Der Praktikant war geradewegs zum Leiter der Verwaltung gegangen, und dann zu seinen Eltern. Sämtliche Aufsichtsratsmitglieder hatten sofort Rücktrittsgesuche eingereicht, und noch vor Ende des Monats sollte eine außerordentliche Wahl stattfinden, um die Nachfolge zu bestimmen. Auch die in die »Orgie« verwickelten Abteilungsleiter waren zurückgetreten.
Hunt hatte das dumpfe Gefühl, dass diese beiden nicht identifizierten Herren sich für die Vergabe des Baumbeschnitts an Fremdfirmen eingesetzt hatten.
Jorge rief an, als Hunt und Beth gerade aßen, um ihnen die Einzelheiten zu berichten, die er von einem Freund aus der Verwaltung gehört hatte. Helen Butler, die einzige Frau im Aufsichtsrat, hatte auf dem Konferenztisch gelegen, als der Praktikant hereinspaziert war; alle drei ihrer Körperöffnungen waren gerade im Einsatz. Lee Spenser, ein ruppiger Ex-Marine, kauerte auf Händen und Knien auf dem Boden und ließ es sich von hinten besorgen, wobei Reynold Lopez ihm nur zu gerne diesen Gefallen tat. Und die beiden Abteilungsleiter waren tatsächlich diejenigen, die sich am stärksten für die externe Vergabe der Landschaftspflege im Allgemeinen und des Baumbeschnitts im Besonderen eingesetzt hatten. Einer der beiden beschäftigte gerade Helen Butlers Mund, während der andere alleine in einer Ecke saß und sich selbst einen Klistierschlauch einführte.
Hunt merkte, dass Jorge eine gewisse Freude daran hatte, dass diese Herren, die ihm so gerne den Job wegrationalisiert hätten, auf diese Weise ihre gerechte Strafe erhalten hatten. Hinzu kamen aber auch Entsetzen und Furcht - das Begreifen, dass das, was hier geschah, nicht nur alle Naturgesetze und Wahrscheinlichkeiten außer Kraft setzte, sondern auch sämtliche moralischen Grundwerte.
»Was passiert als Nächstes?«, fragte Jorge dann. »Oder war es das jetzt?«
»Hoffen wir 's«, sagte Hunt. »Hoffen wir 's.«
SECHZEHN
1.
»Jorge!«
Aufs Kissen gestützt, das er gegen das Kopfende gelegt hatte, war Jorge fast eingeschlafen, doch jetzt war er hellwach, sprang aus dem Bett und lief zum Bad, kaum dass er die Panik in der Stimme seiner Frau erkannt hatte.
Ynez hatte eigentlich duschen wollen; stattdessen saß sie nun nackt auf der Toilette, die Haut noch trocken, das Gesicht verzerrt. Zwischen ihren gespreizten Beinen hindurch konnte er Blut im Wasser erkennen. »Ogottogott«, sagte er dermaßen angespannt, dass die Worte zu einem einzigen verschmolzen. Mit einem Mal bekam er kaum noch Luft.
»Irgendwas stimmt nicht!« Ynez begann zu weinen. »Wir werden das Kind verlieren.«
»Nein, werden wir nicht! Bleib da!« Jorge lief ins Schlafzimmer zurück und durchwühlte den ungeordnet auf der Kommode abgelegten Tascheninhalt, bis er seine Brieftasche und die Versichertenkarte gefunden hatte. Dann griff er nach dem Telefon auf dem Nachttisch und wählte mit zitternden Fingern die Nummer, die für Notfälle auf die Rückseite der Karte aufgedruckt war. Dankenswerterweise musste er sich nicht erst noch mit einem automatisierten Annahmesystem herumschlagen, sondern war sofort mit einem atmenden, lebenden Menschen verbunden.
»Meine Frau blutet!«, schrie er ins Telefon. »Sie ist schwanger, und sie blutet! Was soll ich tun?«
Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang ruhig und gelassen. Es war die Stimme einer älteren Frau, die Derartiges schon erlebt hatte - und noch viel, viel Schlimmeres -, was in gewisser Weise beruhigend war. »Beruhigen Sie sich, Sir. Sagen Sie mir erst einmal, was passiert ist.«
Jorge konnte sich nicht beruhigen, konnte es nicht einmal versuchen, sondern sprudelte hervor, dass das Kind eigentlich erst in fünf Wochen erwartet wurde und Ynez plötzlich Blutungen hatte.
»Hat sie auch Krämpfe?«, fragte die Frau.
»Das weiß ich nicht!« Noch nie hatte Jorge sich so hilflos gefühlt.
