»Guten Morgen!«, grüßte der Vertreter mit geheuchelter Fröhlichkeit und streckte die Hand aus. Seine Handflächen waren völlig glatt; nirgends gab es Falten oder Linien, wie Hunt jetzt erst bemerkte. Und die Fingerknöchel traten sonderbar hervor. Hunt hatte solche Hände schon einmal gesehen - auf einem Gemälde, oder in irgendeinem Film -, doch er konnte sich nicht mehr erinnern.
Hunt reagierte nicht auf die dargebotene Hand, doch der Vertreter schien es ihm nicht übel zu nehmen. »Wie herrlich es heute ist«, sagte er und atmete tief durch, als wolle er die gute Luft genießen. »Dass man so einen wundervollen Tag erleben darf!«
Aus der Gästetoilette hörte Hunt Beths kurzen, schrillen Aufschrei.
»Die musste aber dringend, was?« Der Vertreter grinste. »Ich wette, das reicht für eine ganze Gartenbewässerung.«
»Raus«, sagte Hunt nur.
Die Tür der Gästetoilette wurde aufgerissen, und Beth kam auf den Flur gestürmt. Sie hatte eine Hose und ein T-Shirt angezogen, und eiskalte Wut stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Raus mit Ihnen!«, schrie sie. »Wir wollen Sie hier nicht haben!« Sie versuchte, den Mann von sich zu stoßen, doch er griff blitzartig nach ihren Händen und bewegte sie auf und ab, wie bei einem bizarren Begrüßungsritual. Sofort wich Beth zurück, als hätte sie in frische Exkremente gegriffen.
»Ich bin doch nur aus Gefälligkeit hier«, erklärte er ruhig. »Wie ich Ihrem Gemahl gerade schon sagte, während Sie mit so wenig erwähnenswerten anderen Dingen beschäftigt waren, ist es herrlich, so einen wunderbaren Tag erleben zu dürfen. Und genau deswegen bin ich heute hier, um sicherzustellen, dass Sie tatsächlich auch am Leben bleiben - um Sie vor den Schicksalsschlägen zu bewahren, die diese moderne Welt bereithält. Ich möchte Sie vor all den entsetzlichen Realitäten geschützt wissen, mit denen man sich Tag für Tag auseinandersetzen muss.« Er deutete auf den Flur, der vor ihm lag. »Wollen wir uns nicht in die Küche setzen? Vielleicht eine schöne Tasse Kaffee trinken und uns über das äußerst weitreichende Deckungskonzept der Lebensversicherung unterhalten, die wir anbieten?«
Lebensversicherung.
Hunt schaute zu Beth hinüber. Jetzt, nachdem sie wussten, was ihnen drohte, hatten sie beide nicht mehr den Mut, den Vertreter einfach aus dem Haus zu werfen ...
sechsundvierzig
... und so gingen sie in die Küche zurück, eingeschüchtert und zögerlich. Beide lehnten sich mit dem Rücken an die Küchenspüle, anstatt sich wieder an den Tisch zu setzen.
Der Vertreter legte seinen Aktenkoffer auf den Tisch und blieb wartend stehen. Hunt war entschlossen, keine Fragen zu dieser Versicherung zu stellen. Er wollte nur den Vertreter reden lassen. Beth schwieg ebenfalls.
»Also gut. Ich werde die Sache dann ins Rollen bringen.« Die Sprache des Vertreters war abgehackt, verärgert. »Ich biete Ihnen eine Lebensversicherung. Ich werde nicht auf Details eingehen, weil Sie offenbar nicht sonderlich interessiert sind an meinen Informationen. Außerdem glaube ich, das Konzept einer Lebensversicherung erklärt sich von selbst.« Er öffnete seinen Aktenkoffer. Dieses Mal holte er keine Broschüren hervor, keine Flugblätter, keinerlei Zugeständnisse an die Gebote und Gesten der Höflichkeit, die in der normalen Welt üblich waren. Stattdessen zog er ein übergroßes Formular hervor, auf dickeres Papier gedruckt, und breitete es auf dem Küchentisch aus.
Hunt wollte nicht hinsehen, doch er tat es trotzdem. Er sah Worte und Sätze, so klein gedruckt, dass er bezweifelte, sie ohne Lupe überhaupt lesen zu können.
»Dieses Mal«, sagte der Vertreter, »muss ich allerdings leider auf eine sofortige Antwort bestehen.«
»Wir müssen doch darüber reden!«
»Eine sofortige Antwort!« Er hämmerte auf die Tischplatte.
