»Wir sind bei diesem Krankenhaus vorangemeldet!«, schrie Jorge die Krankenschwester an. »Genau hierhin sollten wir kommen!«
»Es tut mir leid, aber Ihr Versicherungsträger hat gewechselt.«
»Was zum Teufel soll das heißen?«
»Das soll heißen, dass Sie zum Waltzer Community Hospital müssen. Wir können Sie hier nicht aufnehmen.«
»Wir haben hier in den letzten zwei Monaten die Lamaze-Kurse mitgemacht! Wir haben uns doch erst letzte Woche die Entbindungsstation angesehen!«
»Ihre Krankenversicherung wird von Desert Regional nicht mehr akzeptiert. Wenn Sie einem Versorgungsmodell mit freier Krankenhauswahl angehören würden, dann ...«
»Das ... also ...« Jorge war nicht mehr imstande, einen ganzen Satz zusammenzubringen. »Das hier ist die Notaufnahme. Sie müssen uns reinlassen! Wir haben eine Notfallversicherung. Das steht alles auf der Karte.«
»Wir können nicht ...«
Jorge zog Ynez ein Stück weit von der Glasscheibe zurück und deutete auf den immer größeren Fleck auf ihrer Jeans, sodass die Schwester ihn sehen konnte. »Sie blutet!«
»Wir können sie hier nicht aufnehmen.«
Jorge musste an die Muttergottes denken, die Jesus in einem Stall hatte zur Welt bringen müssen.
So lebten also die anderen, die Unterprivilegierten. Die Unversicherten.
Ynez weinte jetzt hemmungslos, und Jorge war so wütend und frustriert, dass er selbst kurz davor stand, in Tränen auszubrechen. Am liebsten hätte er einen der Stühle aus dem Warteraum genommen, hätte die verdammte Glasscheibe eingeschlagen und das Miststück erwürgt. Er zitterte am ganzen Leib, so heftig waren die Emotionen, die in seinem Innern tobten, doch als er den Mund wieder öffnete, brachte er nur ein einziges, flehentliches Wort heraus: »Bitte ...«
Die Krankenschwester wurde zugänglicher, und zum ersten Mal konnte Jorge sehen, dass sie ein Mensch aus Fleisch und Blut war, der hier lediglich seine Aufgabe verrichtete. »Ich rufe einen Krankenwagen«, sagte sie zu Jorge. Sie sprach sehr leise, und Jorge hatte den Eindruck, als täte die Schwester gerade etwas, das sie eigentlich nicht hätte tun dürfen. »Die werden Sie zum Waltzer-Krankenhaus fahren.«
Sofort tat ihm leid, was ihm eben noch durch den Kopf gegangen war. Es war ja nicht die Schuld dieser Frau. Sie machte auch nur ihre Arbeit, tat nur das, was man ihr auftrug. Sie war nur ein kleines Rädchen in der Maschine. Es war die Maschine selbst, die hier die Schuld hatte. Das System.
»Danke«, sagte er nur.
Neben ihm begann Ynez zu wimmern.
»Gehen Sie durch den Ausgang und dann nach rechts. Der Krankenwagen wird jeden Moment hier sein.«
Jorge nickte.
»Das wird schon wieder«, sagte die Krankenschwester zu Ynez. »Mit Ihrem Baby wird alles gut.«
Jorge wusste nicht, ob sie aus Erfahrung sprach, ob sie überhaupt Ahnung davon hatte oder ob sie das nur sagte, damit sie beide sich besser fühlten - und zumindest Jorge fühlte sich jetzt tatsächlich etwas besser. Er führte Ynez zur Tür. Einen Augenblick später kam auch schon der Krankenwagen um die Ecke des Gebäudes gefahren. Zwei Sanitäter öffneten die Hecktür. »Möchten Sie eine Trage?«, fragte der ältere der beiden.
Ynez schüttelte den Kopf.
»Da hinten sind auch Bänke. Schnallen Sie sich an, und halten Sie sich fest. Wir bringen Sie zum Waltzer-Krankenhaus.«
»Sind Sie Rettungssanitäter?«, fragte Jorge. »Meine Frau blutet. Können Sie kurz nachsehen, ob ... ob alles in Ordnung ist?«
»Tut mir leid, Sir.«
Die Hecktür wurde wieder geschlossen, und sie waren allein, als die beiden Sanitäter zur Fahrerkabine des Krankenwagens eilten. Die Warnleuchten und die Sirene wurden eingeschaltet, und dann jagten sie auch schon los. Durch das Heckfenster sah Jorge seinen Wagen, der immer noch auf dem Zwanzig-Minuten-Parkplatz stand, und fragte sich, ob er sich wohl einen Strafzettel einfangen würde. Oder wie sie wieder zurückkommen sollten.