»Fahren Sie sofort ins Krankenhaus«, wies die Frau ihn an. »Nehmen Sie Ihre Versichertenkarte mit, und gehen Sie gleich in die Entbindungsstation.«
»Werden wir das Kind verlieren?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Sir. Aber in der Entbindungsstation wird man wissen, was zu tun ist. So etwas ist dort alltäglich.«
Doch er wollte mehr als das hören, mehr als ein »Das ist ganz normal, so was passiert immer wieder, alles wird gut«, doch offensichtlich würde er das nicht bekommen, und Jorge hatte nicht die Zeit, jetzt erst dämliche Fragen zu beantworten. Also legte er auf und rannte zurück ins Badezimmer. Ynez war schon fast angezogen. Jorge streifte hastig eine Jeans und ein T-Shirt über und griff nach seiner Brieftasche und den Schlüsseln. »Die haben gesagt, wir sollen sofort ins Krankenhaus fahren.«
»Was ist mit dem Baby? Was sagen sie dazu?«
Jorge beschloss, es nicht schönzufärben. »Die Frau, mit der ich gesprochen habe, hat gesagt, sie weiß es nicht. Sie sagte nur, wir sollten sofort zur Entbindungsstation fahren.«
»O Gott!« Ynez schluchzte wieder. »Warum muss das uns passieren?«
Weil wir weitere Versicherungen brauchen, dachte Jorge verrückterweise, wagte es aber nicht, den Gedanken auszusprechen.
Die Fahrt kam ihnen endlos vor. Ein Dutzend Mal und mehr hatten sie die Strecke geübt, hatten jede mögliche Route ausprobiert, bis sie die kürzeste gefunden hatten, doch dieses Mal sprang auf dem Weg zum Krankenhaus fast jede Ampel auf Rot. Ynez, die auf dem Beifahrersitz saß, stöhnte und schluchzte abwechselnd, und Jorge fragte sie immer wieder, ob sie Schmerzen hätte oder ob es schlimmer würde. Doch seine Frau schrie nur: »Nein! Fahr weiter!«
Es war spät, und Jorge wusste nicht, ob der Haupteingang des Krankenhauses noch geöffnet sein würde, also fuhr er zum Eingang der Notaufnahme und stellte den Wagen auf einem der Zwanzig-Minuten-Parkplätze gleich neben der Tür ab. Ynez hatte eine extra saugfähige Binde in ihren Slip gelegt, doch schon jetzt war sie völlig durchgeweicht, und als Ynez ausstieg, konnte Jorge nur zu deutlich einen dunklen Fleck in ihrem Schritt erkennen.
Er versuchte, nicht in Panik zu verfallen, hielt Ynez am Arm und eilte mit ihr durch die Tür. Der kleine Warteraum war fast leer. In einer Ecke, unter einem an der Wand befestigten Fernseher, saß, in einen schäbigen braunen Mantel gehüllt, ein verdreckter Mann, der anscheinend völlig betrunken war. In der gegenüberliegenden Ecke, so weit weg wie nur möglich, saß ein besorgtes junges Pärchen neben seinem blassen, lethargischen Sohn.
Jorge führte Ynez geradewegs zum Fenster der Annahme. Hinter der dicken Glasscheibe saß eine übergewichtige Krankenschwester vor einem Computer und tippte. Als die beiden näher kamen, blickte sie auf. Auf ihrem Namensschild stand »F. Hamlin«. Die Schwester fragte: »Kann ich Ihnen helfen?«
»Meine Frau ist schwanger, und sie blutet!«, platzte Jorge heraus.
Ynez umklammerte seinen Arm fester, als würde sie jeden Augenblick umfallen. »Das Baby soll erst in fünf Wochen kommen.«
Eine Metallschublade unter der dicken Glasscheibe wurde herausgeschoben wie bei einem Bankschalter. »Darf ich Ihre Versichertenkarte sehen?«
»Meine Frau blutet! Sie braucht einen Arzt! Jetzt!« Doch noch während Jorge sich beschwerte, zückte er seine Brieftasche, griff nach der Versichertenkarte und ließ sie in die Schublade fallen.
Die Schublade wurde eingezogen. Auf der anderen Seite der Glasscheibe griff die Krankenschwester danach, schaute sie sich an, gab ein paar Zahlen in den Computer ein und schaute die beiden dann an. »Es tut mir leid«, sagte sie knapp. Die Schublade kam wieder heraus, darin lag die Versichertenkarte. »Im Desert Regional können wir Sie nicht aufnehmen.«
»Was?«
Ynez begann wieder zu schluchzen und hielt sich den Unterleib. »Das kann doch nicht sein!«