Es musste einen Haken geben, doch Beth fiel keiner ein. Sie war zu abgelenkt, zu durcheinander, um sich konzentrieren zu können. Immer noch war sie wütend darüber, dass der Vertreter ihre Privatsphäre missachtet hatte und in ihr Haus eingedrungen war. Das war sicher einer seiner Tricks: Er tauchte zu völlig unpassenden Zeiten auf oder erwischte die Leute in einem unachtsamen Moment, und dann stellte er ihnen ein Ultimatum, sodass sie gar nicht die Zeit hatten, die Konsequenzen und die möglichen Fallstricke der jeweiligen Police zu durchdenken. Erst später wurden ihnen die Auswirkungen ihrer neuen Versicherung klar - und dann war es viel zu spät, noch irgendetwas daran zu ändern.
»Lassen Sie mich raten«, sagte Hunt in scharfem Ton. »Das ist ein einmaliges Angebot, und wir müssen uns jetzt sofort entscheiden, ob wir die Versicherung nehmen oder nicht.«
»Nein«, erwiderte der Vertreter. »Wenn Sie Zeit brauchen, darüber nachzudenken, dann tun Sie 's.«
Auch Hunt schien nach einem Haken zu suchen. »Wir müssen uns nicht sofort entscheiden?«
»Ich brauche eine Antwort bis heute Abend«, sagte der Vertreter. »Deshalb könnte ich jetzt gehen und später wiederkommen. Heute Abend, wenn Sie es wünschen. Wir könnten ja einen Termin vereinbaren.«
Vor ihrem geistigen Auge sah Beth, wie der Versicherungsvertreter zum vereinbarten Zeitpunkt aus ihrer Dusche kam. Oder ihre abgeschlossene Haustür öffnete und hereinspazierte. Oder aus dem Schrank in ihrem Schlafzimmer trat.
Nein, sie wollte den Kerl an diesem Abend nicht sehen, erkannte Beth. Sie wollte ihn an diesem Tag nicht mehr sehen. Wenn sie das hier wirklich durchziehen wollten, konnten sie es genauso gut jetzt gleich hinter sich bringen.
»Können Sie uns einen Augenblick Zeit lassen?«, fragte sie.
»Aber natürlich!«, erwiderte der Vertreter überschwänglich. »Ich gehe ein bisschen spazieren und schaue mir das Haus Ihrer Nachbarn an.« Er schüttelte den Kopf. »Tss, tss«, sagte er, und Beth war sich nicht sicher, ob sie jemals im Leben jemanden tatsächlich »Tss, Tss« hatte sagen hören. »Zu schade, dass die nicht versichert waren, was? Hätte denen jede Menge Ärger ersparen können.« Er lachte leise.
Hunt griff nach Beths Hand, und gemeinsam gingen sie zur anderen Seite des Gartens hinüber. »Was denkst du?«, fragte er leise.
»Ich weiß nicht genug, um schon eine Meinung zu haben«, sagte sie mit ebenso gedämpfter Stimme.
»Warum denken wir nicht darüber nach und lassen ihn später wiederkommen?«
»Er war in unserem Haus«, erinnerte Beth ihn. »Ich will nicht, dass er später wiederkommt.« Sie warf einen Blick über Hunts Schulter und sah, wie der Vertreter sich die Ruinen des Brett-Hauses anschaute, wobei er leicht auf den Fußballen vor und zurück wippte. »Außerdem, seien wir doch mal ehrlich. Haben wir je eine Versicherung abgelehnt, die er uns angeboten hat? Haben wir überhaupt eine Wahl? Es wird genau das passieren, was er sagt, wenn wir uns nicht schützen, das weißt du doch.«
»Aber wir sollten es wenigstens überfliegen.«
Beide schlugen die Broschüren auf, doch abgesehen von dem Hochglanztitelbild, auf das mit goldener Schrift »Versicherung gegen körperliche Schäden« gedruckt war, enthielten sie nur wenig Informationen. Drei kurze Absätze auf der Innenseite besagten genau das, was der Vertreter ihnen bereits erzählt hatte - nicht mehr, nicht weniger.
Hunt seufzte. »Wenn wir sie nicht nehmen, werden wir verletzt oder verwundet - oder wir werden sterben.«
Beth nickte zögernd.
»Sollen wir sie einfach nehmen?« Sie hörte die Niedergeschlagenheit in Hunts Stimme. »Die Beiträge sind festgeschrieben und garantiert. Wenigstens werden wir uns darum keine Sorgen mehr machen müssen.«
»Wir haben uns auch vorher keine Sorgen darum gemacht«, sagte Beth. »Nicht, bis er es angesprochen hat. Das ist doch seine Masche! Er spricht Dinge an, um uns zu beunruhigen, und dann bietet er uns eine Versicherung an, um uns genau in dieser Hinsicht wieder zu beruhigen.« Sie starrte auf den Mann. »Ich hasse ihn«, zischte sie. »Ich wünschte, er würde sterben.«
Hunt lächelte schief. »Gibt es dafür keine Versicherung?«
»Gäbe es eine, würde ich sie sofort abschließen.«
Zusammen gingen sie über den Rasen zum Versicherungsvertreter.