Kleinigkeiten, sagte er sich dann. Das konnten sie sich später immer noch überlegen. Jetzt war erst einmal wichtig, dass sie so schnell wie möglich zu diesem Krankenhaus kamen und dafür sorgten, dass das Kind gesund und ohne Komplikationen zur Welt kam.
Der Krankenwagen jagte durch die Straßen der Stadt, überfuhr mindestens zwei rote Ampeln, und in bemerkenswert kurzer Zeit erreichten sie ihr Ziel. Jorge hatte keine Ahnung, wo dieses Krankenhaus lag - der Blick durch die Heckscheibe des Rettungswagens verwirrte ihn nur -, doch als die Sanitäter die Hecktüren öffneten, stellte er dankbar fest, dass sie genau vor dem Eingang der Notaufnahme standen und bereits ein Pfleger mit einem Rollstuhl angelaufen kam, um Ynez hineinzubringen.
Gemeinsam mit dem Pfleger half Jorge ihr in der Rollstuhl, und zu dritt eilten sie durch die seufzenden Schiebetüren des Krankenhauses, geradewegs in die Notaufnahme. Entweder hatte die Krankenschwester von der Aufnahme des Desert Regional Hospital bereits hier angerufen, oder einer der Sanitäter aus dem Rettungswagen hatte Ynez über Funk angekündigt und die Lage geschildert, denn als der Pfleger den Rollstuhl in die Notaufnahme schob, öffneten sich schon die Türen eines weiteren Ganges. Als Jorge sich erkundigte, wohin sie denn nun gebracht würden, erklärte der Pfleger, Ynez käme in die Entbindungsstation.
Ynez stieß einen schrillen Schrei aus.
»Was ist?« Jorge war verängstigter, als er es sich jemals hätte vorstellen können.
»Ich glaube, das war eine Wehe!«
»Das ist gut«, sagte der Pfleger. »Das bedeutet, dass alles so läuft, wie es sollte.«
Ynez begann mit Lamaze-Atemübungen, während sie zügig weiterliefen. Mit einem Mal überlief es Jorge eiskalt. Er mochte dieses Krankenhaus nicht. Die Flure wirkten zu finster, und obwohl es mitten in der Nacht war, erschien das Gebäude viel leerer, als er erwartet hätte. Sie kamen an mehreren Zimmern vorbei, die tatsächlich völlig leer zu sein schienen - nicht einmal ein Bett stand darin -, und in fast allen Räumen, in denen medizinische Geräte zu sehen waren, fehlten die Patienten.
Die Entbindungsstation war in einem Halbkreis eingerichtet, wobei das Schwesternpult die Nabe bildete, während die einzelnen Räume wie Speichen davon abgingen. Hinter der halbrunden Theke standen drei Krankenschwestern: eine hagere Schwarze, die Daten von einer Reihe elektronischer Displays aufschrieb, und zwei übergewichtige weiße Frauen, die sich mit gedämpfter Stimme unterhielten.
Der Pfleger stellte den Rollstuhl vor der Theke ab, klopfte zweimal auf die Arbeitsfläche der Theke und lief dann winkend weiter den Gang hinunter. »Sie gehört ganz Ihnen, die Damen!«
Erneut stieß Ynez einen spitzen Schrei aus und keuchte vor Schmerz.
Eine der übergewichtigen Frauen kam zu ihr. »Machen Sie sich keine Sorgen, es wird alles gut. Wir haben für Sie schon ein Zimmer vorbereitet, Schätzchen.« Geschickt half sie Ynez dabei, aus dem Rollstuhl aufzustehen, führte sie in einen der leeren Räume und legte im Vorbeigehen den Lichtschalter um.
»Was ist das denn hier für ein Krankenhaus?«, fragte Jorge, während er sich umschaute. Der Raum war wie ein Kleinkinder-Schlafzimmer eingerichtet, in leuchtenden Farben. An die Wände waren Clowns gemalt ... nur dass diese Clowns hasserfüllt und bösartig wirkten. Gekrümmte, buschige Brauen verliehen den tiefliegenden Augen, die auf das Bett starrten, in dem Ynez ihr Kind zur Welt bringen sollte, etwas Boshaftes. Gemalte Münder grinsten verzerrt.
»Alle unsere Entbindungsräume sind wie Säuglingsstationen eingerichtet. Wir wollen, dass sich sowohl die Mutter als auch das Kind sofort hier wohlfühlen, und wir versuchen, es zu einem Zuhause für sie zu machen, so gut wir können.«
Wohlfühlen? Zuhause? Diese Begriffe waren wirklich das Letzte, was Jorge durch den Kopf ging, als er sich umschaute.
Aber vielleicht nahm er alles ja irgendwie verzerrt wahr. Vielleicht bildete er sich das alles nur ein.