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2.

Hunt erwachte mit einem Gefühl des Unwohlseins.

Heute war ein Feiertag, und er musste nicht zur Arbeit, also hätte er eigentlich froh und zufrieden sein können, doch der Himmel war grau, eine geschlossene Wolkendecke lag drückend über der Stadt und presste sich wie eine Bleischicht auf die Welt darunter. Das alles passte zu Hunts Befinden. Vielleicht lag es an den Nachwirkungen eines Traumes, an den er sich nicht mehr erinnern konnte. Oder eine Art sechster Sinn verriet ihm, dass irgendetwas nicht stimmte ...

Der Platz neben ihm im Bett war leer und kalt. Beth war schon aufgestanden. Es war ungewöhnlich für sie, ihn nicht zu wecken, und er fragte sich, warum sie ihn hatte weiterschlafen lassen. Noch sonderbarer war, dass im ganzen Haus nichts zu hören war: kein Radio, kein Fernsehen. Auch die Stereoanlage war nicht eingeschaltet, Hunt hörte nicht einmal die Bewegungsgeräusche, die ihm von Beths Frühstücksritual in der Küche nur zu vertraut waren.

In Hunt stieg Entsetzen auf.

Er schwang sich aus dem Bett, streifte sich eine Hose über und ging in die Küche, in der Beth am Tisch saß und auf die Titelseite der Zeitung starrte. Sie hatte keinen Kaffee gemacht und das Frühstück nicht vorbereitet. Als Hunt hereinkam, schaute sie ihn mit kalkweißem Gesicht an. Ihre Hände zitterten, als sie ihm die Zeitung hinhielt. Die Schlagzeile schrie Hunt entgegen: SCHLIMMSTE NACHT IN DER GESCHICHTE VON TUCSON! 45 TOTE!

Hunt wusste genau, warum Beth ihn nicht geweckt hatte, und er wusste jetzt auch, dass dieses undeutliche Gefühl des Entsetzens voll und ganz berechtigt war. Wie betäubt nahm er ihr die Zeitung aus der Hand.

Fünfundvierzig Tote in einer Nacht?

Muss noch meine Lebensversicherungsquote schaffen.

Hunt zweifelte keinen Augenblick daran, dass diese Todesfälle unmittelbar mit dem Besuchsmarathon des Versicherungsvertreters zusammenhingen, bei dem er fünfzig oder sechzig Familien aufsuchen wollte. Doch Hunt war geradezu erschlagen, als ihm bewusst wurde, welche Macht diese Versicherungsgesellschaft wirklich besaß. Fünfundvierzig Menschen in einer einzigen Nacht umzubringen, war nicht bloß ein beeindruckend schwieriges Unterfangen und eine logistische Meisterleistung: Es war schlichtweg unmöglich. Zum ersten Mal verstand Hunt ganz und gar, wie mächtig, fast allwissend ihr Gegner wirklich war.

Beeindruckend schwieriges Unterfangen? Logistische Meisterleistung?

Er schämte sich, so kalt und nüchtern zu denken, doch die Größenordnung dessen, was hier geschehen sein musste, war so gewaltig, dass Hunt gar nicht anders konnte, als es derart sachlich und leidenschaftslos zu betrachten. Er konnte seine Gedanken nicht auf ein einziges Individuum fokussieren, das ihm vertraut genug gewesen wäre, um echtes Mitgefühl und echte Trauer bei ihm hervorzurufen. Wenn eine Tragödie solche Ausmaße annahm, wurde sie unpersönlich. Dann blieben nur noch Zahlen und Statistiken, keine Namen und Gesichter mehr.

Hunt setzte sich zu Beth an den Tisch und las den Zeitungsbericht:

In der letzten Nacht, die ein Polizeisprecher als »gewalttätigste in der Geschichte von Tucson« bezeichnet hat, sind fünfunddreißig Männer und zehn Frauen bei anscheinend nicht miteinander in Verbindung stehenden Morden ums Leben gekommen. »So etwas haben wir noch nie erlebt«, erklärte Brad Neth, Polizeichef von Tucson, und fügte hinzu, seine Männer seien durch diese außergewöhnliche hohe Anzahl von Gewaltverbrechen innerhalb von nur acht Stunden bis zum Letzten ausgelastet. Mord mit anschließendem Selbstmord der Täter und häusliche Gewalt sind für die meisten Todesfälle der vergangenen Nacht verantwortlich, wobei drei Frauen und fünfzehn Männer durch ihre Lebensgefährten erstochen, erschossen oder erwürgt wurden. Vier Männer starben durch Selbstmord. Achtzehn Todesfälle sind auf Bandenkriminalität zurückzuführen. Bei sechs Angriffen aus fahrenden Autos kamen im Old-Pueblo-District elf Menschen ums Leben. Bei der Auseinandersetzung zweier rivalisierender Banden, an der polizeilichen Schätzungen zufolge fünfzig bis sechzig Personen beteiligt waren, starben sieben Menschen. Fünf Personen wurden allem Anschein nach Opfer willkürlicher Gewalttaten.

