»Nimm sie«, riet Hunt ihm. »Ihr habt ein Kind.«
»Wie ist das passiert? Wie sind wir da reingeraten?«
»Ich weiß es nicht.«
»O Gott!«, schrie Beth. Sie riss die Augen auf.
»Warte mal«, sagte Hunt nur zu Joel. Dann legte er die Hand auf die Sprechmuschel. »Was ist?«
Beth deutete auf die Titelseite der Zeitung - auf ein Foto der Gegend, wo der Bandenkrieg getobt hatte. Bisher hatte Hunt sich nicht die Mühe gemacht, dieses Foto genauer zu betrachten, doch jetzt schaute er hin, drehte die Zeitung so, dass sie für ihn nicht mehr auf dem Kopf stand, und spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror. Polizeiliches Absperrband sicherte einen Abschnitt der Straße, auf dem zahlreiche Leichen lagen. Zu beiden Seiten des Bildes waren Streifenwagen mit flackernden Warnlichtern und ein Krankenwagen zu erkennen. Im Vordergrund stand eine Menschenmenge.
Und rechts neben der Menschenmenge, abgesondert und allein, stand ein Geist.
Ihr Geist.
Der Geist, den Beth und Hunt im Spiegel des Gästezimmers gesehen hatten.
Der Mann mit Hut.
Hunts Gedanken überschlugen sich. Vielleicht war es doch kein Geist. Vielleicht war das, was sie im Gästezimmer gesehen hatten, etwas ganz anderes. Edward hatte erzählt, mehrere Männer mit Hüten seien auf ihn zugekommen, hätten die Leiter umstellt und dann die Äste der Bäume auf ihn hinabgeschleudert. »Schlägertypen« hatte Edward sie immer genannt - auch wenn sie alle nur zu genau wussten, dass diese Männer viel mehr waren. Bis zu diesem Augenblick hatte Hunt Edwards Beschreibung dieser Gestalten nicht mit der geisterhaften Erscheinung aus dem Gästezimmer in Verbindung gebracht ... doch allmählich ergab dies alles auf aberwitzige, bizarre Art einen Sinn.
Wieder schaute er das Foto in der Zeitung an. Diese Kreaturen schienen immer dann aufzutauchen, wenn Probleme mit Versicherungen zu Tod und Zerstörung führten - wann immer es erforderlich war, deutlich darauf hinzuweisen, was geschehen konnte, wenn man keine Versicherung abschloss oder wenn die vereinbarten Konditionen einer Police eingefordert werden mussten. Hunt zweifelte nicht daran, dass sich irgendwo auf dem Gelände eine dieser Gestalten herumgedrückt hatte, als das Haus der Bretts ausgebrannt war, und er bezweifelte auch nicht, dass der Fahrer des Wagens einen Hut getragen hatte, als Kate Gifford ums Leben gekommen war.
Sie alle waren Vertreter der Versicherungen. Echte Versicherungs-Agenten, eher noch agents provocateurs, klassische Lockspitzel. Männer - oder Kreaturen -, die ausgeschickt wurden, auf Geheiß der Gesellschaft hin aktiv zu werden.
»Bist du noch da?«, fragte Joel. »Hallo?«
Hunt nahm die Hand von der Muschel. »Schau dir das Foto auf der Titelseite an«, sagte er. »Unten rechts.«
»Ach du Scheiße!«, stieß Joel hervor.
»Als Edward seinen so genannten Unfall hatte, da hat er Männer gesehen, die genau so ausgesehen haben.« Er holte tief Luft. »Beth und ich haben auch einen von denen gesehen. In unserem Gästezimmer. Wir hielten ihn zuerst für einen Geist.«
Er erwartete Fragen. Keine Witze, keinen Spott - wie es unter normalen Umständen unweigerlich der Fall gewesen wäre -, sondern ernst gemeinte Fragen.
Doch Joel brachte es gar nicht aus der Fassung. »Ich habe einen von denen im College gesehen - da hat er gerade mit der jungen Frau geredet, die mir ins Auto gefahren ist. Und genau so hat Lilly auch den Mann beschrieben, den sie mit Kate gesehen hat.«
»Sie hat zusammen mit Kate einen Mann gesehen? Das hast du mir gar nicht erzählt.«
Beth spitzte die Ohren.
»Man hat dich ja freigelassen, und Kate ... na ja, ich schätze, mich hat die ganze Sache einfach überfordert. Aber es stimmt schon, Lilly hat vielleicht mit eigenen Augen genau diesen Kinderschänder gesehen.«
»O Gott.«
»Und was machen wir jetzt?«
»Ich weiß es nicht«, gab Hunt zu.
»Wir müssen doch irgendetwas tun! Sollen wir zur Polizei gehen?«
»Womit denn?« Hunt blickte zu Beth hinüber, die noch einmal das Foto anschaute. »Rede mit Stacy«, sagte er. »Ich ruf dich nachher wieder an. Ich leg mir einen Plan zurecht.«
In dem Augenblick, als er auflegte, klingelte das Telefon erneut.