Hunt schaute zu Beth hinüber, die nur unglücklich nickte.
»Okay«, sagte er.
»Ausgezeichnet, ausgezeichnet.« Jegliche Verstimmung war aus der Stimme des Versicherungsvertreters verschwunden. Jetzt wirkte er nicht mehr pikiert, sondern sprach wieder in der leicht affektierten Art des geübten Verkäufers. »Ich gratuliere Ihnen zu einer richtigen Entscheidung.«
In einem Ritual, das Beth und Hunt mittlerweile nur zu vertraut war - was es für sie beide aber nicht weniger abscheulich machte -, reichte er ihnen Stifte, und sie unterzeichneten das Antragsformular.
Dann schob der Vertreter es wieder in seinen Aktenkoffer zurück, schloss ihn und stellte ihn auf dem Fußboden ab. Hunt und Beth hatten erwartet, dass er sich jetzt fröhlich oder spöttisch von ihnen verabschieden würde, stattdessen blieb er stehen und schaute schweigend aus dem Fenster. »Kommen Sie doch mal her, Mr. Jackson!«, sagte er schließlich. »Erzählen Sie mir, was Sie dort sehen.«
Zögerlich trat Hunt neben den Vertreter und schaute aus dem Fenster zu den Ruinen des Hauses hinüber, in dem die Bretts gewohnt hatten.
»Was sehen Sie?«
Hunt zuckte mit den Schultern. »Ein ausgebranntes Haus.«
»Genau so sähe Ihr Haus aus, wenn ein Terrorist beschließen würde, ein Flugzeug genau in ihr Dach zu steuern, oder wenn ...« Er sprach den Satz nicht zu Ende.
»Es ist wirklich eine Schande, dass die gar keine Versicherung hatten«, sagte er dann leise, fast wie zu sich selbst.
Es war schon das zweite Mal, dass er so etwas über das Haus der Bretts gesagt hatte, und Hunt kam zu dem Schluss, dass es für den Vertreter zu einer Art fixer Idee geworden sein musste. Hatte er Ed Brett eine Versicherung angeboten und war abgeblitzt? Oder war es einfach nur die Tatsache, dass die Bretts gar keine Versicherungen abgeschlossen hatten, was ihn so wurmte, dass es ihn nicht mehr losließ?
Der Vertreter wandte sich wieder Hunt zu und strahlte ihn regelrecht an. »Aber das kann Ihnen ja egal sein. Sie haben eine mehr als ausreichende Deckung, und mit diesem Neuzugang zu Ihrem Leistungskatalog sind Sie vor viel mehr geschützt als der durchschnittliche Versicherungsnehmer.« Er tätschelte Hunt die Schulter, und Hunt musste gegen das instinktive Bedürfnis ankämpfen, sich angewidert vor ihm zurückzuziehen. »Ich bin sehr stolz auf Sie.«
Hunt blickte zu Beth hinüber und sah ihren sonderbaren, unergründlichen Gesichtsausdruck. Nervös zog sie sich rücklings an die Küchenspüle zurück.
Der Vertreter machte ein paar Schritte und griff nach seinem Aktenkoffer, ehe er zur Küchentür ging. »Es ist mir eine Freude, mit Ihnen ein Geschäft zu machen.«
Hunt hätte ihn an liebsten zusammengeschlagen. Er wollte fühlen, wie seine Faust Gesicht und Körper dieses Scheusals traf und die Knochen bersten ließ. Doch er hatte das beunruhigende Gefühl, dass unter dem Fleisch dieses Mannes gar keine Knochen waren, und dass das Fleisch sich nicht wie Fleisch anfühlen würde.
Mit einem schnellen Winken war der Vertreter durch die Tür und verschwand. Durchs Küchenfenster blickte Hunt ihm nach, schaute zu, wie er den Pfad hinunterging, zwischen den Ocatillas hindurch, bis er auf den Bürgersteig trat. Hunt war versucht, ihm zu folgen und festzustellen, wohin der Mann ging. Er hatte keine Ahnung, ob der Versicherungsvertreter jeden Weg zu Fuß machte, ob er von einer Limousine mit Fahrer durch die Gegend kutschiert wurde, ob er mit dem eigenen Wagen fuhr oder den Bus nahm. Aus irgendeinem Grund konnte man vom Haus aus nie sehen, welches Verkehrsmittel der Mann benutzte. Das war ein weiteres, unheimliches Rätsel, das diesen Mann umgab. Aber dieses Rätsel konnte Hunt vielleicht sogar lösen.
Es war ein Punkt, an dem er ansetzen konnte.