Auch wenn konkrete Zahlen bisher nicht vorliegen, ist die Anzahl der Todesopfer Sergeant Wilson zufolge weit höher als in einer durchschnittlichen Nacht in New York, Los Angeles oder Chicago. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser von Tucson waren hoffnungslos überlastet.

Auf Seite achtundzwanzig ging der Artikel weiter, und Hunt blätterte, um zu Ende zu lesen, doch dann fiel sein Blick auf einen anderen, sehr viel kleineren Artikel auf der gleichen Seite: FRAU STIRBT BEI UNFALL MIT FAHRERFLUCHT. Hunt wusste nicht, was ihn an einem derart unbedeutenden Allerwelts-Artikel interessierte - vielleicht war es gerade die nichtssagende Überschrift -, und so überflog er schnell die beiden Spalten, um zu erfahren, dass kurz nach Sonnenuntergang eine Frau, die in einigen hundert Metern Entfernung zur nächsten Ampel die Congress Avenue zu überqueren versuchte, von einem bisher unidentifizierten schwarzen Lastwagen erfasst wurde und noch an der Unfallstelle starb. Das Fahrzeug hatte unmittelbar darauf den Unfallort verlassen.

Plötzlich fühlte sich Hunts Mund sonderbar trocken an. Es war Eileen.

Im Artikel wurde sie als »Eileen Marx« bezeichnet - was bedeutete, dass sie wieder ihren Mädchennamen angenommen hatte. Sie ist allein gestorben, dachte Hunt, und das machte es für ihn tragischer als alles andere. So zickig, wie sie in den letzten Monaten auch gewesen sein mochte, so schlimm, wie ihre Beziehung auch geworden war - Hunt konnte sich auch noch an die Zeit erinnern, in der es eine gute Beziehung gewesen war. Er sah vor seinem geistigen Auge noch immer das unschuldige Mädchen aus der Highschool, die ihn gefragt hatte, ob er mit ihr zum Sadie-Hawkins-Dance gehen wolle - und die später schüchtern nachgefragt hatte, ob sie »mehr als nur Freunde« werden würden. Und das Gefühl, das Hunt damals verspürt hatte, erfasste ihn erneut, nach all den Jahren.

Beth musste seine Miene gesehen haben. »Was ist denn?«

»Eileen«, sagte er. »Meine Exfrau.«

Selbst diese Worte klangen irgendwie traurig: Es war die hoffnungslose Beschreibung einer einsamen Frau, die er zum letzten Mal gesehen hatte, als sie gerade alleine in einen Bus stieg. Innerlich fühlte Hunt sich leer; er war viel trauriger, als er jemals erwartet hatte. Zum Teil war es Mitleid mit seiner Exfrau, doch zum Teil litt er tatsächlich auch um seiner selbst willen. Eileens Tod hatte jegliche Verbindung zu Hunts eigener Jugend gekappt, hatte ein für alle Mal die Tür verschlossen, die zurück in diese sorglosen, viel optimistischeren Tage führte.

Beth wusste nicht, wie sie reagieren sollte. »Das tut mir leid«, brachte sie schließlich hervor. Doch ihre Stimme verriet den Zwiespalt, in dem sie sich sah, und Hunt griff nach ihrer Hand und drückte sie zärtlich.

Noch einmal las er die Allerwelts-Überschrift: FRAU STIRBT BEI UNFALL MIT FAHRERFLUCHT. War das purer Zufall?, fragte Hunt sich. Oder war auch Eileen von diesem Versicherungsvertreter aufgesucht worden? Hatte er auch ihr eine Police angeboten, die sie nicht hätte ablehnen sollen?

Alleine schon bei dem Gedanken daran wurde Hunt speiübel.

Das Telefon klingelte, und Hunt stand auf, um nach dem Hörer zu greifen; er fürchtete schon halbwegs, es könne der Vertreter sein, der ihnen weitere Versicherungsleistungen anbieten wolle. Doch es war Joel, der sich nicht einmal die Mühe machte, ihn zu begrüßen. »Hast du die Zeitung gelesen?«

»Ja«, bestätigte Hunt.

»Glaubst du ...?«

»Ja.«

Einen Augenblick lang schwiegen beide.

»Er hat mir eine Versicherung gegen körperliche Schäden angeboten«, sagte Joel leise.