»Ich würde die Versicherung nehmen, wenn ich Sie wäre«, riet der Vertreter ihnen, und wieder dachte Beth darüber nach, wie viel kräftiger er wirkte, wie viel größer, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatten.
Wie würde er wohl aussehen, wenn sie alle nur möglichen Versicherungen bei ihm abgeschlossen hatten?
Beth wollte es gar nicht wissen.
Aber was, wenn sie sich weigerten, weitere Versicherungen abzuschließen? Wenn sie alle ihre Policen kündigen würden? Würde er dann verschwinden?
Sie würden es niemals erfahren, weil sie dann sterben würden, von einem ihrer unsichtbaren Feinde ermordet. Und der Vertreter würde sich einfach jemand anderen suchen - ein anderes Pärchen, eine andere Familie. Und dann würde er denen immer aufdringlicher seine immer persönlicheren Versicherungen verkaufen.
Der Vertreter hatte recht. Sie hatten keine andere Wahl. Sie mussten unterschreiben.
»Wir nehmen sie«, bestätigte Hunt.
Sichtlich zufrieden nickte der Vertreter. »Sie haben die richtige Entscheidung getroffen«, erklärte er ihnen. »Die einzig mögliche Entscheidung, um ehrlich zu sein. Langfristig werden Sie froh sein, diese Versicherung abgeschlossen zu haben, das garantiere ich Ihnen.«
Doch Beth bezweifelte stark, dass es so kommen würde.
Die drei gingen zur Veranda hinauf, wo der Vertreter seinen Aktenkoffer abgestellt hatte. Beth ließ Hunts Arm los. Mutlos griff Hunt nach dem Klemmbrett, nahm den Stift, den der Vertreter ihm reichte, und unterzeichnete. Beth folgte seinem Beispiel.
In diesem Augenblick kam Joel vorgefahren und stellte den Wagen vor dem Haus auf der Straße ab. Beth blickte vom Klemmbrett auf und versuchte, durch die getönten Scheiben des Wagens zu blicken. Sie hoffte inständig, dass Joel nicht Stacy und Lilly mitgebracht hatte. Sie stieß innerlich einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie erkannte, dass Joel tatsächlich allein war. Lilly sollte den Kerl auf keinen Fall zu sehen bekommen; dieses Monstrum hätte es fertiggebracht, mit dem Mädchen zu sprechen.
»Hi!« Joel war aus dem Wagen gestiegen und kam jetzt auf die Veranda zu. Er brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was vor sich ging. Als er den Vertreter erkannte, verschwand sein Lächeln, und seine Schritte wurden langsamer. Beth fühlte sich schmutzig; es war ihr peinlich, als hätte man sie bei etwas Beschämendem ertappt.
Sie gab dem Vertreter das Klemmbrett zurück.
Er nahm es ihr aus der Hand und winkte Joel zu, begrüßte ihn herzlich. »Hallo!«, rief er. »Schön, Sie wiederzusehen, Mr. McCain!«
Missmutig verzog Joel das Gesicht, als er die Veranda erreicht hatte. »Was wollen Sie denn hier?«, fragte er herablassend.
»Ich verkaufe Ihren guten Freunden eine unserer wertvollen Versicherungen gegen körperliche Schäden - eine der alles abdeckenden Policen für einen ausgedehnten Bereich von Zwischenfällen und Tätigkeiten. Sie sollten auch mal darüber nachdenken, ob Sie für Ihre Familie nicht eine solche Police abschließen wollen, Mr. McCain. Dann schläft es sich nachts besser.«
Joels Gesicht wurde sichtlich bleicher.
»Bedauerlicherweise muss ich weiter und habe keine Zeit mehr, jetzt mit Ihnen darüber zu sprechen.« Der Vertreter verstaute das Klemmbrett und die Papiere und griff nach seinem Aktenkoffer. »Ich habe heute einen anstrengenden Tag. Ich muss noch meine Lebensversicherungsquote schaffen und werde noch mit fünfzig, sechzig Familien sprechen, ehe dieser Tag um ist.« Er lächelte. »Drücken Sie mir die Daumen.«
Die drei schauten ihm schweigend hinterher, als er zum Bürgersteig hinüberging, dann nach rechts abbog und unbeschwert die Straße hinunterspazierte.