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Aber nein. Er sah ja den Gesichtsausdruck seiner Frau ... und er wusste, dass sie das alles genau so wahrnahm wie er selbst.

Nun blickte Jorge zu dem fetten Clown neben der Badezimmertür hinüber, einem weißgesichtigen Dämon, der zwischen übergroßen Zähnen eine gespaltene Zunge herausstreckte.

Jorge lief es eiskalt über den Rücken. Sie waren hier, weil sie nicht genügend Zusatzversicherungen abgeschlossen hatten. Hatte der Vertreter nicht genau das gesagt? Dass zusätzliche Versicherungsleistungen erforderlich werden könnten - gegen beträchtliche zusätzliche Kosten?

Die Krankenschwester half Ynez aus ihrer Kleidung, wischte mit einem feuchten Schwamm das Blut fort, legte ihr ein Krankenhaus-Nachthemd an und half ihr dabei, sich in das Bett zu legen. Sie untersuchte sie flüchtig und verkündete dann, Ynez' Muttermund habe sich bereits um drei Zentimeter geweitet, und das Baby werde in dieser Nacht zur Welt kommen.

Ynez umklammerte den Arm der Schwester. »Aber was ist mit dem vielen Blut?«

»Das ist gar nicht so ungewöhnlich, wie es Ihnen vielleicht erscheint. Der Doktor wird aber gleich hier sein, und er wird Sie ausgiebig untersuchen. Dann wissen wir mehr.«

Die Schwester verließ das Zimmer. Jorge und Ynez waren allein. Wie überall im Krankenhaus war auch hier das Licht gedämpft. Jorge wusste, dass man in allen Krankenhäusern so verfuhr, um wenigstens das Gefühl von »Nacht« zu erzeugen, weil die Patienten sich dann wohler fühlten, doch es machte ihn unruhig und sorgte dafür, dass er sich noch unbehaglicher fühlte.

»Mir gefällt das nicht«, sagte Ynez mit schwacher Stimme. »Das ... das fühlt sich irgendwie nicht richtig an.«

»Hast du Schmerzen?«

»Nein. Ich meine das ganze Krankenhaus hier ... wie sie sich hier verhalten ... einfach alles. Niemanden scheint es zu interessieren, dass ich blute. Ich hätte schon in der Notaufnahme von einem Arzt untersucht werden müssen, nicht einfach nur hierhingelegt ...« Mitten im Satz brach sie ab, verzog vor Schmerzen das Gesicht.

»Verdammt!«, stieß Jorge aus. »Wo sind denn die Geräte, die dich überwachen sollten? Ich hole die Schwester ...«

Die massige Gestalt der Schwester füllte plötzlich den Türrahmen aus. »Der Doktor ist jetzt für Sie da«, verkündete sie und trat einen Schritt zur Seite.

Und den Raum betrat ein hochgewachsener Mann in einem schwarzen Arztkittel, der die Maske einer wahnsinnigen, lachenden Putte vor dem Gesicht trug.

Ynez begann zu schreien.

»Was geht hier vor?«, wollte Jorge wissen. »Was zum Teufel soll das?«

»Halt die Fresse!«, herrschte ihn der Arzt unter der Maske an. Seine Stimme war hoch und schrill.

Das ist die Stimme von einem dieser Clowns, dachte Jorge, und die bloße Vorstellung jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Er packte Ynez am Arm und half ihr, sich aufzusetzen. »Komm, wir verschwinden hier. Wir gehen in ein anderes Krankenhaus.«

»Sie werden nirgendwo hingehen!«, widersprach der Doktor.

Irgendwie, während Jorge nicht aufgepasst hatte, waren zwei stämmige Pfleger ins Zimmer gekommen, doch sie trugen weder die Kleidung von Pflegern noch Arztkittel, sondern lange Mäntel und altmodische Hüte mit breiter Krempe. Der Schädel mit der Maske nickte, und die beiden packten Jorges Arme und hielten ihn fest.

»Loslassen!«, rief er.

»Stellt ihn ruhig«, sagte der Arzt mit seiner irren Stimme. »Er ist hysterisch.« Mit einem Ruck wurde Jorges Ärmel hochgeschoben. Er spürte die Feuchtigkeit von Alkohol auf der Haut ... und dann den Schmerz einer Nadel im Unterarm.

Die drei Krankenschwestern kamen wieder ins Zimmer, und die Hagere machte sich daran, eine Reihe bedrohlich aussehender medizinischer Instrumente auf ein Metalltablett am Fußende des Bettes zu legen. Ynez schrie und wollte fliehen, versuchte instinktiv, ihr noch ungeborenes Baby zu schützen. Die beiden übergewichtigen Schwestern packten sie und schnallten sie am Bett fest, während der maskierte Arzt Ynez' Beine spreizte und in Bügeln befestigte.