Jorge.
»Hol dir eine Ausgabe des Ledger von heute«, sagte er einfach nur. »Auf der Titelseite ist einer der Pfleger, die mich betäubt haben.«
Jorge klang, als wäre er völlig klar im Kopf. Der Zorn hatte die Verzweiflung vertrieben; Hunt hörte die wilde Entschlossenheit in der Stimme seines Freundes, diese Sache bis zum Ende durchzuziehen.
Der alte Jorge war wieder da.
Hunt sprach über Edward, über Joel und das College, über Lilly, über ihren »Geist« und sagte dann: »Die arbeiten für die Versicherungsgesellschaft.«
»Diese Dreckskerle knöpfe ich mir vor. Für das, was die getan haben, bring ich die um. Und wenn ich diesen Versicherungsvertreter wiedersehe ...«
»Hast du schon eine Idee, was du tun willst?«
»Nein. Du?«
»Nein«, gab er zu. »Aber Joel macht auch mit.«
»Hast du schon mit Edward gesprochen?«
»Nee.«
»Das mach ich jetzt gleich. Ich ruf dich wieder an.«
Schon war die Leitung tot, und Hunt legte den Hörer auf die Gabel.
»So kann es nicht weitergehen«, sagte Beth. »Wir müssen etwas tun. Wir müssen die aufhalten!«
Hunt nickte zustimmend. Sie hatten schon zu lange gewartet, hatten nur dagestanden und nichts getan, während zahlreiche Menschen verletzt und sogar umgebracht worden waren.
Aber was konnten sie tun? Wie sollten sie gegen etwas ankämpfen, was nach Lust und Laune Unfälle und Festnahmen arrangierte? Was keinerlei Bedenken hatte, Menschen zu töten? Was in der Lage war, in einer Nacht fünfundvierzig ... sechsundvierzig ... Menschen zu ermorden?
»Ich gehe ins Bad und zieh mich an«, sagte Beth. »Du duscht, und dann fahren wir zu Joel und Stacy und zerbrechen uns gemeinsam die Köpfe.«
»Okay.« Hunt folgte seiner Frau aus der Küche. Beth ging in die Gästetoilette. Hunt wollte sich gerade aus dem Schlafzimmer etwas zum Anziehen holen, als er feststellte, dass die Tür zum Gästezimmer halb offen stand.
Sie war aber zu gewesen.
Es durchlief ihn eiskalt.
Er hörte ein lautes Klopfen, und die Tür zum Gästezimmer schwang ruckartig in den Raum hinein. Jemand hatte sie von innen geöffnet.
Der Versicherungsvertreter trat auf den Flur, in der Hand seinen Aktenkoffer.
Hunt hatte das gleiche Gefühl in den Eingeweiden wie beim ersten Mal, als der Versicherungsvertreter aufgetaucht war: Abscheu, Ekel, Widerwille, ausgelöst durch Furcht.
Der Vertreter trug einen schwarzen Anzug, genau das, was man zu einer Beerdigung anziehen würde. Er war jetzt mindestens fünf Zentimeter größer als Hunt, und viel breitschultriger. Seine Zähne wirkten unnatürlich weiß, als hätte er sie erst kürzlich überkronen lassen. Und sie waren zu groß, als wären übergroße Kronen verwendet worden.
Hunt erinnerte sich, wie der Versicherungsvertreter sie dazu gebracht hatte, ihn beim ersten Mal in ihr Haus zu bitten: genau so, wie es, den Legenden zufolge, notwendig war, damit ein Vampir ein Haus betreten konnte.
Das hätten sie nicht tun dürfen. Hätten sie ihn nicht hereingelassen, hätte er vielleicht nicht Fuß fassen können und wäre vielleicht weitergezogen. Jetzt konnte dieser Dämon jederzeit in ihrem Haus erscheinen, wann immer er wollte.
Vampire. Dämonen.
Was genau dieser Vertreter nun wirklich war, entzog sich Hunt immer noch, doch es musste tatsächlich etwas in dieser Richtung sein. Doch es war ein Rätsel, das vielleicht niemals gelöst werden konnte. Wenn Menschen in Romanen oder Filmen in schreckliche Ereignisse verwickelt wurden, die weit über ihren Verstand hinausgingen, zeichneten sich letztendlich immer irgendwelche Erklärungen ab. Durch Nachforschungen oder die Geschwätzigkeit der Bösen selbst erfuhren die Helden letztendlich nicht nur das Wie, sondern auch das Warum und brachten in Erfahrung, was wirklich geschah. Sie erfuhren den Grund für alles - und auch eine Möglichkeit, das Böse zu besiegen. Im wahren Leben jedoch gab es niemanden, der solche Antworten parat hatte.