. Jetzt aber rief sie die Polizei! Mit frischer Kraft versuchte Steve erneut, sich hochzustemmen. Er spannte sämtliche Muskeln an, legte den Kopf in den Nacken, schaute zum Dach hinauf ...

Eine stämmige Gestalt mit einem dunklen Hut starrte ihn über die Kante hinweg an.

Und zum ersten und letzten Mal sah er das Gesicht des Mannes.

Und das Lächeln.

3.

Schon auf dem Weg zur Arbeit wusste Hunt, dass irgendetwas passieren würde. Er war fünf Minuten zu spät, doch bisher hatte noch kein Arbeitstrupp den Hof der Abteilung Landschaftspflege verlassen. Die Männer hatten sich noch nicht einmal in den üblichen Trupps gruppiert; Hunt sah nur eine einzige, wimmelnde Menschentraube aus Landschaftspflegern, die sich über die gesamte Fläche zwischen dem Lagerhaus, der Garage und dem Hoftor verteilten.

»Was ist denn?«, fragte er Jack Hardy, den er als Ersten traf.

»Steve«, sagte Hardy knapp. »Ist gestern Abend vom Dach gefallen und hat sich das Genick gebrochen. Chuck versucht gerade herauszufinden, ob er noch lebt. Bisher weiß das niemand.«

Arbeitsplatzversicherung.

Das konnte nicht sein.

Doch Hunt wusste, dass es sehr wohl sein konnte, und beklommen blickte er sich um, plötzlich von einem unerträglichen Schuldgefühl geplagt, gepaart mit Entsetzen. Er steckte bis zum Hals in der ganzen Sache. Wie das Kind aus den Gruselgeschichten, das mit einem Ouija-Brett spielt und das Tor für die Heerscharen der Hölle öffnete, hatte Hunt sich mit etwas eingelassen, das er nicht verstand, und statt sich nach und nach aus seinen Schwierigkeiten zu befreien, musste er feststellen, dass er sich tiefer und tiefer darin verstrickte.

Er war für den Tod von Kate Gifford verantwortlich, und jetzt vielleicht auch für Steves »Unfall«.

In der Menschenmenge suchte Hunt nach Jorge und sah, dass dieser auf der anderen Seite des Hofes neben der Zapfsäule gerade mit Mike Flory sprach. Hunt wollte dringend mit Jorge sprechen - aber nicht, solange Mike dabei war. Und so nickte er ihm nur zu und sagte: »Hallo.« Die drei unterhielten sich noch ein wenig, während sie auf Chucks neuesten Bericht warteten. Die einhellige Meinung war, Steve sei zwar ein Blödmann, aber so etwas habe er nun doch nicht verdient.

»Vielleicht überlebt er ja und kommt wieder auf die Beine. Aber er wird auf jeden Fall vorzeitig in Ruhestand gehen müssen, und dann kriegen wir einen neuen Abteilungsleiter, der sich vielleicht sogar wirklich für uns einsetzt«, sagte Mike hoffnungsvoll.

Jorge jedoch sagte gar nichts. Er wirkte unruhig und schien sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen, blickte sich immer wieder im Hof um, als suche er jemanden. Und jedes Mal, wenn Steves Name fiel, verfiel er in völlig untypisches Schweigen.

Unter dem Vorwand, Kaffee holen zu wollen, nahm Hunt ihn beiseite. Neben einem der Lastwagen blieben sie stehen, sodass man ihr Gespräch nicht belauschen konnte. »Du hast eine Arbeitsplatzversicherung abgeschlossen, nicht wahr?«

Jorge nickte, merklich erleichtert, endlich darüber sprechen zu können. »Ja!«

»Ich auch.«

»Und deswegen ...«

Hunt unterbrach ihn. »Ja. Ich glaub schon.«

Chuck Osterwald kam aus dem Verwaltungsbüro der Abteilung Landschaftspflege und hob die Hände, um die Menge zum Schweigen zu bringen. »Keine guten Nachrichten! Steve liegt im Koma!«, verkündete er. »Die wissen noch nicht, ob er durchkommen wird. Er hat einen Riss in der Milz, und eine Rippe hat die Lunge durchbohrt. Hinzu kommen innere Blutungen und ein schweres Schädeltrauma. Er ist schon operiert, aber selbst wenn er überleben sollte, wissen die Ärzte nicht, wie lange es dauert, bis er aus dem Koma erwacht - falls überhaupt. Len Rojas wird als kommissarischer Abteilungsleiter einspringen. Er hat aus der Stadt angerufen. Alle sollen in die Hufe kommen und sich an die Arbeit machen. Der Zeitplan für diese Woche bleibt unverändert. Was nächste Woche passiert, wird Len dann noch entscheiden. Los geht's!«

Die Arbeiter verteilten sich auf ihre Trupps und gingen zu ihren Einsatzfahrzeugen.

Jorge dachte einen Augenblick lang nach. »Steve war nicht der Einzige, der unsere Arbeitsplätze gefährdet hat«, sagte er leise.

»Ich weiß.«

»Andere wollten unsere Jobs an die Arbeiter von Fremdfirmen vergeben.«

»Ich weiß.«

»Aber der Aufsichtsrat ...«

Hunt blickte ihn an. »Ich weiß.«

Die Orgie war die Hauptmeldung in den Abendnachrichten.

Details wurden nicht bekannt, aber selbst der allgemeine Überblick war schon pikant genug, dass Reporter vor dem normalerweise ruhigen und architektonisch völlig uninteressanten Gebäude der Bezirksverwaltung Stellung bezogen hatten und atemlos von dem »Skandal, der diese Regierungseinrichtung bis in ihre Grundfesten erschütterte« berichteten. Die Meldung wurde um fünf Uhr gebracht, um sechs Uhr in den landesweiten Nachrichten und dann noch einmal um zehn Uhr.

Anscheinend hatte ein Praktikant von der University of Arizona in der letzten Nacht noch lange gearbeitet, um die Mitarbeiter des Büros, dem er zugeordnet war, mit seiner Sorgfalt und seinem Pflichtbewusstsein zu beeindrucken, und hatte die Tür zum Konferenzzimmer geöffnet - den Raum, in den man sich zurückzog, um ungestört diskutieren zu können. Dort hatte er die fünf Mitglieder des Aufsichtsrats vorgefunden, dazu noch zwei bisher nicht identifizierte Abteilungsleiter, die sich in einer »Orgie« ergingen, wie NBC und CBS es bezeichneten. ABC nannte es den »Sexclub nach Dienstschluss«, während Fox von »glühend heißen Sexkapaden« sprach.