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Wie hat der Brand wohl angefangen?, fragte er sich. Mit falsch verlegten Stromkabeln? Mit einem Kurzschluss in irgendeinem Haushaltsgerät? Hatte Ed Brett im Bett vielleicht geraucht? Hunt war sicher, dass es einen vernünftigen Grund dafür gab, einen erkennbaren und nachvollziehbaren Grund. Gleichzeitig kannte Hunt den wahren Grund für diese Feuersbrunst - und darauf würde kein Polizist kommen, in einer Million Jahre nicht.

Die »Gute-Nachbarschafts-Police«.

Über sein Kopfkissen hinweg schaute er Beth an, die ebenso wie er schweigend die Szenerie auf der anderen Seite des Schlafzimmerfensters betrachtete. Sie erwiderte seinen Blick. Keiner von ihnen sagte ein Wort.

2.

Ich schlitz dir die Kehle auf, du miese alte Schlampe!

Beth las den Brief, dann zerriss sie ihn und warf ihn fort. Sie war wütend und verängstigt zugleich. Schon seit einigen Wochen erhielten sie Drohbriefe, auch wenn sie Hunt bis jetzt noch nichts davon gesagt hatte, dass sie derartige Briefe mittlerweile auch auf der Arbeit erhielt. Und die waren noch erschreckender, noch bösartiger. In einem dieser Schreiben hatte man ihr angedroht, sie mit einer Gurke zu vergewaltigen und sie diese Gurke dann essen zu lassen, »damit du mal zu schmecken kriegst, wie es ist, vergewaltigt zu werden«. In einem anderen Brief hatte man ihr versprochen, sie auszuweiden und ihre Eingeweide den Schweinen zum Fraß vorwerfen.

Sie dachte an den Brief, den sie gerade eben zerrissen hatte. Er war per Post gekommen, natürlich ohne Absender; er war nicht über die Hauspost zugestellt worden. Dass das Wort »Schlampe« falsch geschrieben war, erschien Beth allerdings sonderbar, und auch wenn sie keine Profilerin war, sondern nur im Fernsehen solche Fälle verfolgte, glaubte sie, dass dieser Fehler ein bewusster Versuch des Briefeschreibers war, sie zu der Vermutung zu verleiten, den Drohbrief habe jemand abgefasst, der weniger gebildet sei.

Und das bedeutete, dass es wahrscheinlich einer ihrer Kollegen hier war.

All den Briefen lag die Annahme zugrunde, Beth würde Kindesmissbrauch gutheißen und ihm Vorschub leisten, weil sie zu ihrem Ehemann stand. Die Schreiben, die sie zu Hause erreichten, richteten sich fast alle gegen Hunt: In der Mehrzahl waren es Morddrohungen, teilweise mit ziemlich bildhaften Beschreibungen von Folterungen und sexuellen Verstümmelungen. Weder Hunt noch Beth hatten eine Vorstellung, warum diese Briefe jetzt plötzlich eintrafen, doch sie waren sich ziemlich sicher, dass radikale Kinderschutzgruppen sie zum Ziel einer Brief- und E-Mail-Kampagne erkoren hatten.

Es würde sie nicht überraschen, wenn sie herausfänden, dass der Versicherungsvertreter oder seine Gesellschaft dahintersteckten.

Vielleicht würde man ihnen ja bald eine Postversicherung anbieten ...

Und eine E-Mail-Versicherung.

Es war erstaunlich, wie rasch ihre Wahrnehmung der Welt sich geändert hatte, wie schnell Hunt und sie sich daran gewöhnt hatten, dass es darin Platz gab für eine allmächtige Versicherungsgesellschaft. Derzeit gab es nur wenig in ihrem Leben, das nicht irgendwie mit Versicherungen zu tun hatte.

Edward hatte Hunt gegenüber die Theorie geäußert, ihre derzeitige Technik, immer schneller seltsame und eigentlich ungewollte Versicherungen abzuschließen, hinge mit ihren bisherigen Versicherungsproblemen zusammen. Eine derartige Schlussfolgerung war unvermeidlich, ließ aber eine noch viel ausgedehntere Verschwörung vermuten: nicht nur eine Tretmühle, in die sie aus Versehen hineingeraten waren, sondern eine alles durchdringende Verschwörergruppe von Versicherungen, die sie aufs Korn genommen hatte und versuchte, sie zu rekrutieren. Hunt und Beth hatten die möglichen Implikationen immer wieder durchgekaut - und immer wieder waren sie genau dort geendet, wo sie angefangen hatten: in einem Zustand des Trübsinns und der Hoffnungslosigkeit und unfähig, sich eine Möglichkeit zu überlegen, sich aus dieser Falle zu befreien.