Jorge wollte ihr helfen, wollte sie retten, wollte sie beide aus diesem Krankenhaus des Wahnsinns befreien, diesem grotesken Lachkabinett, doch seine Muskeln waren erschlafft. Hätten die Pfleger ihn nicht festgehalten, er wäre zusammengesunken. Er konnte nicht einmal den Mund bewegen.

Aber er konnte sehen.

Oh ja, er konnte sehen.

Und Stunden später, lange nachdem man ihn auf einem Stuhl abgelegt hatte, der vor dem Bett stand, nachdem Ynez vor Schmerzen das Bewusstsein verloren hatte und nicht mehr schreien konnte, während die Krankenschwestern das Blut fortwischten und die Instrumente wegräumten, kam der Arzt mit einem Bündel auf dem Arm ins Zimmer. Wie betäubt starrte Jorge den blutverschmierten schwarzen Kittel an; dann schaute er zu der Maske mit dem lachenden Puttenmund auf. Der Arzt streckte ihm das Bündel entgegen und zeigte Jorge das Baby, das schrie und trat und mit den Ärmchen wedelte. Blut strömte aus einer klaffenden Wunde zwischen den Beinen, wo dem Kind der Penis abgetrennt worden war.

»Es ist ein Mädchen«, sagte der Arzt.

2.

Nach der Geburt seines Kindes war Jorge nicht mehr der Alte. Er redete nicht viel über das Kind, und wenn er es doch einmal tat, schwang in seiner Stimme eine ruhelose Trauer mit. Auch Zorn, aber den drückte er nicht aus. Aus Jorge, dem sorglosen, unbeschwerten Spaßvogel, war ein düsterer und gequälter Mann geworden, der nur selten redete, es sei denn, man sprach ihn unmittelbar an - und manchmal schwieg er sogar dann.

Es war die größte Schlagzeile in der Zeitung gewesen, und sämtliche lokalen Fernsehsender hatten mehrere Tage lang darüber berichtet. Polizei und Sonderermittler sprachen mit jedem, der mit Jorge und Ynez in Kontakt gekommen sein könnte, verhörten Männer und Frauen aus allen Arbeitsschichten, doch nirgends fand sich eine Spur von »F. Hamlin« - der Krankenschwester, die am Empfang gesessen hatte - noch von den beiden Sanitätern, die Ynez und Jorge zu dem anderen Krankenhaus gefahren hatten. Das Waltzer Community Hospital schien gar nicht zu existieren. Die Behörden fanden keine Aufzeichnungen darüber, und unter den Ärzten gab es niemanden, der von diesem Krankenhaus jemals gehört hatte.

Nach und nach veränderte sich deutlich der Tonfall der zahllosen Artikel und Fernsehmeldungen: Aus Empörung wurde zynischer Unglaube - und letztendlich war Jorges Glaubwürdigkeit völlig ruiniert. Gerüchte machten die Runde, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Jorge und Ynez wegen der Verstümmelung ihres Neugeborenen und zahlreicher anderer Straftaten vor Gericht gestellt würden.

Hunt und Edward glaubten ihren Freunden selbstverständlich. Ebenso Beth, Joel und Stacy. Die meisten anderen Kollegen aus dem Baumbeschnitt waren ebenfalls auf Jorges Seite. Nur Len - der vielleicht ein bisschen zu viel Wert darauf legte, nicht nur Steves Posten, sondern auch dessen Rolle zu übernehmen - ließ sich kein Mitleid anmerken.

Eine Woche, nachdem Jorge wieder mit der Arbeit angefangen hatte, erschien er am Morgen nicht im Hof der Landschaftspflegeabteilung. Hunt, der gerade seinen Morgenkaffee trank, wurde über Lautsprecher ausgerufen und zu Len ins Büro bestellt. Jorge sei aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt, erklärte Len, und Hunt werde einem anderen Trupp zugeteilt. Bis auf Weiteres werde er mit Mike Flory zusammenarbeiten. Nachdem Edward nun arbeitsunfähig war und Jorge aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt, fehlte es an Arbeitskräften, also musste Hunt mit Mikes Drei-Mann-Trupp zusammen zwei Trupps zu zwei Mann bilden.

Jorge - aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt.

Hatte Jorge dafür eine Zusatzversicherung abgeschlossen?

Hunt versuchte, seinen Freund anzurufen, doch Jorge schien den Hörer neben die Gabel gelegt zu haben. Als Hunt zum Haus der Marquez fuhr, öffnete ihm dort niemand die Tür.

»Lass ihnen einfach ein bisschen Ruhe«, sagte Beth ihm. »Gib ihnen Zeit.«