Fünf Briefe ohne Absender, mit absichtlich nichtssagenden Druckbuchstaben beschriftet, lagen im Briefkasten, als Beth nach Hause kam. Nur Augenblicke später erreichte auch Hunts Wagen die Auffahrt, und gemeinsam schauten sie die E-Mails durch. Fünfundfünfzig Mails, alle mit so hübschen Betreffzeilen wie »Verrecke!« und »Kinderschänder schmoren in der Hölle«.

Hunt löschte die Mails ungeöffnet.

Am nächsten Tag wurde Beth gefeuert.

Sie hatte damit gerechnet, den Job zu verlieren, seit sie die Arbeitsplatzversicherung abgelehnt hatte, doch das Timing überraschte sie nun doch. An einem Donnerstag? Hätte man sie gefragt - Beth hätte vermutet, es werde an einem Montag oder einem Freitag geschehen.

Und auch die Art und Weise der Kündigung war überraschend. Beth betrat ihr Büro und musste feststellen, dass ihr gesamter Privatbesitz aus den Regalen und dem Schreibtisch genommen und in Kisten verpackt worden war, die jetzt fein säuberlich auf ihrem Schreibtisch aufgestapelt waren. Neben den Kisten lag ein versiegelter Briefumschlag, auf den ihr Name aufgedruckt war; darin fand sie ein Kündigungsschreiben und ihren letzten Gehaltsscheck.

Das Kündigungsschreiben war von Earl Peters unterschrieben, dem Personalchef von Thompson Industries. Beth beschloss, ihn in seinem Büro aufzusuchen und zu zwingen, ihr die Kündigung geradewegs und persönlich ins Gesicht zu sagen, statt diesen feigen Ausweg zu wählen. Zu verlieren hatte Beth ja nichts. Sie hatte keine Arbeitsplatzversicherung abgeschlossen, also bezweifelte sie, dass irgendeine andere Firma oder irgendein anderes Institut sie einstellen würde, vor allem mit dem schlechten Empfehlungsschreiben, das sie - das wusste Beth genau - von Thompson Industries erhalten würde, trotz jahrelanger Verdienste und ausgezeichneter Arbeit. Ob Beth sich jetzt leise verzog oder mit Glanz und Gloria das Haus verließ: Sie würde sowieso nie wieder einen Job finden, bis sie diese Versicherungsgesellschaft besiegt und dieser ganze Wahnsinn endlich ein Ende hatte.

Bis sie diese Versicherungsgesellschaft besiegt hatte?

Ja. Beth wusste nicht wie, sie wusste nicht wann, aber ihr wurde klar, dass ihr unausgesprochenes Ziel die Zerstörung dieser Versicherung war. Das war das Ende, das Beth sich vorstellte. Sie hatte keine Ahnung, wie sie dabei vorgehen sollte - sie war schließlich keine schneidige Heldin in einem Roman -, doch genau das würde letztendlich geschehen, davon war Beth überzeugt. Wenn die Zeit kam und sich eine Gelegenheit bot, würden Hunt und sie handeln, ohne zu zögern.

Erneut betrachtete sie das Kündigungsschreiben, sah die hastig dahingeschmierte Unterschrift von Earl J. Peters und sagte sich, dass das jetzt ein guter Zeitpunkt war, ein wenig an ihren Kampftechniken zu feilen. Den Brief in der Hand, verließ sie mit festen Schritten entschlossen ihr Büro.

Offensichtlich war die Nachricht bereits allgemein bekannt. Auf dem Flur begegneten ihr kaum unterdrücktes Hohnlächeln und belustigtes Geflüster. Sie hörte, wie irgendein Mann das Wort »Hexe« aussprach; dann hörte sie: »Hure!« Kurz bevor sie den Fahrstuhl erreicht hatte, kam Stacy auf sie zugelaufen. In Tränen aufgelöst, schloss sie Beth in die Arme. »Wie können die das tun? Ich weiß überhaupt nicht, wie ich ohne dich weitermachen soll!«

Beth spürte plötzlich, dass auch ihr die Tränen in die Augen zu steigen drohten. Sie löste sich aus der Umarmung ihrer Freundin, wollte nicht weinen, musste ihre Anspannung, ihre Wut aufrechterhalten. »Ich ruf dich nachher an«, sagte sie. »Wir reden heute Abend drüber.«

»Aber ...«

»Ich kann jetzt nicht.« Beth strich sich vorsichtig mit einem Fingernagel über das Auge. »Ich kann es einfach nicht.«

Stacy nickte. Sie verstand. »Wohin gehst du?«

»Zum Fettsack rauf.«